„Ich bin nicht gut genug.“ – Über die Macht und die Überwindung eines Glaubenssatzes aus der Kindheit

Wieder zurück aus dem Urlaub, möchte ich meinen Schwung heute nutzen, um ein Thema anzufassen, auf dem ich schon eine Weile herumkaue, weil es mich aktuell sehr bewegt:

„Ich bin nicht gut genug!“

Das ist ein tief sitzender Glaubenssatz, der mir in den letzten Monaten immer wieder begegnet ist.

In meiner persönlichen Selbstentwicklung spielt er eine große Rolle, da er mich viele Jahre lang unbewusst beeinträchtigt hat. Auch in der intensiven 1:1 Arbeit mit meinen Coaching-Klienten erlebe ich immer wieder, dass er auftaucht und sich als eine zentrale Triebfeder für innere Anspannung und letztlich auch unwillkürliche Wutausbrüche gegenüber den eigenen Kindern und Partnern darstellt. Kurz gesagt: Dieser Glaubenssatz macht vielen Menschen schwer zu schaffen und es ist Zeit, ihn zu beleuchten, ihn anzuzweifeln und letztlich los zu werden.

Vielleicht fragst du dich jetzt, was Glaubenssätze sind und wie sie überhaupt entstehen?

Die Psychotherapeutin und Autorin Stefanie Stahl hat dazu eine prägnante Definition gegeben, die ich gern zitieren möchte:

„Glaubenssätze sind tiefe und häufig unbewusste Überzeugungen über uns selbst, das Miteinander und über wie die Welt.“ (aus: Das Kind in dir muss Heimat finden)

Glaubenssätze sind also Gedanken, die wir so stark glauben, dass wir sie für die Wahrheit halten. Wir kommen häufig nicht auf die Idee, sie anzuzweifeln, weil wir schlicht von ihnen überzeugt sind.

Sie entstehen meist in sehr jungen Jahren in uns. Bis zum sechsten Lebensjahr sind wir bedingt durch unsere Hirnentwicklung sehr offen. Wir nehmen quasi jegliche Informationen ungefiltert in uns auf und werden stark von ihnen geprägt. Die Erfahrungen aus diesen ersten Jahren graben sich tief in unser Gehirn ein und bleiben häufig im Unbewussten verborgen, wirken aber von dort intensiv auf unser Erleben als Erwachsene ein.

Glaubenssätze manifestieren sich somit als eine Art Filter (mehr dazu in diesem Artikel), durch die wir die Welt wahrnehmen und interpretieren.

Der Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug.“ entsteht meinem Erachten nach in vielen Fällen durch die Nichterfüllung unserer Bedürfnisse nach Anerkennung und Wertschätzung im Kindesalter. Bei mir war das auch so und die Geschichten der Menschen, mit denen ich in diese Richtung arbeite, bestätigen meinen Verdacht.

Meine persönliche Variante von „Ich bin nicht gut genug.“ habe ich letztes Jahr bei der Teilnahme an einem Vertiefungsseminar zur Gewaltfreien Kommunikation entdeckt. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich plötzlich im Rahmen einer "harmlos" anmutenden Übung erkannte, wie sehr ich von dem Hunger nach Anerkennung getrieben bin. Der Satz „Ich bin nur wertvoll, wenn ich etwas leiste.“ stellte sich als meine persönliche Version von „Ich bin nicht gut genug.“ heraus.

Wie beeinflussen uns Glaubenssätze?

Glaubenssätze sind gedanklich Schienen, in denen wir unbewusst fahren und sie steuern damit ein Stück weit unser Verhalten und unsere Reaktionen in alles möglichen Situationen.

Was habe ich für die seit Kindheitstagen in mir hungernde Anerkennung alles getan? Die Palette ragt von schulischen und später beruflichen Leistungen, über die Opferung einer Menge Freizeit für "verantwortungsvolle Aufgaben" hin zum Klassiker des "nicht Nein sagen können" bei Bitten um Gefälligkeiten aus Angst vor Zurückweisung. Und dazu kommt noch die Dimension einer permanenten inneren Anspannung, die mich antrieb, vor allem mir selbst die Würdigkeit von Anerkennung und Wohlwollen zu beweisen. Was für ein Stress...

Das war eine wirklich bittere Erkenntnis. Ich ging dazu über, mir bewusst zu machen, dass ich dieses Muster nur durchbreche, wenn ich es schaffe, diesen Hunger nach Anerkennung und Wertschätzung auf eine „gesündere“ Art und Weise zu stillen.

Wie kann man einen Glaubenssatz überwinden?

Der Weg, aus den oben beschriebenen Verhaltensmustern auszubrechen, führte dazu, dass ich, die erwachsene Mareike, meinem inneren Kind die Anerkennung gegeben habe, die es brauchte. Dafür habe ich mich immer wieder in Meditation begeben und achtsam wahrgenommen, was alles an unangenehmen Gefühlen mit diesem Glaubenssatz einher ging. Den Schmerz darüber habe ich zunächst einfach angenommen, indem ich ihn habe „so sein lassen“. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut die achtsame Betrachtung einer Sache die Bedrohlichkeit nimmt.

So konnte ich plötzlich auch sehr schmerzhafte oder bedrohliche Kindheitserfahrungen noch einmal durchleben und Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Trauer und Schmerz annehmen. Ich erinnerte viele Szenen, die mit diesem Glaubenssatz in Verbindung stehen. Wiederholt habe ich dann mein inneres Kind in den Arm genommen, ihm gegeben, was es braucht, und mich ihm mit der liebevollen Annahme und Wertschätzung der erwachsenen Mareike zur Seite gestellt.

Das war der Auftakt einer Welle an Befreiungsschlägen und eine intensive Phase der Emanzipation, durch die ich seither immer noch gehe. Das wirkt sich insofern aus, als dass ich alles, was ich bisher getan habe (berufliche, soziale und private Aktivitäten), wie meine Ehrenämter, freundschaftliche Beziehungen usw. nach dem Kriterium hinterfrage, ob ich etwas tue, weil ich nach Anerkennung hungere, oder ob ich es wirklich will und aus Freude und Spaß (manchmal auch Notwendigkeit) tue. Ich habe dabei zum Beispiel erkannt, dass ich die Neigung habe, viel zu viel Verantwortung zu übernehmen (weil es dafür häufig Anerkennung gibt), mir Dinge aufzuhalsen, die mir einfach keinen Spaß machen und die mich viel Kraft kosten.

Mir wurde bewusst, dass ich quasi wie eine Bedürftige viele Aspekte in meinem Leben angegangen bin, unbewusst immer glaubte, allen zeigen zu müssen, wie wertvoll ich bin. Ich bin nie davon ausgegangen, dass ich wertvoll bin, egal, wie viel ich leiste. Dass ich sein darf, auch wenn ich einmal nichts leiste, nehmen darf, ohne unmittelbar eine Gegenleistung zu geben usw.

Als mir all dies bewusst wurde und ich daran ging, mein inneres Kind mit dem zu versorgen, was es braucht, ihm selbst diese Anerkennung zu geben, dann wurde es zusehends stiller in mir. Ich erlebe mich zusehends genährter und auch mutiger, weil ich merke, dass ich die äußere Anerkennung nicht mehr in dem Maße brauche. Durch diese Form des „Aufräumens“ hat eine neue Reise begonnen. In diesem Jahr habe ich viel verändert, viele meiner Beziehungen hinterfragt, sie versucht neu zu definieren und mich von ihnen gelöst, wenn ich spürte, da steckt der Hunger nach Anerkennung dahinter, den es so unmittelbar nicht mehr gibt, weil ich ein ganzes Stück mehr in mir ruhe.

Update: Weil das Thema so viel Resonanz erzeugt hat, ich viele Rückmeldungen erhalten habe, gebe ich dazu "spontan" am 19.08.2017 um 19 Uhr ein Webinar! Wenn du dabei sein willst oder eine Aufzeichnung bekommen magst, dann kannst du dich hier anmelden!

Ich bin total gespannt, wie es dir mit diesem Artikel geht. Hinterlasse gern einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de.

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

4 thoughts on “„Ich bin nicht gut genug.“ – Über die Macht und die Überwindung eines Glaubenssatzes aus der Kindheit

  1. Danke für den schönen Artikel.
    Die Achtsamkeit ist eine sehr wertvolle Möglichkeit im Hier und Jetzt zu sein.

    Wir wahren vor einigen Wochen in Waldbröl im Euröpaische Institut für angewandten Buddhismus und habe dort einen wundervollen achtsamen Tag verbracht.

    Die Achtsamkeit in sich Leben…

    Herzliche Grüße, Aloha und Namasté

    PS: Schön das es dich gibt, du bist ein Geschenk für die Welt!

    1. Lieber Marco,

      danke für die Blumen. Ich mag es sehr, wie Achtsamkeit und die GFK ineinander greifen. Wenn man diesen Fokus halten kann, dann wird die Methode überflüssig, dann ist alles präsent. Ich freue mich, dass du hier mit mir in Resonanz gegangen bist und dass ich dir etwas schenken durfte. 🙂

      Alles Liebe dir
      Mareike

  2. Oh ja, „Ich bin nicht gut genug“, eine Überzeugung, bei der sehr viele Menschen „HIER!!!“ schrieen als sie verteilt wurde.
    Zu hinterfragen, was denn „gut genug“ wäre und wie man dieses denn „beweisen“ könne, ist eine schwere Aufgabe. Denn vielen Menschen ist nicht klar, dass dahinter Regeln sich verbergen, die man irgendwann mal aufgestellt hat, und vergessen hat, und so nicht mehr in der aktuellen Lebenssituation hinterfragt. Z.B. „Wenn ich alles tue was meine Mama (oder wer auch immer, damals) glücklich macht (denn dafür bin ich ja auch verantwortlich), dann bin ich gut genug für ihre Aufmerksamkeit (denn ich habe erfahren, dass ich Aufmerksamkeit kriege, wenn ich alles für sie (oder wen auch immer) tue).“ Das Blöde ist nur, dass es ja tatsächlich funktioniert: Wer mag es nicht, wenn es jemanden gibt, der etwas (alles?) für uns tut.
    Doch wenn man enttäuscht, gekränkt, verzweifelt, … ist, wenn es nicht klappt, dann sollten die Alarmglocken läuten. Denn das ist ein gutes Signal dafür, dass man etwas (Gutes) nicht tat um es zu tun, sondern nur um den anderen glücklich zu machen und er/sie uns gefälligst Anerkennung dafür gibt.
    Wenn man mutig ist und in sich hinein spürt – so wie du es ja beschrieben hast – dann erkennt man, dass man „es“ eigentlich nicht wirklich will (also, „Neeee! Überhaupt nicht!“). Und diese Erkenntnis kann viel Angst erzeugen. „Wie soll ich dann dieses schöne Gefühl der Anerkennung stattdessen erzeugen?“ Klar, selber geben, aber dies ist einfacher gesagt als getan.
    Ein guter Anfang ist, darauf zu achten, mit wem man sich so umgibt. Denn es GIBT TATSÄCHLICH Menschen, die einem NUR DANN Anerkennung geben, wenn man was für sie tut, und zwar JETZT und GENAU auf DIESE Art. „Brauche ich diese Menschen wirklich?“, und wenn „Nein“, dann raus aus dem eigenen Leben.
    Du kennst vielleicht das Buch „Sei nicht nett, sei echt“ von Kelly Bryson. Allein der Titel zeigt schon, um was es geht. So wie Marshall Rosenberg es so schön ausdrückte „Don’t do anything that’s not play.“ (auf Englisch klingt und fühlt es sich schöner an).

    Oh, ich merke gerade, dass mein Kommentar doch was länger wird als geplant 🙂

    „Eigentlich“ wollte ich nur kurz schreiben:

    „Wertvoll“ vs. „Wertlos“ ist eine „Illusion der Alternativen“. Denn es gibt eine 3. Alternative, die mir weitaus besser gefällt, gerade wenn es um Menschen geht: „Wertfrei“
    Denn ein Mensch ist weder wert-voll, noch wert-los, sondern er ist. Wir Menschen neigen dazu, allem und jedem einen Wert zuschreiben zu wollen. Davon loszulassen, lässt uns uns und andere und die Welt weit gelassener und klarer betrachten.
    Und wenn jemand einen langen Kommentar schreibt – warum auch immer (Sendungsbedürfnis? Wunsch nach Anerkennung? „Schau mal wie toll ich bin…ich weiß ganz viel“? Oder einfach nur Spaß an dem Thema, oder dem Miteinanderschreiben an selbigem, oder Inspiration durch den Artikel, oder …?) – oder einen kurzen ( „:-)“ ), ist ohne Belang. Betrachtet frei von Wertungen, ist man selber frei, das und so zu sein, wie man will. Und wenn man unsicher ist, nimmt man einfach Kants kategorischen Imperativ, und verhält sich so, wie man sich wünscht, dass sich alle verhielten.

    Ha, ha, jetzt wurde selbst das „kurz“ lang.

    Danke für deinen Artikel Mareike 🙂

    1. Hallo Arne,
      Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich gehe gut mit dir in Resonanz, weil ich natürlich, bedingt durch die GFK unseren menschlichen Hang zu bewerten als problematisch erlebe. Es braucht viel Achtsamkeit, es zu bemerken und sich dann bewusst davon zu distanzieren und ja, es macht frei. Es ist noch ein langer Weg, bis das in den Systemen angekommen ist. Meine 5 Jahre GFK Laufbahn haben da auch noch nicht gereicht, aber Rosenberg sagte ja: „Die ersten 30 Jahre sind die schwersten.“ 😀 Ich mag auch seinen Gedanken, dass das Geben ein Spiel sein sollte und träume von einer Welt ohne Zwang.

      Alles Liebe dir!
      Mareike

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