24/7 mit Kleinkind – eine neue Übungsmatte im Umgang mit meiner Wut

Puuuh, die Zeit rast und schon sind wir mitten im Vorweihnachtstrubel. Ich habe den November sehr intensiv erlebt: Ich bin umgezogen, durfte die dazugehörigen organisatorischen Herausforderungen meistern, mein Sohn ist aktuell zu Hause und nicht im Kindergarten und meine berufliche Tätigkeit fordert mich ganz schön heraus. Das Schreiben ist dabei definitiv zu kurz gekommen.

Mit meinem Sohn 24/7 zusammen zu sein, ist für mich seit der Elternzeit ein neues Abenteuer. Ich habe das bewusst so gewählt, weil ich wollte, dass er erstmal entspannt ankommt hier in Hamburg. Er sollte nicht sofort von einem Umfeld mit vielen Eindrücken in ein neues gestoßen werden.

Ich erlebe ihn darüber in diesem Kontext überwiegend entspannt. Er spielt die meiste Zeit des Tages vergnügt und es bereitet mir Freude, ihn dabei zu beobachten, wie er sich die Welt erklärt und welche Fantasie er beim Spiel an den Tag legt.

Gerade letzte Woche hat er einen großen Karton, in dem ein Möbelstück verpackt war, für sich beansprucht und „wohnt“ nun darin. Er hat ihn liebevoll bemalt, und ich durfte darauf schreiben „Hier wohnt Richard“. Ja, er isst sogar im Karton.

So langsam kultiviere ich auch einen konstanten Zeitraum, in dem wir uns an die frische Luft begeben. Unsere Umgebung ist wie gemacht für Spaziergänge, zum Rumstrolchen und zum Erleben von kleinen Abenteuern. Wir haben zwei Seen in unmittelbarer Nähe und es gibt massig Spielplätze. Allerdings gefällt meinem Kind die Halfpipe, in der sich jugendliche Skateborder austoben, aktuell am besten.

Ich sauge diese Eindrücke auf, bin ganz glücklich in solchen Momenten und erfreue mich an der gemeinsamen Zeit. Mir ist bewusst, dass diese Zeit begrenzt ist, und der Tag kommen wird, an dem er selbständig seiner Wege gehen wird.

Dann gibt es jedoch noch eine andere Seite in unserem Zusammensein, die sich mir im Augenblick durchaus als Herausforderung darstellt:

Mein Sohn und ich haben zu unterschiedlichen Zeiten am Tag ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Es fällt mir keineswegs nur leicht, diese täglich miteinander zu vereinbaren und Strategien zu finden, um sie zu befriedigen. In den ersten Tagen unserer aktuellen Lebensweise durfte ich daher erneut feststellen, dass meine alten Wutmuster immer noch da sind. Ja, ich war oft sehr wütend, war ungerecht, bin laut geworden und habe Dinge gesagt, die ich nicht so meinte.

Denn mit meinem Sohn 24/7 zusammen zu sein bedeutet eben auch, immer wieder Unterbrechungen in Momenten, in denen ich mich konzentrieren, telefonieren oder mich ausruhen möchte. Es bedeutet, dass ich aufgefordert bin, Essen zuzubereiten und zu spielen, wenn ich eigentlich dringend eine Pause brauche. Es bedeutet Widerstand in Situationen, in denen es notwendig ist, kleine oder große Wege zu erledigen.

All dies meistere ich im Moment nur mit einer Menge Hineinspüren, tief durchatmen, um mich wieder empathisch mit meinen Bedürfnissen wahrzunehmen.

In den ersten Tagen wallten immer wieder Frust, Ärger und Wut in mir auf. Ich atmete und atmete. Ich suchte nach der Ursache für meine Wut und stellte fest, dass ich mich gedanklich festgebissen hatte, an z.B. der Idee, wann genau die richtige Zeit zum Arbeiten ist oder wann es Zeit zum Rausgehen ist. Um in dieser Thematik meinen inneren Frieden wieder zu finden, ist mir inzwischen klar geworden, dass ich definitiv noch eine Lektion in Flexibilität und Geduld lernen darf.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie hartnäckig diese alten Gedankenmuster sind. Wie viel Achtsamkeit ich brauche, damit ich nicht in Gedanken verfalle, wie z.B.

… „Er muss sich doch auch mal allein beschäftigen können. Vormittags ist nunmal die beste Zeit zum Arbeiten.“

… „Wenn ich nicht zum Arbeiten komme, dann passiert xy…“

… „Ich schaffe das alles nicht.“

… 

Dann sitze ich manchmal wie gelähmt einfach da und atme. Das ist meist das Beste, was mir in diesem Moment einfällt, bevor ich in Wut und Ärger verfalle und irgendwas Dummes tue oder sage.

Ich bin dankbar, dass ich diesen bewussten Umgang mit meinen Gedanken inzwischen relativ gut anwenden kann. Dafür sitze ich jeden Morgen in der Meditation und beobachte meinen Atem, höre meinen Gedanken zu und übe mich darin, sie weiter ziehen zu lassen, als das, was sie sind:

Einfach nur Gedanken.

Denn sie sind nicht zwangsweise wahr, nur weil ich sie denke. Jeder Gedanke ist jeweils nur EIN Gedanke und ich kann mich zum Glück zunehmend bewusster entscheiden, was ich denke. Kann Alternativen denken, die in der jeweiligen Situation mehr Leichtigkeit bringen.

Das ist ein erster Schritt, um wieder gelassener zu werden.

Ein weiterer Schritt ist es, meine Gefühle, die mit den Gedanken einher gehen, wahr zu nehmen. Wenn ich z.B. denke, dass sich mein Sohn doch auch mal allein beschäftigen können „muss“, dann habe ich ein Urteil gefällt, wenn er es nicht tut. Genau das sind die Ursprünge meiner Wut. Wenn ich mir jedoch bewusst bin, dass ich darum bange, Bedürfnisse, wie z.B. materielle Sicherheit, Zuverlässigkeit (meinen Kunden gegenüber) oder Ruhe nicht befriedigt zu bekommen, dann kann ich ganz anders agieren.

Das war die Erkenntnis hin zu Strategien von z.B. mehr Flexibilität meiner Arbeitszeit – ich arbeite inzwischen regelrecht dreiteilig über den Tag verteilt.

Dieser Prozess, das mich immer wieder bewusste reflektieren, ist vermutlich niemals abgeschlossen. Das Leben mit einem kleinen Kind ist ein konstanter Entwicklungsprozess. Ich darf mich quasi jeden Tag auf’s Neue auf meine persönliche Übungsmatte stellen, mich darin üben, mich und meine Bedürfnisse wahr zu nehmen und die meines Sohnes. Ich darf üben, ganz genau zu unterscheiden, was das Bedürfnis ist und welche Strategie ich konkret dafür anwende und ob es, wenn die Strategie nicht funktioniert, nicht doch eine andere gibt, die meine Bedürfnisse und die meines Sohnes gleichermaßen befriedigen.

Allein diese aktuelle Art des Zusammenlebens als Übungsmatte anstatt eines Kampfes sehen zu können, hat mir schon viel Entspannung gebracht.

Ich bin gespannt, was ich darüber in den nächsten Wochen noch alles lernen darf und wann und in welcher Form mein Sohn ab 2019 wieder eine Kita besuchen wird. Das Bedürfnis nach Spiel mit anderen Kindern wächst zumindest zunehmend in ihm.

Ich werde weiter darüber reflektieren und bin gerade sehr dankbar, dass ich heute die Zeit zum Schreiben gefunden habe, denn das hat mir bereits einige Entspannung gebracht.

Alles Liebe

Mareike

P.S. Da das Thema Umgang mit Wut gerade aktuell viele Eltern betrifft, möchte ich dich auf meine Weihnachtsaktion für meinen online Wut-Kurs aufmerksam machen. Ich gebe einen fetten Rabatt, um davon eine Spendenaktion für ein 11-Jähriges Mädchen zu unterstützen, dass dieses Jahr an Leukämie erkrankt ist. Also wenn du dir und anderen was Gutes tun willst, dann lohnt es sich, in das Kurs-Angebot reinzuschauen.

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

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