„Ich will das nicht!“ – Wie ein klarer Fokus auf unsere Bedürfnisse ein gewaltfreies und liebevolles Familienleben ermöglicht

„Der Wille eines Menschen ist die Kraft, sich seine und anderer Menschen Bedürfnisse zu erfüllen.“ Britta Hahn

Dieses Zitat vorangestellt möchte ich mich heute mit einem Thema befassen, dass mir in meinem Umfeld und meiner Arbeit immer wieder begegnet. Viele Eltern haben verstanden, dass es kontraproduktiv für die Entwicklung ihrer Kinder ist, wenn sie diese zu Gehorsam erziehen und mit Strafen oder Manipulationen arbeiten - sprich emotionale Gewalt anwenden, um sie zu etwas zu bewegen. Sie lehnen die Erziehungsmethoden ab, die sie von den eigenen Eltern erfahren haben und wissen ganz genau, wie sie nicht handeln wollen.

Genau da entsteht ein riesiges Konfliktpotential. Viele Eltern wissen ganz klar, was sie nicht wollen, können aber nicht beschreiben, was sie stattdessen wollen. Wir bekommen Probleme, wenn wir etwas nicht wollen, und uns auch denken, wie es nicht sein soll. Vor allem in angespannten und stressigen Situationen geraten wir nämlich ins Straucheln, weil wir dann unweigerlich auf die Erziehungsmethoden zurückgreifen, die wir kennen.

Warum?

Versuch doch einmal, jetzt nicht an einen rosa Elefanten zu denken!

Du wirst vielleicht bemerken, dass dir das schwerfällt, weil das Nicht vom Gehirn quasi gestrichen wird und du dann unweigerlich an das denkst, was du nicht wolltest.

Wenn du also nicht wütend werden, nicht schreien oder nicht strafen willst, dann ist es ein kluger Schritt, dir zu überlegen, was du stattdessen willst!

Genau an dieser Stelle kommt die intensive Auseinandersetzung mit unseren Bedürfnissen ins Spiel. Ich bin Marshall Rosenberg zutiefst dankbar für diesen Ansatz, weil dieser mir persönlich sehr geholfen hat, in allem, was ich für mich will, klarer zu werden und meinen Fokus darauf zu richten.

Dafür möchte ich gern etwas weiter ausholen und die Bedeutung unserer Bedürfnisse näher erläutern:

Die Bedürfnisse, die wir haben, dienen dem Leben in uns. Sie sind die Triebfeder unserer Existenz und Entwicklung. Wenn ich beispielsweise meinem Bedürfnis nach Nahrung nicht nachkomme, falle ich irgendwann tot um, weil ich verhungert bin. Wenn ich meinem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft nicht nachkomme vereinsame ich auf kurz oder lang und verliere den Lebensmut, weil ich wie alle Menschen ein soziales Wesen bin.

Das leuchtet ein und dennoch tun sich viele Menschen schwer damit, ihren Fokus auf ihre Bedürfnisse zu legen und sich diese auf eine Weise zu erfüllen, die allen Familienmitgliedern dienlich ist. Gerade gestern fragte mich eine Teilnehmerin nach einem meiner Vorträge:

„Ja, aber wenn ich das Bedürfnis nach Ruhe habe und dem auch nachgebe, habe ich ein schlechtes Gewissen meinem Kind gegenüber.“

Wie kann es uns also gelingen, unsere Bedürfnisse zu erkennen und sie anschließend auch ernst zu nehmen?

1.Der Weg zu unseren Bedürfnissen führt über unsere Gefühle

Wenn du dich schon immer gefragt hast, wozu diese ganzen Gefühle überhaupt gut sind, dann kommt hier die Antwort:

Die Gefühle haben die Funktion, dir über den Stand deiner Bedürfnisse Auskunft zu geben. Sie sind ihre Seismographen. Die Signale, die die Gefühle uns aussenden, haben die meisten Menschen nie zu verstehen gelernt. Auch die Wissenschaft tat sich lange schwer mit dem Thema Gefühle. Erst in jüngster Zeit entstehen Ansätze in der Psychologie und der Hirnforschung, die uns deutlich zeigen, dass die Gefühle unbedingt notwendig sind, um unser Leben aktiv zu gestalten. Sie geben uns Auskunft darüber, was wir brauchen, um existieren zu können! Sie sind der direkte Draht zu unseren Bedürfnissen.

2.Sich bewusstwerden, dass alle Bedürfnisse sein dürfen

Bedürfnisse sind universell. Es gibt keine Prioritäten. Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie die Bedürfnisse eines jeden anderen Menschen. Sicherlich fällt es uns noch relativ leicht, dies anzuerkennen.

3. Bedürfnisse von Strategien unterscheiden lernen

Was uns hingegen schwer fällt, ist die Anerkennung, dass es vielfältige Wege (Strategien) gibt, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Wir bekommen immer dann Probleme mit unseren Mitmenschen, wenn wir meinen, dass die Erfüllung unserer Bedürfnisse nur auf eine bestimmte Art und Weise gelingen kann.

Dazu ein kleines Beispiel:

Wenn ich sehe, dass in unserem Zuhause einige Sachen auf dem Boden liegen, schmutziges Geschirr in der Küche steht und sich das Bedürfnis nach Ordnung in mir meldet, dann ist das eine Sache. Wenn ich, weil ich wirklich auf Ordnung stehe, jetzt darauf beharre, dass sofort (Achtung: erste Strategie) aufgeräumt wird und dabei möglichst auch alle Mitverursacher (Achtung: zweite Strategie) der Unordnung mit anfassen, könnte es sein, das es schnell zu Konflikten kommt. Meine Familienmitglieder haben nämlich vielleicht gerade andere Bedürfnisse, wie z.B. Ruhe, Spiel, etc. und verspüren nicht die geringste Lust, mich in der Befriedigung meines Bedürfnisses nach Ordnung zu unterstützen.

Das ist der Moment, in dem ich höllisch aufpassen muss. Wenn ich jetzt auf der von mir gewählten Strategie (Es fassen sofort und alle mit an!) beharre, dann entsteht garantiert ein Streit. Dann kann es leicht passieren, dass ich Urteile fälle: „Ihr seid echt faul!“ Oder interpretiere: „Es ist euch scheißegal, wie ich mich in diesem Saustall fühle!“ Was dann sehr wahrscheinlich passiert, ist dass anstatt mein Bedürfnis zu unterstützen, meine Lieben in den Verteidigungsmodus gehen, zurück schießen und, bähm, wir uns mitten in einem handfesten Konflikt wiederfinden.

Wenn ich hingegen anerkenne, dass sich meine Familienmitglieder auch einfach nur ihre Bedürfnisse erfüllen, kann ich auch leichter gelassen bleiben. Dann kann ich sehen, dass es einfach eine Frage der Haltung und der Verhandlung ist, um Unterstützung zu erfahren in der Erfüllung meines Bedürfnisses nach Ordnung.

Das kann rein praktisch so aussehen, dass ich anerkenne, dass mein Mann z.B. gerade eine halbe Stunde Pause braucht. Danach ist er vielleicht gern bereit, den Abwasch zu erledigen. Währenddessen sammle ich die Klamotten ein und werfe eine Waschmaschine an.

Der Trick ist, wirklich bei den Bedürfnissen zu bleiben und nicht auf eine bestimmte Strategie, die dorthin führt, zu beharren. Wenn uns dies gelingt, können wir verschiedene Wege erkennen, um Bedürfnisse zu erfüllen. Plötzlich wird Familienleben leichter. Plötzlich öffnen sich Türen und Gelassenheit, Frieden und Liebe halten Einzug. Das ist meine persönliche Erfahrung und das Beste daran ist, es braucht nicht mal einen Partner, der auch GFK kann. Es reicht, wenn eine Person die Bedürfnisse fokussiert im Blick hält und klar formulieren kann, was er will und worum es ihm geht. WIE das gelingen kann, ist dann einfach nur noch eine Frage der Kreativität.

Um den Bogen zum Anfang zu schließen, ist meine Empfehlung, den Bedürfnisfokus auch im allgemeinen Umgang immer wieder miteinander zu suchen. Wie möchte ich, dass wir unser Zusammenleben gestalten? Welche Bedürfnisse möchte ich mir erfüllen? Und dann kommst du vielleicht darauf, dass dir Harmonie wichtig ist. Vielleicht möchtest du Meinungsverschiedenheiten oder „konfligierende Bedürfnisse“ mit Respekt und Wohlwollen lösen, anstatt mit wütend herum zu schreien.

Also nimm Kontakt zu Deinen Bedürfnissen auf und sei dir bewusst, dass deine Familie zum gleichen Zeitpunkt andere Bedürfnisse hat. Wenn ihr es schafft, ruhig darüber zu sprechen, lässt sich sicher ein Weg finden, auf dem möglichst viele Bedürfnisse erfüllt werden.

Was mir bei all dem wirklich hilft, ist folgender Leitsatz:

„Niemand tut jemals etwas gegen mich, sondern immer nur für sich!“ (Marshall B. Rosenberg)

Wie immer bin ich gespannt, wie es dir mit diesem Artikel erging und freue mich über Kommentare und Mails: mareike@liebevollefamilie.de.

Trage dich hier für meine kostenlosen Tipps und Impulse ein!

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

7 thoughts on “„Ich will das nicht!“ – Wie ein klarer Fokus auf unsere Bedürfnisse ein gewaltfreies und liebevolles Familienleben ermöglicht

  1. Danke für den Artikel. Ich brauche dazu noch einen kleinen Denkanstoß, wie es mit Erwachsenen „funktioniert“: selbstbestimmung kannte mein Mann bisher nicht, dass führt dazu, dass er ungern Aufgaben selbstständig übernimmt und auch zu Ende führt und auch Verantwortung übernimmt (z.B. Zähne putzen unseres Sohnes seitdem der Babysohn da ist…ich habe losgelassen..nicht mehr drauf hingewiesen etc. Jetzt hat er Karies..)
    Da wo kein Druck ist (zu Hause) macht er von sich aus wenig (seine Bedürfnisse gehen vor und brauchen viel Raum..schlafen, fernsehen etc.) Wie soll ich damit umgehen?
    Ich bin nicht mehr so oft wütend, aber mag es so auch nicht akzeptieren, weil ich es ungerecht finde..weil ich das Bedürfnis nach einem verlässlichem Partner habe und das mit gemeinsamen Stemmen des Alltags zusammen hängt. Mir wird oft nerven und meckern vorgeworfen..das tut natürlich auch weh.

    1. Liebe Nicole,
      wenn du gut für deine Bedürfnisse sorgen möchtest, dann ist es natürlich auch wichtig diese so zu formulieren, dass sie den anderen dazu einladen, dich zu unterstützen. D.h. es gibt keinen Unterschied dazu ob du mit einem Kind oder einem Erwachsenen redest. Deine Gefühle und Bedürfnisse zu benennen steht immer im Vordergrund (anstatt: Du hast dies nicht, du bist schuld, etc.). Letztendlich funktioniert GFK nicht einfach nur, weil ich es anders formuliere, sondern weil ich meinem Gegenüber glaubhaft vermittle, dass ich ihn und seinen Bedürfnisse genauso sehen, wie meine eigenen und dass ich diese gern unter einen Hut bringen will. Ich glaube, wenn du so an deinen Mann heran trittst, wird er sicher auch von seinen Vorwürfen abrücken können.
      Alles Liebe
      Mareike

  2. Hallo! Ich bin junge Mutter und bis jetzt stille mitleserin. Da aber gerade in der Zeit der Fremdbestimmung (stillen etc) oft das Thema Bedürfnisse hoch kommt – traue ich mich mal nachzuhaken…
    Ich werde selbst beim lesen des Artikels das Gefühl nicht los, dass ich do. dich mein Bedürfnis zurück stelle ?! Ich möchte doch jetzt das alles sauber ist und alle mit helfen! Und nicht übermorgen wenn es den anderen passt… sind da nicht sogar mehrere Bedürfnisse versteckt? Das alle mal für mich anpacken? (Alle für Mami – Bedürfnis nr 1- ich bin wichtig)
    Das das Haus jetzt sauber ist (
    Nr 2)
    Mir wird mit meinem Bedürfnis zugehört (3) uvm???
    Oder verrenne ich mich gerade? Denn genau das nagt hier oft am Alltag – Mutti stellt ihre wünsche und besürdnisse zurück und wenn alle happy sind, dann ist vielleicht ja noch was vom Tag übrig, sodass Mutti nochmal mit ihren Dingen ankommen kann…. ?? !! Danke 🙂

    1. Liebe Leonie,
      danke für deine Nachfrage. Gern versuche ich dir zu mehr Klarheit zu verhelfen. Es geht eben nicht darum, die eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen und sich ausschließlich um die der Familienmitglieder zu kümmern und dann zu hoffen, dass irgendjemand deine Bedürfnisse sieht. Nein, es geht darum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, sie klar zu artikulieren (frei von Urteilen, Vorwürfen, etc.) und dann zu schauen, welche Strategien am besten für alle Familienmitglieder funktionieren, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Ich vermute, der Unterschied zwischen Bedürfnis und Strategie ist dir noch nicht klar? Ordnung ist ein Bedürfnis aber WER WANN aufräumt, das sind Strategien und die sind immer Verhandelbar, wenn du mit einer gewaltfreien Haltung ran gehst. Wenn du das Gefühl hast, du stellst deine Bedürfnisse doch hinten an, wenn du dich auf Verhandlungen einlässt, dann ist es sinnvoll sich klar zu machen, dass dies a) keine Gefühl ist, sondern ein Gedanke (Gefühle sind: Angst, Ohnmacht, Freude, etc…) und b) du mit diesem Gedanken eine bestimmte Sichtweise auf dein Alltagserleben legst, die der Sache nicht dienlich ist, weil du dann in die Forderungshaltung kommst. Dies wird deine Lieben wenig dazu einladen, dich zu unterstützen und du wirst sehr wahrscheinlich nicht bekommen, was du willst (saubere Wohnung) oder zumindest wird das Erfüllen dieses Bedürfnissen dann sehr wahrscheinlich mit einem Konflikt einher gehen.
      Ich hoffe, das hilft dir ein bisschen weiter.
      Alles Liebe
      Mareike

  3. Gutes Beispiel, dazu eine Frage. Am Wochenende steht bei uns der Wohnungsputz an. Zwei Kinder leben im Haushalt, die rechtzeitig die Info bekommen, dass ich die Wohnung sauber machen möchte. Ich bitte sie darum, bis zu einem bestimmten Termin (Abendbrot oder z.B. bis morgen nach dem Frühstück) ihre Sachen vom Boden aufzuheben, damit ich anschließend dort staubsaugen kann. Daran werden sie auch noch einmal erinnert.
    Nun kommt es immer öfter vor, dass die Kinder (fast 4 und 7 Jahre) sagen: Nein, das will ich nicht, nein, das mach ich nicht. Warum? Weil ich das nicht möchte. Ich möchte aber auch nicht im Dreck versinken. Wie kann man das empathisch lösen, ohne Streit und „Du machst jetzt aber was ich sage“? Für Ideen bin ich dankbar.

    1. Liebe Klara, danke für deine Frage. Ich kann dir dafür leider kein Rezept geben, dass eine „Garantie“ auf eine friedvolle Lösung verspricht. Was du tun kannst, ist deinen Kindern sagen, wie wichtig dir die Sauberkeit und Ordnung in der Wohnung ist und dass sie dich enorm dabei unterstützen, wenn sie ihre Sachen aufheben. Wenn du sie aufrichtig darum bittest, zu deinem Wohlergehen beizutragen (ohne Vorwürfe oder eine unterschwellige Forderung), dann erhöhst du die Chance, dass sie bereitwillig ihren Beitrag leisten enorm. Wenn sie dennoch ablehnen, dich zu unterstützen, versuche, ihre guten Gründe zu sehen. Worum geht es ihnen, wenn sie „Nein“ sagen? Frag sie auch konkret, warum sie nicht ihre Sachen aufheben wollen. Oftmals ist es leichter für Kinder ihre Selbstachtung und Ihre Autonomie zu wahren, wenn die ganze Sache verhandelbar ist. Wünschst du dir dazu noch mehr Input? Dann kann ich dir diesen Artikel empfehlen: http://www.liebevollefamilie.de/serie/die-entdeckung-der-freiwilligkeit-oder-wie-sich-meine-familie-ihre-beduerfnisse-erfuellt/

      Alles Liebe
      Mareike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll To Top