So reden, dass die Botschaft beim Kind ankommt

Kluge Kommunikation erhöht die Chancen, gehört und geachtet zu werden

In meinem Familienleben hat die Kommunikation, das miteinander sprechen, schon von Berufswegen einen hohen Stellenwert. Es gibt jedoch immer wieder Situationen, in denen mein Sohn mich einfach nicht hört. Das bedeutet zum einen, dass er manchmal nicht auf mich hört, im Sinne, dass er nicht tut, was ich möchte. Eine zweite Sache trifft in dieser Bedeutung auch zu, nämlich, dass er tatsächlich in vielen Fällen nicht reagiert, wenn ich ihn anspreche. Ich nenne das manchmal zum Spaß "selektiven Autismus"

Was aber hat es mit dieser scheinbaren "Wahrnehmungsstörung" auf sich?  Was kann ich tun, damit mein Kind mich "hört"? Und was kann ich tun, damit mein Kind tut, was ich sage? Dazu habe ich mal wieder ein bisschen recherchiert bzw, meinen Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation zu Rate gezogen.

Die (Nicht)-Reaktion hat nichts mit dem Inhalt des Gesagtem zu tun

Wenn ich meine eigene emotionale Reaktion auf die "Nicht-Reaktion" meines Kindes beobachte, fällt mir auf, dass ich dies gern persönlich nehme und am Inhalt meiner "Ansprache" zweifle. Das ist aber, wie ich weiter untern noch erläutern werden, völliger Blödsinn. Deshalb verabschiede ich mich zu allererst von der Idee, dass die "Nicht-Reaktion" etwas mit dem zu tun hat, was ich sage. Das verhindert zudem, dass ich resigniere und dran bleibe, an der Suche nach dem Gespräch, ohne daraus ein Drama zu machen (aka "Er hört mir einfach nicht zu!", "Irgendwas stimmt nicht, mit dem was ich sage!", "Das macht er doch mit Absicht!" ... ). 

Kontakt mit dem Kind herstellen

Wenn ich mir den kleinen Prinzen so ansehe in diesen Momenten der "Nicht-Reaktion", fällt mir oft auf, dass er gerade mit seiner Aufmerksamkeit woanders ist oder in eine bestimmte Sache total vertieft ist. Ich glaube, dass ist normal bei kleinen Kindern und es ist auch schön, weil sie so richtig im "Hier und Jetzt" sind und uns, die wir Kontakt suchen, zunächst gar nicht wahrnehmen. 

Ich experimentiere gerade mit verschiedenen Arten, mir Gehör zu verschaffen. Meistens klappt es, wenn ich sage: "Hallo Richard (wenn er dann zusammen zuckt, weiß ich dass er wirklich super vertieft war)!" Ich sehe dann auch an seinen Augen, dass es ein bisschen dauert, bis er ganz bei mir ist (Jesper Juul schreibt, dass dies bis zu 7 Sekunden dauert). 

Erst, wenn ich mir völlig sicher bin, dass nun die volle Aufmerksamkeit meines Kindes habe, setze ich fort: "Ich will dir gern etwas sagen. Kannst du mir jetzt zuhören?" Bisher hat er das meistens mit "Ja" beantwortet. Sehr selten, wenn er wirklich nicht zuhören mag, sage ich: "Okay, ich versuche es nachher noch einmal."

Mir ist völlig bewusst, dass das für manch merkwürdig klingt oder gar inakzeptabel. Wie kann es sein, dass ein Kind einem das Zuhören verweigert? Nun, meine Position dazu ist, das ist einfach ehrlich! Wir als Erwachsene quälen uns damit, Menschen zuzuhören, obwohl wir das in vielen Fällen auch nicht wollen. 

In jedem Fall weiß ich, wenn ich ein "Ja" von meinem Sohn bekomme, dass ich dann seine volle Aufmerksamkeit habe und die Botschaft viel mehr Chancen hat, anzukommen. Es ist nämlich Quatsch davon auszugehen, dass er nur, weil er in Hörweite ist, mich auch wahrnimmt. 

Mit welcher Stimmung versehe ich meine Botschaft?

Eine freundliche und wohlwollende Grundhaltung im Gespräch mit meinem Kind (eigentlich im Gespräch mit Jedermann) sorgt für Offenheit und ebenfalls Wohlwollen auf der Seite meines Sohnes. Es geht nicht darum das Kind zu verhätscheln oder übertrieben lieb / kinderfreundlich aufzutreten, es geht um die Botschaft: "Hey, ich will eine positive Zusammenarbeit und dass bei diesem Gespräch für uns beide etwas raus springt."

Kinder sind ungemein sensibel was Emotionen betrifft, wenn man schon genervt, aggressiv oder ängstlich an das Gespräch heran gehe, dann spüren sie das und in solchen Fällen geht das Gespräch meist nicht in die gewünschte Richtung. 

Worum geht es? Wie geht es mir? Was möchte ich von dir? 

Wenn ich möchte, dass mein Kind tut, was ich von ihm will, erhöhe ich die Chancen ungemein, wenn ich mir im Klaren darüber bin, was genau ich von meinem Kind will und warum. Im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation spreche ich über meine Gefühle, die ein Bedürfnis ausdrücken. Es gibt 1.000.000 und mehr Varianten dies zum Ausdruck zu bringen. Hier mal ein paar Beispiele für solche Botschaften:

  • Ich bin ganz schön müde (Gefühl) und brauche etwas Ruhe (Bedürfnis). Kannst du bitte etwas spielen, dass weniger Lärm macht (Bitte)?
  • Draußen ist es so kalt, dass ich friere. Ich möchte, dass du gesund bleibst und deshalb möchte ich, dass du die Jacke anziehst, bevor wir raus gehen.
  • Ich möchte das deine Zähne gesund beleiben, deshalb möchte ich, dass du dir die Zähne putzt.
  • Ich will nicht, dass du mich haust, aber ich würde gern wissen, warum du so wütend bist.
  • Ich möchte gern, dass du bald ins Bett gehst, damit du morgen früh nicht so müde bist.

Wie geht es dir? Was wollen wir?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass diese Art Ansprache manchmal zum gewünschten Ergebnis führt, manchmal aber auch nicht. Dann geht die Verhandlung los, denn ich bin interessiert daran auch zu erfahren, wie es meinem Sohn damit geht, was ich von ihm will. 

Ich halte nichts von der Ansicht, dass Kinder gehorchen und funktionieren müssen. Ich jedenfalls will keinen dressierten Hund oder einen Roboter, ich möchte eine lebendige Beziehung zu meinem Kind. Meine Erfahrung zeigt zudem, dass mein Kind Freude daran hat, zu meinem Wohlergehen beizutragen und dass er es gern tut, wenn ich im gleichen Atemzug auch seine Bedürfnisse wahrnehme.

Kleines Beispiel: Neulich standen wir an einer stark befahrenen Straße an der Fußgängerampel. Ich weiß, dass die Ampelphase für die kleinen Beinchen meines Sohnes zu kurz ist, um unbeschadet nach drüben zu gelangen. Nun ging das Theater los: Ich nahm ihn auf den Arm und er wurde wütend, wehrte sich, indem er mich haute. Daraufhin fragte ich ihn: "Bist du sauer, weil du allein über die Straße laufen willst?" Er sagte: "Ja" und wurde sichtlich ruhiger (aha, sie nimmt wahr, worum es mir geht). Ich erklärte ihm, dass es hier zu viel Verkehr gab und ich nicht wollte, dass er überfahren wird. Mein Angebot an ihn war: "Wenn wir auf der anderen Straßenseite angekommen sind, kannst du die nächste Straße allein überqueren (von der ich wusste, dass kaum ein Auto kommt) und musst nicht an meiner Hand laufen." DEAL! Das lief super und wir waren beide glücklich. 

Klare Signale geben, auch wenn es nicht perfekt läuft

Aber auch bei mir läuft es nicht immer so traumhaft ab, wie soeben beschrieben. Oft genug habe ich Gerangel, Konflikte, Tränen, Drama, etc. ein heißes Thema ist bei uns z.B. gerade das Zubettgehen.  

Ich finde es dennoch super wichtig, dass ich meinem Sohn immer vermittle, worum es mir geht: Bedürfnis und Gefühl zur Situation. Auch wenn er meine Bitte dann trotzdem manchmal ablehnt und kein Deal ensteht, gebe ich nicht auf. Denn jedes mal, wenn es klappt, freue ich mich total, dass ich ihm nicht meinen Willen aufzwingen musste und wir durch eine faire Verhandlung auf Augenhöhe a) unsere Beziehung gestärkt haben und b) beide mit dem Resultat glücklich sind.

 

Wie geht es dir mit den Inhalt dieses Artikels? Hinterlasse gerne einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

2 thoughts on “So reden, dass die Botschaft beim Kind ankommt

  1. Ein schöner Artikel, dessen Tenor ich voll und ganz teile. Ich habe drei solcher kleinen Menschen, die in der Regel jeder was anderes wollen. Hier herrscht ein ziemlich hohes Tempo, so dass ich auch nicht immer genügend Zeit habe, auf jedes Kind so einzugehen, wie ich es gerne will. Hast du für ein rasantes Familienleben einen ultimativen Tipp?

    1. Liebe Sabina,
      natürlich erhöht die Anzahl der Kinder den „Schwierigkeitsgrad“ für diese Art von Kommunikation. Das Zeitdruck eine Rolle spielt, erfahre ich in meinem luxuriösem 1-Kind Umfeld auch und habe daher erheblichen Respekt vor Familien mit mehreren Kindern. Was kann ich dir raten? Nun, ich denke es ist immer, in jeder Lebenslage wert (auch unter Zeitdruck), die einzelnen Bedürfnisse wahrzunehmen – auch deine eigenen – und zunächst zu benennen. Das „Gesehen werden“ ist in vielen Fällen schon die halbe Miete. Kinder wissen sehr wohl, dass sie nicht immer alles haben und tun können. Mir saß am Anfang auch immer der Zeitteufel im Nacken, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, die Zeit zu investieren. Es braucht ein bisschen Übung und Kreativität, um diese Art „Kompromisse“, die ich beschrieben habe mit mehreren Kindern zu schließen. Auch wenn es dir erstmal nicht machbar scheint, alle Bedürfnisse zu befriedigen. Außerdem kannst du es mit deinen Kindern zusammen versuchen: Kinder wollen mitreden und freuen sich, wenn sie gefragt werden, was sie zur Situation denken. Versuch es einfach mal nach dem Schema: Susi braucht gerade x, Tobi möchte y und Lisa benötigt z. Ich selbst möchte, dass wir eine Lösung finden, sodass wir alle zufrieden sind, habt ihr eine Idee? Wenn du dies trainieren möchtest, such dir zunächst Situationen, wo die Zeit nicht so sehr drückt, weil es ein bisschen Übung braucht und ggf. zunächst auch Irritationen hervor ruft. Je sicherer du bist im Umgang damit, desto weniger „zeitraubend“ empfindest du den Prozess. Erfreue dich an den kleinen Erfolgen und baue darauf auf. Wenn du weitere Fragen hast, stell sie mir gern auch via Mail: mareike@liebevollefamilie.de.

      Alles Liebe
      Mareike

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