Meine kleine Familie und ich melden uns aus dem Urlaub zurück. Wir haben ein paar schöne Tage in Hamburg und Kiel verbracht und mit meinem Bruder Geburtstag gefeiert. Die Auszeit hat mir sehr gut getan und ich bin mit neuer Energie aufgetankt. Das Thema für den heutigen Artikel habe ich am Kieler Strand Laboe aufgesammelt. (Ja, ich bin auch erstaunt, dass man am Strand nicht nur Quallen und Muscheln findet ;-)) Dort entstand unverhofft eine Diskussion über die Floskel „Sei lieb!“, die mich sehr zum Nachdenken angeregt hat.

Ich erlebe auch hier in Erfurt immer wieder Szenen, in denen Erwachsene Kinder auffordern „lieb“ zu sein. Und weil ich mich live immer echt zusammenreißen muss, diese Menschen nicht zu belehren, mache ich mir heute mit diesem Artikel Luft.

Was stört mich an der Anweisung „Sei lieb!“?

Zunächst sei gesagt, dass „sei lieb“ stellvertretend für alle anderen unkonkreten Anweisungen oder Verhaltenswünsche steht, dazu gehören auch Aussagen wie: „Sei brav, spiel schön, sei artig…“ oder auch die negative Form: „sei nicht so böse, frech…“. All diese Aussagen sind letztlich nur Bewertungen oder Beurteilungen des Kindes.  Sie vermitteln dem Kind nicht, was man eigentlich möchte, wie es sich verhält. Denn wenn ich sage „Sei lieb!“ meine ich doch vielmehr, dass es sich in einer bestimmten Art und Weise verhalten soll:

In Situation A meine ich, dass ich möchte, dass mein Kind „lieb am Tisch sitzt“, in Situation B, dass es „lieb an meiner Hand läuft“ und in Situation C, dass es sich „lieb mit seinen Spielsachen beschäftigt“, damit ich xy tun kann.

Nun mal eine Frage: Wie zur Hölle soll ein Kind (oder auch ein Erwachsener) wissen, wann welches „lieb“ gemeint ist?

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich in bestimmter Weise verhalten, dann sollten wir sie dabei unterstützen, indem wir so konkret wie möglich sagen, welche Handlungen wir uns von ihnen wünschen. Das leuchtet doch sicher jedem ein, oder?

Dennoch erlebe ich es fast täglich, dass Kindern gesagt wird „Sei lieb!“ und die Diskussion am Kieler Strand hat mir deutlich gezeigt, dass sehr wenig Bewusstsein darüber verbreitet ist, dass wir nur durch klare Aussagen auch den gewünschten Effekt erzielen. Das gilt im Übrigen auch für uns Erwachsene – ich jedenfalls mag klare Ansagen.

Aber woher kommt es, dass wir uns oft nicht klar ausdrücken (können)?

Meiner Meinung nach sind wir uns häufig selbst nicht im Klaren darüber, was wir von unserem Kind wollen. Unsere Gedanken kreiseln nicht selten um 1000 Dinge zur gleichen Zeit, die wir z.B.  erledigen wollen und eine kurzes „sei lieb“ erscheint dann erstmal einfacher, als sich wirklich Gedanken zu machen, was genau ich von meinem Kind möchte. Vermutlich braucht es auch ein paar mehr Worte als „sei lieb“, um das dann klar rüber zu bringen. Ich höre häufig Aussagen wie: „Was? So viele Worte soll ich meinem Kind sagen? Das dauert zu lange. Für sowas habe ich keine Zeit!“

Aber wenn man einmal ernsthaft darüber nachdenkt, was die Aussage und Erwartungshaltung „sei lieb“ an Verwirrung, Widerstand und letztlich auch Konflikten und Stress mit sich bringt, scheint der Energieaufwand für mehr Worte doch lohnenswert.

Mein Sohn reagiert super positiv auf klar formulierte Wünsche meinerseits. Denen kommt er in ca. 80% der Fälle gerne nach. Ich habe wesentlich weniger Stress und Konflikte und das ist der Energieaufwand für Anfangs mehr Nachdenken und Worte wirklich wert.

Was meine ich mit konkret? Mein Sohn reagiert z.B. häufig promt, wenn ich sage:

„Halt bitte kurz still, ich möchte dir die Nase, Zähne, etc. putzen.“

„Bleib bitte an meiner Hand, wenn wir über die Straße gehen.“

„Ich möchte, dass du dir die Schuhe anziehst.“

„Ich möchte, dass du hier sitzen bleibst, bis der Bus kommt.“

„Ich möchte, dass du mir sagst, warum du gerade weinen musst/ wütend bist.“

„Warte bitte, bis ich fertig bin mit telefonieren und sag mir dann, was du von mir möchtest.“

Sicher gibt es noch viele weitere Beispiele für konkrete Handlungsbitten, die so ausgedrückt ,wesentlich wahrscheinlicher zum gewünschten Verhalten führen, als ein einfaches „Sei lieb!“.

Es bedarf vielleicht ein wenig Übung und vor allem das Bewusstsein, dass quasi jede Situation neue Wünsche an das Verhalten des Kindes hervorbringt, die konkret formuliert werden sollten.

Übernimm die Verantwortung für die Kommunikation mit deinem Kind!

Ich möchte an dieser Stelle gern noch eine Komponente an „sei lieb“ hervorheben, die ich sehr wichtig finde: Wir Erwachsene sind in der Pflicht, uns konkret auszudrücken. Wir können von einem kleinen Kind nicht erwarten, dass es uns unsere „Wünsche“ von den Augen abliest. Wenn wir als Erwachsene es also nicht schaffen, konkret zu formulieren, welches Verhalten wir uns vom Kind wünschen (was es konkret tun kann, um zu unseren Bedürfnissen beizutragen) ist es super unfair, dem Kind anschließend vorzuwerfen, dass es „nicht lieb“ war.

Diese Art Szenen erlebe ich auch immer wieder. Da heißt es dann: „Nein, du bekommst kein Eis, du warst vorhin nicht lieb!“ (Das ist ohnehin der Supergau: Erpressung in Kombination mit „sei lieb“!)

Also bitte, übernehmt Verantwortung für eure Verhaltensbitten an euer Kind! Langfristig wirkt sich das ungemein positiv auf eure Beziehung aus und ihr gewinnt Klarheit in allen Situationen. Das reduziert den Stress im Familienleben ungemein. Denn darum geht es doch, um ein entspanntes Zusammenleben mit unseren Liebsten!

Wie geht es dir mit diesem Artikel? Hinterlasse gern einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: liebevollefamilie@gmail.com

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