Wohlwollen, Wertschätzung und Anerkennung – Drei Bedürfnisse, die leider zu oft zu kurz kommen

Als mein Mann im September des letzten Jahres den Freitod wählte, hat sich mein Leben von Grund auf geändert. Ich bin auf vielen Ebenen geläutert, bin in Bezug auf meine Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation demütiger und habe meine Perspektive auf die Gestaltung von Beziehungen innerhalb der Familie nochmal neu justiert.

Kurz: Ich erlebte im Verlauf meiner Trauerarbeit auch einen persönlichen Reifungsprozess. Damit gingen einige neuen Erkenntnisse über mich und wie ich Beziehungen lebe einher.

Heute möchte ich über drei Bedürfnisse sprechen, die ich als Zutat oder Komponente einer gelungenen Beziehung zu meinen Mitmenschen und ganz besonders zu meinem Partner viel zu lange stiefmütterlich behandelt habe:

Wohlwollen, Wertschätzung und Anerkennung

Mein Fokus lag lange auf dem Vermeiden von verbaler Gewalt, indem ich von Be- und Abwertungen, Vorwürfe, Drohungen, Strafen usw. unterließ. Ich war ziemlich damit beschäftigt, all dies NICHT zu tun.

Aber dass ich nicht schimpfe, kritisiere, keine Vorwürfe mache usw. heißt ja noch lange nicht, dass ich dem anderen wirklich gebe, was er oder sie braucht!

In meinem persönlichen Prozess der Trauerarbeit habe ich mich immer wieder gefragt, was mein Mann vermutlich gebraucht hätte, um diesen letzten Ausweg nicht zu wählen.

Und bei allem, was ich über ihn wusste, was wir gemeinsam erlebt haben, und auch, was in unserer Krise vor seinem Freitod auftrat, bin ich immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass ein Mehr an Wohlwollen, Wertschätzung und Anerkennung ein Weg hätten sein können.

Dabei geht es weniger um die Frage, ob ich oder jemand anderes ihm davon hätte mehr geben können oder müssen, als vielmehr darum, wie das lebbar ist, wenn man sich selbst gegenüber eben wenig wohlwollend und wertschätzend ist.

Ich habe für mich persönlich die Erfahrung gemacht, dass ich nur dann in diese Haltung gegenüber anderen Menschen komme, wenn ich es vordergründig mit mir selbst bin. Der Schicksalsschlag um den Verlust meines Mannes hat mich angeregt, das einmal genauer zu beleuchten. Da sind leider noch viele Situationen, in denen ich mir eher mit Selbstverurteilung begegne als mit Wohlwollen, Wertschätzung und Anerkennung.

Und das ist leider in vielen Situationen gelebte Praxis. Wie oft hatte und habe ich noch immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich mein Tagespensum nicht schaffe, meinem Kind oder meinem Partner nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken konnte, wütend geworden bin oder es nicht geschafft habe, einen Konflikt zu lösen. Dann nage ich innerlich an diesen Situationen herum und verliere den Blick dafür, was eigentlich alles positiv gelaufen ist. Ich vergesse immer noch zu häufig, anerkennend, wohlwollend und nachsichtig auf mich zu schauen.

Auf einer rationalen Ebene weiß ich ganz klar, dass Selbstverurteilungen zu nichts führen. Sie machen nichts besser, sie verändern auch unser Verhalten nicht. Sie erzeugen einfach nur noch mehr Leid. Sie verstopfen die Zugänge zu unseren Lieben, machen uns blind, für alles, was wunderbar ist, auch wenn es nicht perfekt ist – und auch nicht perfekt sein muss.

Marshall Rosenberg sagte, dass Selbstverurteilungen GIFT für unser Leben sind und uns schwächen. Und durch das letzten Jahr habe ich endlich verstanden, was er damit meinte.

Als mir diese Erkenntnis dämmerte, nahm ich mit bewusst vor, zunehmend wertschätzend und anerkennend mit mir umzugehen.

Wie kann das gehen, wenn der Blick durch den eigenen Schmerz verschleiert ist? Wie durchbreche ich die Spirale der Selbstverurteilung und finde einen Zugang zu mir?

Ich gestehe mir sehr wohl zu, Misslungenes zu bedauern oder zu betrauern. Es fühlt sich für mich nicht stimmig an, den inneren Kritiker zu übertönen, und zu versuchen, eine Maske drüber zu legen. Gleichzeitig weiß ich auch, dass es kontraproduktiv ist, wenn man diesem inneren Kritiker zu viel Raum gibt.

Was also tun?

Und wieder fand ich einen Ansatz in der Gewaltfreien Kommunikation: Ich finde den Blick auf die unerfüllten Bedürfnisse in der jeweiligen Situation sehr hilfreich. Anstatt mich abzuwerten in Form von: „Ich bin zu dies zu das/ zu wenig davon … usw.“ Richte ich meinen Blick darauf, was zu kurz gekommen ist! Damit durchbreche ich das Muster aus destruktiven Gedanken, wie Schuldzuweisungen, Be- und Abwertungen und Diagnosen über mich selbst.

Ja, es ist möglich unerfüllte Bedürfnisse aufrichtig zu bedauern und dabei nicht in die alten Gedankenschleifen zurück zu rutschen.

Wenn ich den Fokus auf meine Bedürfnisse lege, gelingt es mir auch viel leichter, meinen Blick wieder auf all das zu richten, was mir am Tag gelungen ist (welche Bedürfnisse sich alle erfüllt haben) und dies entsprechend zu würdigen und zu wertschätzen. Ich finde, wir sollten alles, was wir so schaffen am Tag würdigen, feiern und uns sagen: „Wow, das ist heute alles gut gelaufen! Das alles habe ich heute geschafft! So viel Fülle!“

Ja, ich feiere bewusster, was der Tag mit sich gebracht hat, und gebe mir selbst die Anerkennung für alles, was ich mir und meinen Lieben an Bedürfnissen erfüllt habe. Dabei zählt einfach auch alles, was ich tue, auch wenn ich nichts tue!

Und dann werde ich fast automatisch weicher, bin auch weniger hart zu meinen Mitmenschen, kann speziell meinen Sohn wohlwollend und wertschätzend betrachten, auch wenn er gerade Dinge tut, die mir überhaupt nicht gefallen.

Neulich war so eine Situation, als er abends totale Müdigkeitserscheinungen hatte (Augen reiben, nur noch reglos auf dem Boden seines Spielteppichs liegend usw.). Aus irgendeinem Grund hat er sich über mein „Komm, wir gehen jetzt ins Bett.“ furchtbar aufgeregt. Wenn er müde ist und schlecht Laune hat, neigt er dazu, zu boxen oder mir seinen Kopf in den Bauch zu rammen.

In solchen Situationen darf ich gerade ziemlich deutlich meine körperlichen Grenzen schützen. Also sagte ich zu ihm: „Hör auf damit, das tut mir weh!“ Und dann hieb er nochmal nach. Ich war voll im Verteidigungsmodus und sagte sehr laut, dass ich jetzt das Zimmer verlasse, weil ich nicht will, dass er mir weh tut.

Total übermüdet brach er daraufhin in Tränen aus, schluchzte und schrie. Ich fragte ihn dann, ob er möchte, dass ich ihn in den Arm nehme. Und dann sagte er „jaah“ (schnief). Ich nahm ihn in den Arm, er beruhigte sich und wir gingen ins Bett.

In mir war während der ganzen Situation kein Drama aus Bewertungen, Urteilen usw. Ich wertete nicht über ihn, weil ich nicht über mich wertete. Da waren keine Gedanken, wie „Mach ich das richtig? Ist das okay, wenn ich die Situation einfach verlasse?“ Oder was sonst noch an Gedanken wach werden könnte. Ich nahm wahr, was ist: mein körperlicher Schmerz durch sein Boxen, den ich abstellen wollte.

Keine Abwertungen, kein Drama, einfach Frieden. Dann war wieder ein Zugang zu meinem Wohlwollen und meiner Wertschätzung zu mir selbst und meinem Kind gegenüber da. Beinah automatisch.

„Jeder Mensch macht in jedem Augenblick seines Lebens das Allerbeste, was er gerade tun kann.“

Dieses Zitat von Marshall B. Rosenberg drückt die Haltung, die ich in solchen Situationen für mich einnehme sehr deutlich aus. Es hilft mir enorm, mich daran zu erinnern, wenn ich mich mal wieder dabei ertappe, wie ich mich wenig wohlwollend oder wertschätzend behandle sondern im wertenden und urteilenden Modus bin.

Und der Schalter fällt dann ganz leicht wieder auf Wohlwollen und Wertschätzung. Manchmal vergesse ich es eben immer noch einfach so im Alltag. Und der Weg führt für mich darüber, dass ich mich immer wieder mit diesem Gedanken verbinde, wann immer ich merke, dass ich raus gefallen und in alten Geschichten unterwegs bin.

Vielleicht hilft dir das auch ein wenig, dich zunehmend mehr auf den Kurs der Wertschätzung, des Wohlwollens un der Anerkennung zu bringen.

Alles Liebe

Mareike

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll To Top