Egal, mit welchen Müttern und Vätern ich mich zum Thema Familienleben austausche, es gibt beinahe immer den einen gemeinsamen Nenner, wenn es um die „Hürden“ im Familienalltag geht:

Frust und Wut und die daraus resultierenden suboptimalen Reaktionen auf das Verhalten von Kind/ern und Partner/in.

Dabei haben wir überwiegend die gleichen Motive, wenn es um unsere Familie geht. Wir wollen, dass es allen gut geht, und entsprechend gut für sie sorgen. Wir haben hohe Ideale in unserem Umgang miteinander.

Wir wollen zudem unsere Kinder ins Erwachsenenleben begleiten, die gemeinsame Zeit mit ihnen genießen und ihnen dabei eine großartige Mutter oder ein großartiger Vater sein. Wir wollen eine tiefe und liebevolle Beziehung zu ihnen leben.

Kurz: Wir lieben unsere Familie!

UND trotzdem haben wir diese Momente, in denen es hin und wieder knallt. In denen wir wütend werden, sie anschreien und sie bedrohen, ihnen Angst machen und uns hinterher hundeelend fühlen, weil dieses Verhalten weit von unseren Idealen entfernt ist.

In den unzähligen Gesprächen, die ich inzwischen mit Eltern geführt habe, häufen sich bestimmte Denkweisen und Haltungen, die zu Frustration und Wut führen. In meinem heutigen Artikel möchte ich über genau diese Fallen sprechen, genau genommen die ersten fünf der angekündigten zehn Fallen, und dir Strategien an die Hand geben, wie du sie entschärfen kannst. Ich werde dieses Thema im nächsten Artikel fortführen, weil ich darüber einfach so viel schreiben möchte, dass es den Rahmen eines einzelnen Blogartikels sprengt.

1 – Du bist der Meinung, du musst für dein/e Kind/er und/oder deine/n Partner/in zurückstecken

Wenn du Gedanken hegst, die damit in Zusammenhang stehen, dass du irgendetwas nicht tun oder haben kannst, weil du Kinder hast oder dein Partner damit nicht einverstanden wäre, dann ist das hochexplosives Material. Du schreibst ihnen das nämlich unbewusst zu, gibst ihnen entsprechend die Schuld daran, dass du nicht sein/ leben kannst, wie du wirklich willst.

Aber das ist nicht wahr!

Du musst vor niemandem zurückstecken oder auf irgendetwas verzichten.

Durch solche Gedanken verwehrst du dir deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Die Schuldzuweisung an deine Lieben wirkt sich langfristig wie ein Bumerang aus. Du willst zwar liebevoll agieren, aber unterschwellig nagt dieser Gedanke in dir, staut sich auf und bringt dich über kurz oder lang automatisch in die Wut. Du hältst es deinen Lieben irgendwann auch vor: „Ich kann … wegen dir nicht tun/haben.“ Das verursacht enorm viel Schmerz zunächst bei dir, dann bei deinen Lieben und ist der beste Nährboden für Konflikte und Wutausbrüche.

Die Lösung dazu liegt darin, dass du dir bewusstmachst, dass DU die Verantwortung für die Erfüllung deiner Bedürfnisse trägst.

Nur du allein kannst dir geben, was du brauchst. Nur du allein kannst dir bewusst machen, was du brauchst. Das kann kein Anderer wissen!

Du allein kannst, indem du dir Wege zur Erfüllung dieser Bedürfnisse überlegst und andere um Unterstützung bittest, die Erfüllung dieser Bedürfnisse herbeiführen.

Das wäre auch der Weg zu einer Lösung.

Mach dir deine Bedürfnisse klar! Mach dir im Zuge dessen auch klar, dass alle Bedürfnisse haben, und du dir deine auch erfüllen darfst. Das ist dein Recht. Häufig tragen unsere Lieben sogar sehr gerne dazu bei, diese zu erfüllen, wenn wir sie klar und als Bitten formulieren.

2 – Du hast permanent ein schlechtes Gewissen

Ich kenne viele Eltern, die dauernd in einem Strudel aus schlechtem Gewissen stecken, besonders, wenn sie Vollzeit angestellt oder selbstständig sind. Das kenne ich auch von mir selbst. Auf der einen Seite will ich Zeit mit meinem Kind verbringen. Ich will unsere Beziehung stärken, Anteil an seinem Leben und eine schöne Zeit mit ihm haben. Gleichzeitig liebe ich meine Arbeit, möchte sie bestmöglich erledigen und dadurch natürlich auch unseren Lebensunterhalt bestreiten.

Und egal, welcher Sache ich mich gerade widme, ich habe ein schlechtes Gewissen, weil die andere Seite gerade nicht bedient wird. Ich habe zudem den Eindruck, nie Zeit für die jeweils anderen Dinge zu haben.

Langfristig führt dies zu einer enormen Unzufriedenheit und Frust, weil wir es natürlich auf diese Weise nicht besser machen.

Als ich damit begann, mich zu fragen, was mir wichtig ist und welche Bedürfnisse ich mir mit der Aufmerksamkeit auf die jeweilige Sache befriedige, kam ich meinem inneren Frieden näher.

Ich machte mir z.B. bewusst, dass ich sehr gerne Mutter bin und die Zeit mit meinem Kind genieße. Mir wurde auch klar, dass ich, wenn ich mich jedoch zu 100% auf mein Kind konzentriere, mir damit einen wichtigen Teil meines Seins verwehre. Das hätte wie im o.g. ersten Punkt dazu geführt, dass ich meinem Kind die Schuld daran gebe, dass ich meiner Berufung nicht nachkommen kann. Als mir dieser Konfliktherd bewusst wurde, konnte ich besser damit umgehen. Innerer Frieden stellte sich ein, weil ich mir beides zugestehe, und bewusst anerkenne, wie wichtig beide Teile für mein Leben sind. Gleichzeitig konnte ich aus dieser Klarheit immer mehr hinterfragen, was mir in welchen Situationen wichtig ist. Ich habe viele meiner Verpflichtungen und Projekte losgelassen, weil mir mein Kind und meine Arbeit am wichtigsten sind und ich mich auf diese Sachen konzentrieren möchte.

Das klingt banal, aber die Konzentration auf Prioritäten, das Abwägen nach Bedürfnissen kann an dieser Stelle schon ungemein helfen.

3 – Du hast Angst, deinem Kind „Nein“ zu sagen

Das Thema „Nein“-sagen könnte allein schon ein ganzes Buch füllen, aber ich versuche, mich hier auf einen wesentlichen Punkt zu konzentrieren.

Nein zu sagen fällt vielen Eltern schwer, weil sie die damit einhergehenden Gefühlsausbrüche ihrer Kinder nur schwer ertragen können. Sie kommen über die heftigen Gefühlsausbrüche ihrer Kinder dann meist selbst in Frust und sogar in Wut.

Was diesen Aspekt betrifft, möchte ich mich gern auf die Grundideen der Gewaltfreien Kommunikation stützen. Marshall Rosenberg hat dazu einmal gesagt:

„Das Ziel im Leben ist, all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen.“

Was er damit sagen wollte, ist vermutlich, dass wir alle die gesamte Bandbreite unserer Gefühle erleben dürfen. Auch unsere Kinder. Sie dürfen den Schmerz darüber erfahren und durchleben, wenn wir ihnen einen Wunsch verwehren. Das ist es ja schließlich auch, was sie im Leben als Erwachsene erwartet. Wir bekommen einfach nicht immer, was wir wollen. Wie soll ein Kind damit umgehen, wenn es diesen Trauerprozess nicht erleben und lernen durfte, dass er vorbeigeht? So wie jedes Gefühl.

Ich persönlich glaube, dass es einen großen Unterschied macht, wie wir die Trauer in solchen Situationen begleiten. Ich finde es total okay, wenn mein Sohn traurig und wütend ist, weil ich ihm gerade Stofftier Nr. 85 verwehrt habe oder gerade nicht mit ihm spielen will, weil ich eine Pause brauche. Er darf traurig sein und er muss auch nicht einsehen, warum ich das mache. Vernünftige Argumente sind vermutlich das Letzte, was in solchen Situationen zur Entschärfung der Gefühlsausbrüche beiträgt. Wir selbst wollen diese dann häufig auch nicht hören ;-).

Ich begleite mein Kind in seinem Trauerprozess und unterstütze ihn dabei, seine Gefühle klar einzuordnen und auch die Bedürfnisse dahinter:

„Bist du traurig, weil ich dir das Stofftier nicht kaufe? Das ist total okay. Ich wäre auch traurig. Du wolltest noch jemanden zum Kuscheln haben?“

Ich erlebe immer wieder, wie sehr diese Art Begleitung mein Kind entspannt. Er erlebt, dass ich ihn sehe und erfährt Erleichterung, weil er seine Gefühle entladen durfte. Und sehr häufig ist es damit schon getan. Der Prozess ist abgeschlossen und das Kind widmet sich einer neuen Sache.

4 – Du glaubst du bist egoistisch, wenn du gut für dich sorgst.

Diesen Gedanken äußern Eltern hin und wieder, wenn es um das o.g. Thema „vor den Kindern/ dem Partner zurückstecken“ geht. Wenn ich darauf hinweise, dass es wirklich wichtig ist, gut für sich zu sorgen, um auch in einer liebevollen Haltung gegenüber den eigenen Kindern und dem Partner sein zu können, äußern viele Menschen dann Gefühle wie Unsicherheit, Angst und Nervosität, Anspannung, Besorgnis, usw.

Diese unangenehmen Gefühle gehen häufig damit einher, dass da Stimmen in uns laut werden, die uns einreden, dass wir xyz jetzt nicht für uns tun können, weil wir noch so viel Anderes zu tun haben, uns das nicht gönnen dürfen, weil… bla bla bla.

Aber sind wir mal ehrlich. Wie soll es denn gelingen, unserer Familie gegenüber wohlwollend, herzlich und liebevoll aufzutreten, wenn wir es nicht in erster Linie mit uns selbst sind? Wenn wir uns dringend notwendige Pausen nicht einräumen oder uns einfach mal den Luxus gönnen, etwas nur zum Spaß zu tun?

Die unterschwellig ablaufenden Prozesse, die dann in Gang kommen, laufen ähnlich ab, wie unter Punkt 1 beschrieben: Wir machen die anderen dafür verantwortlich und stauen damit negative Emotionen gegenüber unseren Lieben auf. Irgendwann platzt diese Wut aus uns heraus. Dann wundern sich viele, warum sie nur noch meckern, schimpfen und schreien, aber keinen Ausgang aus diesem Teufelskreis finden.

Du kannst aussteigen, indem du dich wieder auf deine Bedürfnisse besinnst, sie ernst nimmst und gut für dich sorgst. Das fördert den inneren Frieden und strahlt auf deine ganze Familie ab. Dann wird das Zusammenleben wieder zur Freude. Es wird leicht(er).

5 – Du verwechselst Bedürfnisse mit Strategien

Vielen Eltern wird zunehmend klar, dass die eigenen Bedürfnisse und auch die der anderen Familienmitglieder wichtig sind und erfüllt werden wollen, damit es entspannt zugeht im Familienalltag.

Was ich dann häufig höre, ist die Annahme, dass sich bestimmte Bedürfnisse nicht zeitgleich befriedigen lassen oder sich gar ausschließen. Ich glaube das nicht! Ich glaube, dass es immer möglich ist, alle Bedürfnisse zu sehen und ihnen Raum zu geben. Wir sind häufig nur zu unkreativ, was die Erfüllungsstrategien betrifft.

Ich möchte dir gern ein bisschen Inspiration durch ein Beispiel geben:

Häufig höre ich, dass Eltern frustriert und verärgert sind, wenn sie selbst Ruhe brauchen und die Kinder darauf (natürlich) keine Rücksicht nehmen wollen, weil in ihnen gerade das volle Leben tobt und sie dies auch ausdrücken wollen. Eine Coaching-Kundin fragte mich neulich, wie sie sich da Gehör verschaffen soll, wenn sie jetzt auf der Couch sitzen will und in Ruhe ihren Kaffee trinken will und ihr Sohn auch nach 100 Mal bitten, nicht aufhört, lautstark durch das Wohnzimmer zu toben. Sie schilderte mir, dass sie dann zunehmend wütend wurde.

Ich schlug ihr vor, doch nach draußen in die Sonne zu gehen (sie hat eine Terrasse), um dort zu sitzen oder den Kleinen mit auf einen Spielplatz zu nehmen, wo er andere Kinder zum Spielen findet. Sie selbst könnte auf einer Bank sitzen und sich ausruhen. Da war sie ganz entrüstet, weil sie doch auf ihrer Couch sitzen will. Aber die Couch ist nur EINE Strategie, um sich das Bedürfnis nach Ruhe zu erfüllen. Die beiden von mir genannten Strategien wären durchaus auch wirkungsvoll, um sich etwas Ruhe zu verschaffen, nur sind es vielleicht nicht ihre Lieblingsstrategien.

Das Problem war an der Stelle nicht, das Bedürfnis zu benennen, sondern davon abzukommen, dass es nur auf eine bestimmte Art erfüllt werden kann. Wenn wir aufhören, auf unseren gewohnten Strategien zu beharren, und uns fragen, wie wir außerdem unser Bedürfnis erfüllt bekommen, öffnen wir den Blick für neue Wege. Dann entschärfen wir weiteres Konfliktpotenzial einfach durch die kreative Suche nach Wegen.

Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Wer Wege finden will, findet Wege. Wer Ausreden finden will, findet Ausreden…

Ich bin sehr gespannt, ob du dich in einem oder mehreren dieser Punkte wiederfindest und was in dir lebendig wirst, wenn du diese Ideen liest. Hinterlasse gerne einen Kommentar oder schreib mir, wie es dir damit geht.

Wenn du dich in der ein oder anderen Wutfalle wieder erkennst und sie gern entschärfen möchtest, kann ich dir mit meinem 1:1 Impuls-Coaching vielleicht weiter helfen. In einer einmaligen Sitzung erarbeiten wir dir individuelle Schritte, wie du zu mehr Gelassenheit und inneren Frieden kommst.

Ich freue mich auf dich!

 

Alles Liebe,

Mareike