Du gibst dein Bestes, in den herausfordernden Alltagssituationen gelassen zu bleiben. Du nimmst dir vor, dass du diesmal ruhig bleibst, entspannt reagierst und dich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Du bist bereit, das ewige Schreien, Drohen, Erpressen und die Handgreiflichkeiten gegenüber deinem Kind hinter dir zu lassen. Und dann… fällst du beim nächsten Mal doch wieder in die alten Verhaltensweisen zurück.

Hinterher fühlst du dich elend, denn du hattest es dir doch so fest vorgenommen…

Leider wird dir das auch immer wieder passieren, weil deine Reaktionen in solchen Situationen quasi Gewohnheiten sind. Und unsere Gewohnheiten sind mächtig.

Schau dir ganz ehrlich an, wie häufig du gewissen Vorhaben, zum Beispiel zum Jahreswechsel, nicht umgesetzt hast. Egal auf welcher Ebene:

  • Gesundheit, z.B. mehr Sport treiben, gesünder essen usw.
  • Beziehungen, z.B. die Art, wie ich mit meinen Lieben umgehe verbessern.
  • Finanzen, z.B. für eine große Reise sparen, Summe XY auf dem Konto haben usw.

Der Grund, aus dem all das nicht klappt, sind unsere Gewohnheiten!

Die Hirnforschung weiß inzwischen, dass unsere Gewohnheiten über Erfolg und Scheitern einer Sache entscheiden.

Ich habe mich lange gefragt, wieso ich bestimmte Dinge nicht hin bekomme, und dazu einige sehr plausible Antworten in den Neurowissenschaften gefunden.

Ich durfte einmal einem Vortrag von Prof. Dr. Gerald Hüter lauschen, in welchem er erklärte, dass unser System tatsächlich nicht an Veränderung interessiert ist. Unser Gehirn ist ein großer Energiefresser und es geht innerhalb unseres Systems immer darum, Energie zu sparen. Wir verbrauchen im Ruhezustand (also wenn wir einfach nur liegen) 25% unserer Energie nur für unser Hirn!

Auch wenn das paradox klingt: Unsere bisherige Lebensweise ist eine Art Gleichgewicht für unser System. Selbst wenn wir mit der aktuellen Lebensweise unzufrieden sind, sind uns diese Umstände vertraut und wir haben unsere Strategien entwickelt, um mit ihnen umzugehen. Neue Arten zu denken und zu handeln, sind für unser Gehirn immer mit mehr Energieaufwand verbunden.

Der Wille, etwas zu verändern, kommt aus dem Frontalkortex, einem Teil des Großhirns. Dieser ist sehr träge, hat eine zu kurze Aufmerksamkeitsspanne und braucht viel Energie, um optimal zu funktionieren. Also wenn wir es nicht bewusst und geschickt anstellen, übernehmen auf kurz oder lang unsere alten Verhaltensmuster.

Das ist leider auch der Fall, wenn es um den Umgang mit unseren Gefühlen geht. Die Art und Weise, wie wir handeln, wenn unangenehme Gefühle, wie Wut in uns auftauchen, ist ebenfalls nur eine Denk- und Verhaltensgewohnheit.

Darum werden wir immer wieder wütend und schreien unsere Kinder an, auch wenn wir es nicht wollen!!!

Die gute Nachricht ist: Das ist veränderbar. Wir wissen aus der Hirnforschung, dass wir bis an unser Lebensende über eine gewisse Neuroplastizität verfügen. Unser Hirn hat eine gewisse Flexibilität, die immer wieder Veränderung zulässt.

Aber zuerst nochmal zur Emotion Wut.

Gefühle und Emotionen haben in unserem System die Funktion, dass sie uns auf unsere Bedürfnisse hinweisen. Man kann sagen, dass angenehme Gefühle uns vermitteln, dass gerade alles in Ordnung ist und dass unangenehmen Gefühle der Hinweis auf Bedürfnisse sind, die wir haben.

Gleichzeitig werden unsere Gefühle auch von unseren Gedanken beeinflusst, die abschätzen, ob sich Bedürfnisse erfüllen oder ob die Gefahr besteht, dass Bedürfnisse zu kurz kommen.

Wut ist ein Gefühl, eine Emotion. Ich würde sagen, es ist ein stark unangenehmes Gefühl, dass nur schwer übergangen werden kann.

Zudem ist Wut zwar ein Gefühl, allerdings unterscheiden wir in der Gewaltfreien Kommunikation zwischen primären und sekundären Gefühlen. Wut gehört zu den sekundären Gefühlen, weil sie andere Emotionen, wie Angst, Ohnmacht, Trauer, etc. überlagert und nur im Zusammenhang mit bestimmten Gedanken oder einer bestimmten Haltung auftritt.

Genau an diesem Punkt dürfen wir mal alle die Hand auf’s Herz legen. Jetzt geht es nämlich um unsere Denk-Gewohnheiten.

Im Alltag mit unserer Familie geben wir unser Bestes und unsere Lieben tun dies auch für uns. Wie schnell nehmen wir bestimmte Dinge, wie Verhaltensweisen, Abläufe dann als selbstverständlich hin. Nicht selten haben wir gerade gegenüber unseren Kindern und unseren Partnern eine Erwartungshaltung: Was sie für uns tun, dass sie kooperieren und unsere Bedürfnisse befriedigen helfen, wird schnell selbstverständlich. Wir gewöhnen uns an diesen Zustand!

Wenn wir nicht aufpassen, entsteht in unserem Kopf eine groteske Vorstellung davon, dass dieses Verhalten sogar unser Recht ist!

Hinzu kommt, dass wir durch unsere eigene Erziehung stark geprägt sind. So schlummern z.T. antiquierte Vorstellungen in unserem Unterbewusstsein, wie die Dinge „sein sollten“. Ich nenne das auch gern Erziehungsglaubenssätze:

„Man muss ‘Guten Tag’ sagen.“

„Mit dem Essen spielt man nicht.“

„Es gehört sich nicht, dass man einem Erwachsenen ins Wort fällt.“

„Wenn man etwas will, muss man ‘Bitte’ sagen.

„Wenn man etwas falsch gemacht hat, muss man dafür Reue zeigen und sich entschuldigen.“

Auch solche Sätze sind Denkgewohnheiten, meist sind diese schon in unserer eigenen Kindheit geprägt worden.

Wir tragen in uns so viele Glaubenssätze und Erwartungen darüber, wie die Dinge laufen sollen, dass es eigentlich ein Wunder ist, dass viele Menschen nicht noch häufiger wütend sind.

Ich möchte euch noch einige andere Denk-Gewohnheiten nennen, damit ihr mal ein Ausmaß der Dimension bekommt, über die wir hier reden:

1. Bewertungen

Sobald wir bewerten, nehmen wir eine festgefahrene Haltung ein und werden blind für die Bedürfnisse anderer Menschen. Unser Wortschatz an Bewertungen ist sehr umfangreich:

gut/böse, normal/anormal, erfolgreich/gescheitert, klug/dumm, verantwortlich/unverantwortlich, aufmerksam/ignorant, …

2. Moralische Urteile

Sind auch Bewertungen, die auf moralischer Ebene ablaufen. Wenn wir solche Gedanken haben, kommen wir in eine Haltung, die anderen Menschen unterstellt, dass sie unrecht haben oder generell schlecht oder falsch sind, wenn sie sich nicht nach unseren Wünschen verhalten.

Darunter liegt meist der Grundgedanke: „Ich bin richtig, du bist falsch!“

3. Vergleiche

Wenn wir vergleichen, kommen wir schnell in die Versuchung, das Verhalten unserer Kinder an äußeren Maßstäben festzumachen, ohne vorher zu wissen oder gar zu überprüfen, ob das Verhalten der Person, die zum Vergleich herangezogen wird, wirklich adäquat ist.

Zum Beispiel: „Guck mal, die Kinder da drüben spielen so schön im Sand (und du?).“

4. Verallgemeinerungen

Es vergeht fast kein Tag, an dem mir in meinem Alltag (beim Einkaufen, in der S-Bahn oder auf dem Spielplatz) nicht irgendwo solch eine Verallgemeinerung gepaart mit einem sichtlich verärgerten oder gar wütenden Elternteil begegnet. Ich höre dann häufig Sätze wie:

„Immer machst du so ein Theater!“

„Alles muss ich dir dreimal sagen!“

„Nie hörst du mir zu!“

„Nie machst du, was ich dir sage!“

Wenn wir uns mal ehrlich die Situationen mit unseren Kindern anschauen, dann fällt uns auf, wie ungerecht diese pauschalen Urteile sind. Es stimmt einfach nicht, dass sie „immer Theater machen“ oder „nie zuhören“. Trotzdem denken wir häufig so und lassen es aus dieser Haltung her zu, dass uns der Kragen platzt.

Ich habe das letzten Sonntag mal wieder live erlebt, als zwei Mütter ihren Kindern, die voraus liefen zuriefen, sie sollen an der nächsten Laterne warten. Und die Kinder taten es. Aber die eine Mutter hörte nicht auf, der anderen Frau zu erklären, dass ihre Tochter NIE hört, IMMER weg läuft usw.

Ich hätte sie am liebsten geschüttelt und sie angeschrien!

Damit dir das im Alltag auch ein bisschen bewusster wird, stelle ich dir dazu mal ein paar konstruktive Fragen zur inneren Orientierung im Alltag:

Wie wäre das Leben mit deinem Kind wohl, wenn es IMMER Theater machen würde?

Wie erginge es dir wohl, wenn dein Kind wirklich NIE auf dich hören würde?

Wie sähe deine Wohnung wohl aus, wenn jeder immer alles liegen lassen würde?

 Es gibt noch einen Punkt, den ich oben schon angedeutet habe:

5. Unsere Erwartungshaltung / Forderungen

Wenn ich an mein Kind Forderungen stelle oder ihm Anweisungen gebe, dann begegne ich ihm mit der Haltung: „Du musst mir gehorchen.“

Wenn das Kind dann eben nicht so handelt wie gefordert, dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann Ärger und Wut in mir aufwallen. Ich kenne eine Menge Eltern, die die Idee im Kopf haben, dass sie die Anweisungen geben und die Kinder funktionieren müssen.

Wenn ich in einer Erwartungshaltung bin, dann bin ich im Modus der Machtausübung und damit sehr gewaltbereit. Diese Denkweise ist wirklich stark in unseren Köpfen verankert und führt, wenn sich unsere „Untergebenen“ widersetzen, natürlich zu unserer Verärgerung.

Aus solchen Denk-Gewohnheiten heraus kommen wir nicht nur schneller in Ärger und Wut, sondern wir bezahlen zudem einen hohen Preis! Denn die dadurch verursachte emotionale Trennung zwischen uns und unseren Kindern (oder anderen Lieben) lässt tiefe Risse in der Beziehung zueinander entstehen.

Wie kann ich an meiner Haltung arbeiten und meine ungünstigen Denk-Gewohnheiten entlarven?

Ein erster wichtiger Schritt: Übernimm die Verantwortung für die Wahrnehmung deiner Wirklichkeit!

Wir können uns bewusst dafür entscheiden, Bewertungen, Urteile, Verallgemeinerungen, Interpretationen usw. abzustellen. Damit legen wir den Grundstein zu einer Kommunikation, die es uns ermöglicht, eine liebevolle Verbindung zu unseren Kindern und allen anderen Menschen herzustellen.

Das ist aber, da es Gewohnheiten sind, durchaus eine Herausforderung! Ich weiß, wovon ich rede! Ich übe nun schon seit 6 Jahren intensiv und habe immer noch meine persönlichen Fallen in Sachen Denken, bei denen ich höllisch aufpassen muss.

Also bitte keine Panik! Es ist ein Prozess und wie jede Reise, beginnt auch diese mit dem ersten Schritt.

In dem Moment, in dem wir anfangen, zu 100% die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir reagieren, wenn uns Stress, Konflikte, etc. widerfahren, haben wir auch die Macht darüber, unser Handeln so auszurichten, dass wir unsere Mitmenschen mitfühlend und liebevoll behandeln. Dann kommen wir gar nicht erst in die Wut!

Und das bedeutet, dass wir lernen Beobachtungen/ also die Fakten von Bewertungen, Urteilen, Interpretationen, Erwartungen usw. zu unterscheiden.

Denn diese Gedanken, die voll sind von Bewertungen, Interpretationen, Urteilen usw. sind nicht unbedingt wahr!!! Es sind nur Gedanken!

Klar zu unterscheiden, was in unserem Kopf gerade abläuft – ob wir bei den Fakten sind oder fleißig bewerten, urteilen usw., erfordert Achtsamkeit und ein Bewusstsein für unsere Gedanken und unsere Haltung.

Um eine klare Unterscheidung zwischen Beobachtungen und Bewertung, Urteilen usw. treffen zu können, ist es sinnvoll, den Fokus auf das zu legen, was ich „sehen“ und „hören“ kann. Alles andere sind Aspekte, die ich hinzu deute. Ich kann z.B. keine Gefühle sehen!

Wenn jemand sagt: „Ich sehe, dass du wütend bist.“, dann ist das eine Interpretation! Ich sehe vielleicht, dass jemand ein angespanntes Gesicht hat. Ich kann außerdem sehen, dass dessen Kopf rot angelaufen ist. Ich höre, dass er/sie schreit, aber ob es Wut ist, kann ich erst dann genau wissen, wenn ich es vom Gegenüber bestätigt bekomme: „Ja, ich bin wütend.“

Wir können auch nicht sehen, dass unser Partner faul ist. Wir können lediglich sehen, dass er/sie auf der Couch liegt und fernsieht.

Wir können nicht sehen, dass unser Kind lieb ist. Wir können nur sehen, dass es etwas tut, worum wir ihn/sie gebeten haben.

Wir können nicht sehen, dass unser Bruder egoistisch ist. Wir können nur sehen, dass er nicht das tut, worum wir ihn gebeten haben.

Ich hoffe, du kriegst den Punkt!

Wenn wir nicht erkennen, dass wir in einer urteilenden, bewertenden oder interpretierenden Gedankenschleife stecken, ist der Weg hin zu Ärger und Wut quasi vorprogrammiert, weil es unsere Bewertungen, Interpretationen usw. sind, die diese Gefühle hervorrufen.

Ja, und da bin ich auch schon beim letzten Werkzeug, nämlich meine Philosophie der kleinen, aber beständigen Schritte!

Eine friedvolle Haltung, die Kunst, die eigenen Gedanken zu sortieren, ist keine „Hau-Ruck-Aktion“. Es ist nicht mit einem Mal getan. Es ist vielmehr ein Weg, ein Prozess, den wir genießen dürfen.

Und das ist es, wozu ich dich einlade!

Nimm dein schönstes Bild von deinem Leben mit deinen Lieben in diesem Jahr. Das ist ein Ziel, dass du vielleicht verfolgst, diesen Zustand zu erreichen und selbstverständlich zu leben. Das ist vielleicht im Augenblick dein „persönlicher Berg“, den du besteigen willst. Den rennst du nicht hoch! Den kannst du aber erklimmen, indem du jeden Tag kleine Schritte gehst.

Wenn du die Denk-Gewohnheiten in dir erkunden willst, ist es wichtig, das konstant zu tun:

Was könnte das für dich sein?

Ich gebe dir mal Beispiele, was ich täglich tue:

Ich meditiere und das seit Jahren schon! Ja, ich sitze jeden Morgen und genieße die Zeit in der Stille. Ich höre mir zu, schaue, wie es mir geht und was ich an diesem Tag brauche.

Ich habe dadurch gelernt, dass ich nicht meine Gedanken bin und dass meine Gedanken nicht unbedingt wahr sind, sondern nur Gedanken.

Dies ist ein wichtiger Schritt auf meinem Weg, alten Denkmuster und früh eingeprägten Denk-Gewohnheiten auf die Spur zu kommen. Indem ich morgens bereits inne halte und mir einen Überblick über meine Bedürfnisse verschaffe, werde ich von ihnen (meist) nicht in ungeplant stressigen Momenten überrascht. Oft genug läuft ein Tag eben nicht, wie ich ihn geplant hatte. Je bewusster ich mir über meinen seelischen Zustand aber im Klaren bin, um so ruhiger kann ich reagieren.

Versuch es!

Beobachte deine Gedanken, so oft du kannst. Wiederhole es gerne mehrfach im Laufe des Tages. Wir denken tatsächlich unaufhörlich. 400 Worte in der Minute sagt die Hirnforschung!

Und das kann für dich ganz anders aussehen, das können deine ganz individuellen Strategien sein, wie du gut für dich sorgst.

In meinem Online-Kurs „Aus Wut wird Mut“ gibt es ein ganzes Modul, dass sich diesem Ansatz widmet, und ich stelle darin auch eine geführte Meditation zur Verfügung.

Ich hoffe, ich habe dir mit dem Artikel ein paar AHA-Effekte verschafft!
Außerdem bin ich neugierig, wie es dir damit geht. Hinterlasst gern Kommentare und auch Fragen zum Thema!