Die Impulswoche "Aus Wut wird Mut" Vol. 3

Tag 3

Zwischen Auslöser und Ursache deiner Wut unterscheiden lernen

Willkommen zum dritten Impuls! Ich hoffe, du bist wach und konzentriert, denn der heutige Impuls hat es in sich!

Wenn du lernen möchtest mit deiner Wut „erwachsen“ umzugehen und sie vollständig auszudrücken, dann ist es von großer Bedeutung, dass du dir klar darüber wirst, dass es einen Unterschied zwischen dem Auslöser und der Ursache für deine Wut gibt.

Ich konfrontiere dich heute mit einem weit verbreiteten Irrtum und rüttele damit vielleicht an einem „Wissen“, das du bisher für gegeben angesehen hast:

Nicht das, was dein Kind (oder jeder andere Mensch in deiner Umgebung) tut, macht dich wütend, sondern vielmehr etwas in dir selbst, das darauf reagiert, was dein Kind oder ein anderer Mensch gerade tut. Die Handlungen anderer Menschen können die Wut in dir auslösen aber die Ursache für deine Wut liegt in deinem Inneren!

Um diese Behauptung nachvollziehbar erklären zu können, komme ich zunächst nochmal auf die Gedanken von gestern zurück:

Wut ist ein Gefühl und weist auf ein unerfülltes Bedürfnis hin. Wut ist ein Hinweis auf eine innere Not - darauf dass da ganz dringend ein Bedürfnis in uns gesehen und erfüllt werden will.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit über die Wut. Die ganze Wahrheit über Wut sieht wie folgt aus:

Wut ist ein sekundäres Gefühl, das aus einem gedanklichen Konstrukt entsteht. Das bedeutet, dass die Wut erst als zweites Gefühl auftaucht und ein erstes (primäres) Gefühl überlagert.

Wenn man genau beobachtet, welche Gedanken man in einem wütenden Zustand hegt, dann erkennt man, dass diese sehr häufig mit Schuldzuweisungen („Du bist Schuld, dass ich nicht fertig werde mit meiner Hausarbeit.“) oder Urteilen („Was bist du doch für ein undankbares Kind.“) zu tun haben.

Manchmal taucht im Kopf auch ein Glaubenssatz darüber auf, was sein darf und was nicht oder wie etwas laufen sollte („Man fällt den Erwachsenen nicht ins Wort.“ oder „Du musst gehorchen.“). Grundlegend denken wir dann immer in Begriffen, die das Handeln anderer Menschen analysieren und sie als fehlerhaft abstempeln. Wenn du der Wut genau nachgehst, wirst du immer auf solche Gedanken stoßen!

Der Auslöser für deine Wut ist also die Handlung eines anderen Menschen gepaart mit einem der oben beschriebenen Gedankengänge (Urteil, Abwertung, Schuldzuweisung, Glaubenssatz, etc.).

Ich gebe dir ein Beispiel dafür, wie unsere Gedankengänge unsere Gefühle beeinflussen.

Mein Sohn besucht seit dem letzten Sommer den Kindergarten. Es kommt immer wieder vor, dass er sich weigert, mit mir mitzukommen, wenn ich ihn am Nachmittag abholen möchte. Er will dann oftmals lieber noch mit seinen Freunden spielen.

Es gibt jetzt mehrere Möglichkeiten, wie ich die Situation bewerten und mich entsprechend fühlen kann.

1. Variante: Ich denke, dass ich ihm gar nicht so wichtig bin, weil er mir nicht in die Arme gelaufen kommt, nachdem er mich bemerkt hat. Dann werde ich ganz traurig.

2. Variante: Wir haben noch einen Termin nach dem Kindergarten und ich möchte gern pünktlich sein. Mein Sohn weigert sich auch nach wiederholter Aufforderung mitzukommen. Ich denke: „Ach, immer so ein Theater und immer ausgerechnet dann, wenn wir es eilig haben!“. Ich spüre Ärger und Wut in mir aufwallen.

3. Variante: Ich denke: "Mein Sohn scheint hier in der Kita offensichtlich gut aufgehoben zu sein und hat einen kleinen Freundeskreis, in dem er sich wohl fühlt." Bei diesem Gedanken steigt Freude in mir auf.

4. Variante: Ich weiß, dass wir am heutigen Nachmittag nichts weiter vor haben. Ich denke "Hey, warum nicht einfach noch ein bisschen beim Spiel zusehen?" Ich empfinde Gelassenheit und Ruhe.

Wie du siehst, sind meine Gefühle eng an die Gedanken gekoppelt, die ich in der Situation habe.

Daher ist die Aussage „Du machst mich wütend!“ eine Fehlannahme!

Nochmal zur Wiederholung:

Die Wut kommt aus der Bewertung der Situation in Form einer Schuldzuweisung, Interpretation oder eines moralischen Urteils über das (Fehl)Verhalten eines anderen Menschen. Auch Verallgemeinerungen, wie „Immer, lässt du alles liegen!“ sind ggf. Auslöser für die Wut.

Wie du siehst, sind meine Gefühle eng an die Gedanken gekoppelt, die ich in der Situation habe. Wenn ich wütend werde, dann deshalb, weil ich mit einer Bewertung, einem Urteile oder ähnlichem herum laufe.

Der Impuls des heutigen Tages lautet also:

Die Handlungen eines anderen Menschen lösen Gefühle in uns zwar aus, sind aber nicht deren Ursache!

Dementsprechend ist Niemand - aber auch gar niemand, außer wir selbst mit unseren Gedanken für unsere Gefühle verantwortlich! Unsere Gefühle entstammen unserer Bewertung der jeweiligen Situation.

So, ab heute hast du keine Ausreden mehr! Du weißt jetzt, dass es DEINE Gedanken sind.

Es braucht ein bisschen Übung, um diese Gedanken wirklich klar zu identifizieren. Dazu möchte ich dich heute einladen, indem du folgende Übung vornimmst:

Nimm dein Notizbuch oder einfach Zettel und Stift zur Hand. Denke an die letzte 2-3 Situation, in denen du deinem Kind gegenüber wütend warst. Versuche genau nachzuvollziehen, was es getan hat, das deine Wut ausgelöst hat. Versuche dann zu identifizieren, was du über dieses Verhalten gedacht hast.

Welche bewertenden Gedanken kannst du in dir wahrnehmen?

Diese kannst du entlarven, indem du Folgendes zu dir sagst: „Ich war/bin verärgert, weil ich selbst zu mir sage ...“ und dann forschst du nach den Gedanken, die sich in deinem Kopf ausgebreitet haben und dich in die Wut haben kommen lassen.

Beobachte dabei auch, wie diese Gedanken deine Gefühle beeinflussen. Was fühlst du, wenn du solche Gedanken hegst?

Ich rate dir wirklich, diese Übung vollständig schriftlich zu machen - mit mindestens einer Situation! Das ist zum einen wesentlich wirkungsvoller, als es nur im Kopf durchzuspielen. Zudem wirst du diese Vorlage noch einmal brauchen. Also bewahre dir deine Notizen gut auf!

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