Die Impulswoche "Aus Wut wird Mut" Vol. 2

Tag 4

Selbstmitgefühl - dein Schlüssel zu einer gewaltfreien Haltung

Das Thema Selbstmitgefühl ist für den souveränen Umgang mit Wut von zentraler Bedeutung. Ich weiß, dass wir, die wir geprägt sind von Schuld- und Strafe-Denkmustern erstmal nicht auf die Idee kommen, uns Mitgefühl zu schenken, wenn wir trotz aller guten Vorsätze mal wieder geplatzt sind.

Nachdem wir ausgeflippt sind und uns wieder gefangen haben, kommt meistens der Moment, in dem üblicherweise der Prozess der Selbstzerfleischung einsetzt. Dann beginnen innere Monologe, wie z.B.:

„Du bist die schlechteste Mutter/der schlechteste Vater der Welt.“
„Du packst es einfach nicht, dein Kind gut zu behandeln.“
„Du bist unfähig, selbst bei solchen Lappalien ruhig zu bleiben.“

Erkennst du dich darin wieder?

Dann hast du vermutlich bereits mehrfach die Erfahrung gemacht, dass diese Selbstkritik zu nichts führt, es in der nächstbesten Situation trotzdem wieder so weit kommt und du dich danach wieder elend fühlst. Ein Teufelskreis, der in manchen Fällen bis in die Depression führen kann.

Das Tragische ist zudem, dass sich unser Verhalten im Angesicht dieser Selbstkritik auch niemals positiv verändern wird. Unter solchen Umständen können wir uns für "neue Verhaltensweisen" gar nicht öffnen. Die Angst, wieder zu versagen, lähmt uns so sehr, dass wir nicht in der Lage sind, in uns hinein zu spüren, weil da sicherlich das nächste Potenzial für gnadenlose Selbstkritik lauert.

Darum propagiere ich SELBSTMITGEFÜHL!

Aus der Arbeit mit meinen Klienten und auch der letzten Impulswoche weiß ich, dass dieser Impuls, den meisten Menschen große Schwierigkeiten bereitet. Um deine Wut vollständig ausdrücken zu können, ist es jedoch von zentraler Bedeutung, dass du lernst, dir selbst Mitgefühl zu geben. Dass du damit aufhörst, dich selbst zu zerfleischen, wenn du dich deinem Kind oder einem anderen Menschen gegenüber „schlecht“ benommen hast!

Mit Selbstkritik boykottierst du dich nämlich selbst!

Du hast ja inzwischen gelernt, dass deine Wut ein Notsignal für ein unerfülltes Bedürfnis ist. Selbstmitgefühl ist die Komponente, die dich aktiv dabei unterstützt, dein „Fehlverhalten“ sofort als diesen Hinweis zu erkenne.

Vielleicht hilft dir folgende Perspektive:

Wenn du wütend wirst, fordert dich das Leben in dir auf, gut für dich zu sorgen!

Und dann ist es natürlich sinnvoll, dich dir selbst FREUNDLICH zuzuwenden.

Aus einer Haltung der Güte und Milde, kannst du dich fragen, was du in der Situation brauchst? Dein Mitgefühl dir selbst gegenüber ist sozusagen ein direkter Zugang zu deinen Bedürfnissen. Deine Bedürfnisse dürfen sein und aus einer mitfühlenden Haltung dir selbst gegenüber erkennst du diese an und kannst gleichzeitig auch deinen Mitmenschen gegenüber mitfühlender sein. Ein innerer Dialog könnte dann z.B. lauten:

„Ja, es ist anstrengend, wenn mein 3-Jähriger voll ausflippt und mit Sachen um sich wirft. Ich hatte dazu noch einen anstrengenden Tag heute im Büro. Ich brauche Ruhe und Leichtigkeit.“

Selbstmitgefühl ist besonders dann hilfreich, wenn die Bedürfnisse, die unsere Wut triggern, sehr alt sind. Damit meine ich, dass es Situationen gibt, in denen unsere Kinder durch ihr Verhalten uns an unsere Kindheit erinnern. In diesen Situationen poppen häufig die Glaubens- und Erziehungssätze unserer Eltern auf und unser "inneres Kind" meldet sich. Indem du diese alten Bedürfnisse von damals wahrnimmst und anerkennst, nimmst du dein inneres Kind in den Arm und gibst dir dadurch selbst die Kraft, die du brauchst, um aus deinem eigenen Wutmuster auszusteigen.

Dies ist ein wirklich heilsamer Weg. Ich habe selbst inzwischen viele Stunden mein inneres Kind gehalten, ihm Mitgefühl geschenkt, ihm zugehört, alte Bedürfnisse angesehen und sie mir zugestanden. So, als wäre ich mir selbst eine mitfühlende und nachsichtige Freundin bzw. ein mitfühlendes und nachsichtiges Elternteil.

Es ist also in der Tat möglich, sich selbst so zu begegnen, als wäre man seine beste Freundin/ sein bester Freund und sich aus diesem Blickwinkel freundlich und mitfühlend zu behandeln. Es ist eine förderliche Haltung, weil das eigene Mitgefühl uns unabhängig von der Zuwendung durch unsere Umgebung macht. Somit wird Selbstmitgefühl zu einer unerschöpflichen Quelle für Kraft und Energie.

Wie fühlst du dich, wenn ich dir sage, dass du ab heute mit dir selbst Mitgefühl haben darfst?

Übrigens: Wenn du dir in den Situationen, in denen du einen „Aussetzer“ hast, selbst mitfühlend begegnen kannst, kannst du auch leichter dazu übergehen, dein letztes (Fehl-)Verhalten gemeinsam mit deinem Kind zu betrauern. Damit schaffst du den Raum, deine eigenen Bedürfnisse gleichrangig mit denen deines Kindes zu sehen, dich auf beides einzustellen und einzulassen.

Meine heutige Aufgabe für dich:

Übe den ganzen Tag lang, dir selbst gegenüber freundlich zu sein im Angesicht aller Dinge, die heute „schief laufen“. Du tust heute den ganzen Tag lang einfach so, als wärst du deine beste Freundin/ dein bester Freund. Als krönenden Abschluss schreibst du dir aus diesem Blickwinkel heute Abend einen Brief und übst darin Mitgefühl für alles, womit du heute unzufrieden bist.

Anstatt dich selbst zu bewerten und abzuwerten, sagt dir dieser Freund, „Das kann uns allen passieren!“ oder "Du hast dein Bestes gegeben."

Dann halte auch schriftlich fest, wie es dir mit diesem Selbstmitgefühl geht. Wie sich das innerlich anfühlt.

Je häufiger du dich auf eine milde und nachsichtige Perspektive mit dir selbst einlässt, desto genährter wird deine Seele. Du bekommst aus dir selbst heraus die Stabilität, die es braucht, um auch deinem Kind gegenüber dauerhaft mitfühlend und empathisch zu sein!

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