Meine innere Haltung ist der Kompass im Umgang mit meinem Kind

Ich finde es ganz wunderbar, was sich in der letzten Zeit so tut in unserer Gesellschaft hinsichtlich des Themas Kinder und „Erziehung“: Ergebnisse der Hirnforschung (speziell das Thema Bindung und seine Bedeutung für die Entwicklung des Kindes) dringen ins öffentliche Bewusstsein, es gibt tolle Blogs, die sich mit Alternativen zum herkömmlichen oft auf Gewalt basierten Erziehungsansatz beschäftigen und sogar Online Kongresse. Ich habe erst jüngst an einem teilgenommen, der unter dem Slogan lief „Beziehung statt Erziehung“.

Bei all dem spüre ich bei mir und in meinem unmittelbaren Umfeld auf der einen Seite ein „Ja“ zu einer auf Beziehung und „Augenhöhe“ orientierten „Erziehung“ und auf der anderen Seite eine große Verunsicherung dahingehend wie man a) diese Ideale in der Praxis mit ihren zuweilen widrigen Gegebenheiten umsetzen kann und b) seine Perspektive im Umfeld gut vertreten kann, wenn man auf Menschen trifft, die befremdlich oder irritiert reagieren, wenn sie auf einen vom Mainstream abweichenden „Erziehungsstil“ treffen.

Das alles ist mit Blick darauf, dass die meisten von uns keine Psychologie studiert haben, eine echte Herausforderung. Ich selbst habe großen Halt in der Philosophie der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg gefunden. Tatsächlich war das Thema „Beziehung auf Augenhöhe“ mit jungen Menschen lange vor der Geburt meines Sohnes wichtig für mich, da ich einige Jahre mit Kindern und Jugendlichen im Kontext Schule gearbeitet habe. Im Schulumfeld ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie wichtig eine auf Respekt und Wohlwollen beruhende Beziehung ist, wenn man irgendwelche Inhalte rüber bringen will und diese Arbeit auch noch Spaß machen soll (was dahingehend in unserem Schulsystem alles schief läuft, ist ein eigenes Blog wert).

Da mein Alltag jeden Tag einen hohen Prozentsatz an Herausforderungen mit sich bringt, die Ideale der GFK besonders in Hinblick auf mein Kind und meinen Mann zu leben, habe ich mir aus meinen persönlichen Erfahrungen und dem theoretischen Unterbau der GFK eine Art inneren Kompass gebaut, der mir die nötige Orientierung gibt. Ja, ich habe sogar ein paar Spickzettel in meiner Handtasche und in einigen Notzibüchern, die mich immer wieder an diese Dinge erinnern. Und da ich nun dieses mein Herzensthema gern unter die Leute bringe, will ich euch einige wichtige Eckpunkte auch nicht vorenthalten:

1. Das Handeln meines Kindes sowie mein eigenes ist permanent auf die Erfüllung von Bedürfnissen ausgerichtet.

Wenn man sich bewusst macht, dass wir alle bestimmte Bedürfnisse haben (Nähe, Austausch, Wohlwollen des anderen, Nahrung, Lernen, Autonomie, etc.) und dass diese der Kern all unserer Handlungen sind, dann wird es einfacher, nachzuvollziehen, warum mein Kind (oder ein jeder andere) in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Art handelt. Wenn ich mich bemühe, das Bedürfnis zu identifizieren und es anzuerkennen (anstatt genervt zu sein, weil mein Kind z.B. gerade wieder einmal trödelt) dann habe ich bereits die besten Voraussetzungen für einen guten Kontakt geschaffen.

2. Die Bedürfnisse meines Kindes sind genauso wichtig, wie meine eigenen.

Ja, das muss auch ich mir wirklich manchmal vor Augen führen. Es ist schnell vergessen, dass ein Kind auch Bedürfnisse hat und diese genauso wichtig sind, wenn die Zeit mal wieder drängt, man sich selbst gerade ein Bedürfnis erfüllt oder es aus irgendeinem anderen Grund gerade „lästig, schwierig oder unbequem“ ist, adäquat auf diesen kleinen Menschen einzugehen. Es hilft, sich immer wieder klar zu machen, dass dieses kleine Wesen total abhängig von mir ist (auch emotional) und quasi darauf angewiesen, dass ich ihm helfe, so gut ich kann.

3. Niemand (besonders nicht mein Kind!) tut etwas „gegen mich“, sondern immer nur etwas für sich!

Diesen Leitsatz trug ich lange Zeit in meinem Portemonnaie mit mir herum, weil ich durch ihn einen so großen „Aha-Effekt“ hatte, dass ich mich immer wieder daran erinnern wollte. Seitdem ich ihn verinnerlicht habe, bin ich frei von der Überzeugung, dass Kinder auch nur irgendetwas „mit Absicht“ machen oder gar manipulierend agieren. Ich bin auch Erwachsenen gegenüber frei von Schuldzuweisungen hinsichtlich meiner eigenen Gefühle (niemand kann mir Gefühle machen). Ich weiß inzwischen, dass niemandes Handeln darauf ausgerichtet ist, mir das Leben schwer zu machen, sondern dass (ich weiß, dass ich mich hier wiederhole) „jeder Mensch jeder Zeit lediglich auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse hin arbeitet“.

4. Wenn mein Kind aggressives Verhalten zeigt, ist das ein Ausdruck seiner inneren Not.

Aggression ist quasi eine instinktive Reaktion auf eine Bedrängnislage. Der Teil in unserem Hirn, der noch Reptil ist, reagiert mit Aggression, um sich ggf. zu befreien oder zu schützen (auch vor negativen Gefühlen, z.B. Abbau des inneren Drucks durch Hauen, Beißen, um sich schlagen). D.h. wenn mein Kind so drauf ist, dann schaue ich, was genau seine Not ist und versuche ihm beizustehen, den Wutanfall auszuhalten und dann zu klären, was los war. Dabei sei gesagt, dass aggressives Verhalten nicht unbedingt immer aus der aktuellen Situation erwächst. Manchmal brechen sich auch Erlebnisse Bahn, die Stunden, Tage oder gar Monate zuvor geschehen sind.

5. Mein Kind unterstützt mich in allen Lebenslagen von Herzen gern, wenn es nicht dazu gezwungen wird, sondern es aus freiem Willen und im Rahmen seiner Fähigkeiten tun kann.

Mein Sohn ist ein guter Detektiv für meine innere Haltung, wenn ich ihn um etwas bitte. Er spürt aus irgendeinem Grund genau, mit welcher Einstellung ich an ihn herantrete und reagiert super adäquat. Wenn ich ihn um etwas bitte, dabei aber eigentlich erwarte, dass er dem unbedingt nachkommt (was dann vielmehr der inneren Haltung einer Forderung / eines Befehls entspricht), dann kann ich mich darauf verlassen, dass mein Sohn der „Bitte“ mit Sicherheit nicht nachkommt. Wenn ich ihn hingegen ehrlich entscheiden lasse, ob er meiner Bitte nachkommt (d.h. weder enttäuscht noch verärgert bin und weiterhin in einer Wohlwollenden Haltung verweile) dann tut er meist sehr gern, worum ich ihn bitte.

Das mag auf den ersten Blick paradox klingen, dass „ein nicht zwingen“ besser funktioniert als die Erwartungshaltung, dass das Kind zu gehorchen hat. Die Erklärung dafür ist aber einfach: Eine ehrliche Bitte lässt dem Kind Raum für eigene Entscheidungen (das Bedürfnis nach Autonomie wird geachtet) und daher gibt es keinen Anlass für einen „Machtkampf“. Allerdings ist es wirklich schwer, eine ehrliche Bitte an das Kind zu richten. Es geht dabei auch gar nicht so sehr um die Formulierung, sondern wirklich um die eigene Haltung.

Update: Dieses Zitat ist mir heute begegnet und das passt so gut zu diesem Punkt.

„Die Achtung vor einem Menschen zeigt sich in seiner Achtung vor seinem ‚Nein'“ (unbekannt)

Ich lade dich hiermit ein, diese Haltungsaspekte im Umgang mit deinem Kind (oder deinen Kindern) einmal aufzugreifen. Schreib mir auch gern einen Kommentar oder eine Mail (mareike@liebevollefamilie.de) und lass mich wissen, wie es dir mit den Gedanken dieses Artikels geht.

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