„Was sollen nur die Leute denken?“ – Über eine zentrale Facette unserer Angst, nicht perfekt zu sein.

„Was ist denn das für ein Benehmen?“
„Du hast dein Kind aber gar nicht im Griff.“
„Das gehört sich aber nicht.“

Kennst du diese Sätze? Hast du sie so oder so ähnlich bereits häufiger gehört, gedacht oder gar selbst gesagt?

In einer kleinen, interessierten Runde diskutierten wir vergangenen Donnerstag über vielfältige Facetten der „Gewaltfreien Beziehungsgestaltung zu Kindern“. In der Diskussion ging es darum, ob und in welchem Ausmaß Gewaltfreiheit mit Kindern lebbar ist. Hierbei stach für mich ein Aspekt besonders hervor: Es war diese uns allen bekannte Angst davor, nicht perfekt zu sein und was die Leute über uns, unsere Kinder und unseren Umgang mit ihnen in der Öffentlichkeit denken mögen.

Auch wenn ich an besagtem Abend ein wenig anders diskutiert habe, nahm ich in den folgenden Tagen immer wieder wahr, dass ich selbst ebenfalls (noch) nicht frei bin von dieser Angst davor, was andere Menschen denken.

Ich kann z.B. zu Hause sehr gut aushalten, wenn mein Sohn einen Wutanfall bekommt. In diesem Umfeld gelingt es mir fast immer, all diese Gefühle und ihre Entladungsformen bei meinem Sohn (um sich hauen, beißen, Dinge durch die Gegend werfen, etc.) empathisch aufzunehmen, die Gefühle und das nicht erfüllte Bedürfnis zu benennen und abzuwarten, bis der Sturm sich gelegt hat.

Das sieht in der Öffentlichkeit dann mitunter doch anders aus. Auch wenn ich weiß, dass kleine Kinder ihre eigene Impulskontrolle erst lernen müssen (siehe dazu diesen Artikel), ertappe ich mich häufiger dabei, die Wut meines Kindes schneller „in den Griff“ bekommen zu wollen. Da komme ich gelegentlich auch ins Schwitzen, weil in mir diese Stimme nagt: „Was sollen nur die Leute denken?“

Ja, was sollen die Leute also denken? Das kann ich eigentlich überhaupt nicht wissen, zumindest so lange nicht, bis sich jemand konkret zur Situation äußert.

Dass das Verhalten meines Kindes viele Menschen einfach nicht interessiert, sehe ich in solchen Momenten nicht.

Was ich sehe, ist die andere Frau, deren Kind gerade „schön“ spielt und die vermeintlich genervt (das ist meine Interpretation) zu mir herüber schielt, weil mein Sohn gerade eine Schreiattacke hat.

Ich sehe auch den älteren Herren, der gerade am Spielplatz vorbei läuft, einen Blick auf mich und meinen Sohn wirft und den Kopf schüttelt.

Das sind Momente, in denen sich in mir einiges zusammenzieht. Das ist der Nährboden für die alten Selbstzweifel. Dann beginne ich mir Sorgen zu machen, ob mein Weg, den ich in Sachen „Erziehung“ eingeschlagen habe, der richtige ist. Dann mache ich mir auch Sorgen, dass ich als Mutter nicht „gut genug“ bin, und natürlich ärgere ich mich gleichzeitig über solche Gedanken, weil ich weiß, dass sie irrationaler Blödsinn sind.

Trotzdem komme ich da, wie viele andere Eltern, nicht (sofort) aus meiner Haut. Warum ist das so?

Gesellschaftliche Werte vs. die eigenen Werte: eine Zwickmühle, in der wir zerrieben werden können

Ich glaube, dass die „Angst vor den Gedanken der Anderen“ vielschichtige Ursachen hat. Eine wichtige Dimension ist die Basis unserer allgemeinen gesellschaftlichen Werte und deren damit verbundene Ausdrucksformen.

In unserer allgemeinen gesellschaftlichen Kultur herrscht eine bestimmte Vorstellung darüber, wie unser Zusammenleben funktioniert. Diese Vorstellungen werden in unserer Kindheit grundlegend geprägt, aber auch im Erwachsenen Alter immer wieder an uns herangetragen.

Sich „anständig zu benehmen“ (z.B. „Guten Tag“ sagen, die Hand geben, höfliche Sprache benutzen, etc.) ist ein Ausdruck des Wertes Respekt gegenüber anderen Mitgliedern der Gemeinschaft. Ich denke, wir alle sind uns einig, dass uns der Wert Respekt gegenüber anderen Menschen wichtig ist. Natürlich wollen wir diesen Wert auch unseren Kindern vermitteln. Darin sehe ich keinen Konflikt.

Der Konflikt, der uns als Eltern zermürbt ist der, dass die Auffassungen darüber, wie sich dieser Wert ausdrückt (in Form eines bestimmten Verhaltens), bei unterschiedlichen Menschen voneinander abweichen bzw. dass das Verhalten unserer Kinder dahingehend häufig fehlinterpretiert wird. So wird beispielsweise ein Kind, das einfach nur zu schüchtern ist, um „Guten Tag“ zu sagen, schnell mal als „respektlos“ abgestempelt. Ihm wird „fehlendes Benehmen“ unterstellt.

Es ist interessant, dass wir als Eltern auch dann häufig Angst vor dem Denken der anderen haben, wenn wir einen rational begründbaren Standpunkt einnehmen und diesen vertreten. Wenn es z.B. einige auf Werten basierende Regeln im (Familien-)Zusammenleben gibt und wir diese auch bei unseren Kindern einfordern (ja, das geht auch gewaltfrei).

Dann haben wir Angst, dass wir als zu streng, zu kalt, zu unnachsichtig etc. beurteilt werden. Dass mein Sohn auf dem Spielplatz z.B. gerade deshalb tobt, weil ich den Wert „Recht auf körperliche Unversehrtheit“ vermittelt habe, indem ich ihm gesagt habe, dass er mit der Buddelschaufel nicht auf andere Kinder einhauen darf (auch wenn das andere Kind ihm gerade sein Spielzeug wegnimmt), wissen diese „Leute“ nicht. Sie sehen nicht, dass ich das für das Zusammenleben in der Gesellschaft das „Richtige und Wichtige“ tue. Sie sehen nur, da weint ein Kind ganz bitterlich und die Mutter sitzt daneben.

Wie kann ich diese Angst vor dem, was die Leute denken souverän meistern?

Wenn ich die Szene auf dem Spielplatz noch einmal bedienen darf: Das sind die Momente, in denen es mir hilft, tief durch zu atmen und mich darauf zu besinnen, was ich hier tue.

Wenn ich die Angst vor den Gedanken der Anderen nicht ausschalten kann, habe ich inzwischen mehrere Strategien entwickelt, wie ich mit ihr fertig werde:

Strategie 1: Ich mache mir klar, dass die Leute nur einen winzigen Ausschnitt meines Lebens sehen. Was auch immer sie denken, sie kennen den großen Zusammenhang nicht. Ich bin allerdings gern bereit, es jemandem zu erklären, sollte ich angesprochen werden.

Strategie 2: Ich mache mir klar, dass ich gar nicht wissen kann, was diese Leute denken. Egal, was ich da glaube zu sehen (in dem Blick, im Kopfschütteln, etc.), es sind alles nur meine Interpretationen. So lange, bis mich wirklich jemand anspricht und mir seine Meinung sagt, kann ich nicht wissen, was diese Menschen wirklich denken! Warum soll ich mich deswegen also selbst noch länger stressen?

Strategie 3: Ich nehme die Gedanken und Gefühle, die in dieser Situation in mir aufkommen, bewusst wahr. Ich gebe mir selbst also ein bisschen Empathie. So wird mir klar, dass es mir hier um die Sorge geht, falsch beurteilt zu werden. Innerlich will ich nämlich auch – ganz menschlich – ,dass meine Arbeit in Sachen "Wertevermittlung" anerkannt wird.

Strategie 4: Ich mache mir bewusst, dass ich in jedem Moment das Beste gebe und dass ich mit dieser (vielleicht unbegründeten) Angst nur Öl ins Feuer gieße. Gebe ich ihr nach, boykottiere ich mich nur selbst und sage oder tue gegebenenfalls etwas Blödes gegenüber meinem Sohn.

So, und hoffentlich ist nun bald Schluss mit dieser blöden Angst vor dem, was andere Leute denken könnten. Diese Stigmatisierungsangst lähmt uns so sehr, dass wir vergessen, das wirklich Wichtige zu tun: Uns mit all unseren Sinnen auf unsere Kinder zu fokussieren und in jeder Situation bei ihnen, ihren Gefühlen und ihren Bedürfnissen zu sein.

Wie immer bin ich gespannt, wie es dir mit dem heutigen Artikel geht. Hinterlasse gern einen Kommentar oder schreib mir eine Mail:mareike@liebevollefamilie.de

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

4 thoughts on “„Was sollen nur die Leute denken?“ – Über eine zentrale Facette unserer Angst, nicht perfekt zu sein.

  1. Liebe Mareike,

    Ich stimme dir voll und ganz zu und empfinde deine 4 Strategien als richtungsweisend.

    Nur; vielleicht ergeht das auch anderen so; bin ich nicht immer in der Lage, so zu mir zu kommen. Auch wenn es schon immer besser funktioniert : einatmen – Augen schließen – ausatmen – einatmen – Augen öffnen – ausatmen ; es bleibt oft so ein fader Geschmack und ich bin dann jedes Mal Gott froh, wieder nach Hause zu kommen.

    Danke für deine Zeilen. Es beruhigt mich sehr, bin ich nicht allein mit dieser Angst im Kopf.

    LG Su

    1. Liebe Su,

      ja, du bist weiß Gott nicht alleine mit dieser Angst. Ich weiß auch, dass es wirklich viel Reflexion braucht. Aber es ist ein Lernprozess an dem es sich lohnt dran zu bleiben 🙂 Ich wünsche dir viel Kraft für deinen Weg!
      Alles Liebe
      Mareike

  2. Liebe Mareike, vielen Dank für Deinen Beitrag. Seit einigen Monaten schon lese ich Deine Texte (meine erste intensivere Berührung mit der GfK) und sie helfen mir kleine Schritte in dieser Richtung zu unternehmen. Danke besonders auch für die vielen ehrlichen Beispiele aus Deinem Alltag (ich erkenne meine eigenen Ängste darin gut wieder) und die praktischen
    Lösungsansätze.

    1. Liebe Birgit,

      ich freue mich sehr, dass dich meine Texte erreichen und dir Appetit auf die GFK machen. Ich wünsche dir viel Energie, um dran zu bleiben.
      Alles Liebe
      Mareike

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