Der Wert von Gefühlen für unsere Beziehungsgestaltung

Teil 4 der Blogserie "Gewaltfreie Beziehungen in der Familie leben"

Herzlich willkommen zum vierten Teil meiner Blogserie! Es soll heute um die zweite Komponente des 4-Schritte Modells der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg gehen: Die Ebene der Gefühle. Ich muss zugeben, dass mir dieses Thema ein wenig Unbehagen bereitet. Gefühle zu besprechen eröffnet ein „weites Feld“ und die Gefahr, sich darin zu verzetteln ist groß.

Ich möchte gerne Klarheit über die Bedeutung der Gefühle in unseren Beziehungen schaffen, ohne dich als Leser zu verunsichern oder die allgemeine Angst, die mit diesem Thema einher geht noch zu verstärken.

Vielleicht ist es sinnvoll, damit zu beginnen, welche Funktion unsere Gefühle haben: Sie sind einfach gesagt, die Signallampen für unsere Bedürfnisse. Sie vermitteln uns, ob unsere Bedürfnisse befriedigt sind (Zufriedenheit, Wohlsein, positive Gefühle) oder ob wir etwas brauchen (Unbehagen, Unwohlsein, negative Gefühle).

Das klingt einleuchtend. Ja, es könnte sogar ganz einfach sein, wäre da nicht der ungünstige Umstand, dass wir häufig nicht gelernt haben, unsere Gefühle auszudrücken. Im Gegenteil! In dem meisten Fällen haben wir früh gelernt, unsere Gefühle zu unterdrücken (Dieses spezielle Thema bearbeite ich in diesem Artikel ausführlicher).

Auch ich habe in meiner Kindheit früh gelernt, dass es "gefährlich ist“, Gefühle zu äußern. Ich erntete dafür immer wieder Spott, Schelte und Ablehnung.

Als ich die GFK kennen lernte, bereitete mir der Gedanke, Gefühle zu erkunden zunächst großens Unbehagen bis hin zu Panik. Bei meinen ersten Versuchen spürte ich auch nicht viel, weil ich die Gefühle „wegrationalisiert“ hatte. Ich war hingegen sehr gut darin, meine Meinung zu äußern:

„Ich habe das Gefühl, das ist nicht in Ordnung, wie sich Person xy verhält.“
„Ich fühle mich ausgenutzt/hintergangen/ungeliebt...“
„Ich fühle mich nicht ernst genommen.“

Als ich lernte, dass solche Äußerungen in der GFK Scheingefühle oder auch Vorwurfsgefühle genannt werden, war ich total perplex. Langsam dämmerte mir, dass ich viele Konflikte selbst herauf beschworen hatte. Ja, ich war wirklich gut darin, anderen Menschen, besonders meinem Mann durch diese Vorwurfsgefühle in die Defensive zu drängen.

Nach diesem ersten Schlüsselerlebnis stand für mich fest, dass ich damit beginnen wollte, meine echten Gefühle auszudrücken. Ein hilfreicher Hinweis war, den Ausdruck meiner Gefühle mit „Ich bin...“ zu beginnen und ein wirkliches Gefühl zu benennen:

Ich bin...
fröhlich, glücklich, heiter, verwundert, berührt, freudig, lebendig, kraftvoll...

Oder
ärgerlich, angespannt, besorgt, bestürzt, deprimiert, elend, einsam, entsetzt, hungrig...

Das erwies sich zunächst aber als echte Hürde, hatte ich meine Gefühle doch weit weg geschoben und tief vergraben. Das erste was ich wirklich gut wahrnehmen konnte, war Wut (mehr dazu in diesem Artikel).

Tja und dann kam die nächste Ernüchterung: Wut zählt zu den sogenannten Sekundärgefühlen. Ich lernte, dass Ärger, Wut, Frust, Schuld, Scham, Resignation und Depression entstehen, wenn ich abwertende Gedanken über mich oder andere hege.

In diesem Zusammenhang lernte ich auch, dass meine Gefühle generell davon abhängen, welche Gedanken ich hege. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass andere Personen uns Gefühle machen können oder dass wir anderen Menschen Gefühle machen können. Die Gefühle machen wir uns selbst!

Also nochmal: Meine Gefühle zu einer bestimmten Situation hängen stark davon ab, was ich in dieser Situation denke und wie ich sie bewerte. Um das zu verdeutlichen, gebe ich dir ein kleines Beispiel:

Ich bin mit einem Freund in einem Café verabredet und er ist bereits 20 Minuten später dran, als vereinbart. Ich habe noch keine Nachricht erhalten, was der Grund für die Verspätung ist. Wie ich mit der Situation umgehe, hängt nun stark davon ab, wie ich darüber denke.

Variante 1: Ich werde ärgerlich, weil ich es als Zeitverschwendung ansehe, so lange warten zu müssen. Mein Gefühl steigert sich zu Empörung, weil mein Freund so unachtsam mit meiner Zeit umgeht.

Variante 2: Ich werde traurig, weil ich glaube, dass dieses Treffen meinem Freund nicht so wichtig ist. Ich beginne daran zu zweifeln, dass er unsere Freundschaft genauso wertschätzt wie ich.

Variante 3: Ich bin besorgt, weil es für meinen Freund untypisch ist, so spät dran zu sein und nicht Bescheid zu sagen. Ich hoffe, dass ihm nichts passiert ist.

Variante 4: Ich entspanne mich und freue mich über diese Zeit, die ich gerade für mich selbst habe. Ich bestelle mir eine Tasse Kaffee und erfreue mich daran, die Leute zu beobachten und genieße einfach den Moment.

Es gibt mit Sicherheit noch zahlreiche weitere Varianten, wie ich in dieser Situation denken könnte und mich entsprechend fühlen würde.

Das bedeutet, dass ich die volle Verantwortung für meine Gefühle habe. Das bedeutet auch, dass ich mit diesem Wissen im Hinterkopf nie wieder eine „Opferhaltung“ einnehmen will. Außerdem möchte ich bei niemandem mehr Schuldgefühle erzeugen, indem ich ihm/ihr die Schuld an meinen Gefühlen gebe oder dies gar zur Manipulation einsetze:

„Das macht Mama aber traurig, was du da machst.“ (Wer hat diesen Satz noch nicht gehört?)
„Es macht mich wütend, wenn du nicht dieses oder jenes tust.“
„Dein unordentliches Zimmer macht mich ganz krank!“

Als ich mit all diesen für mich neuen, Erkenntnissen über meine Gefühle konfrontiert wurde, war ich zunächst ein wenig überfordert. Ich spürte auch eine Verzweiflung (das ist ein echtes Gefühl ;-)) in mir aufsteigen, weil ich glaubte, dass ich nie aus dieser Mühle von Vorwurfsgefühlen, Sekundärgefühlen und alten Glaubensmustern über Gefühle aussteigen kann.

Nach nun gut 4 Jahren GFK-Training und dank meiner beharrlichen Meditations- und Achtsamkeitspraxis lernte ich langsam, dass das Wahrnehmen von Gefühlen geübt werden kann. Das trainiere ich bis zum heutigen Tag. Ich lernte auch, wie ich Gefühle annehmen und loslassen kann (mehr dazu in diesem Artikel).

Ganz langsam begriff ich, dass Gefühle gar nicht so gefährlich sind, wie ich es als Kind erlebt habe.

Heute ist dieser neu Zugang zu meinen Gefühlen eine große Bereicherung mit tollen "Nebeneffekten":

- Ich fühle mich lebendiger, weil ich die einzelnen Gefühlszustände voll auskosten kann.
- Ich erreiche andere Menschen besser, wenn ich ihnen meine Gefühle kommuniziere.
- Ich erlebe ein größeres körperliches Wohlbefinden, weil unterdrückte Gefühle aufgelöst werden und mich nicht mehr krank machen.
- Ich bin besonnener, lasse mich nicht mehr so leicht von Impulsen leiten.
- Meine Streitlust hat im gleichen Zuge abgenommen wie mein Mitgefühl gegenüber Anderen gestiegen ist.
- Ich kann meine Bedürfnisse klarer artikulieren.

Das größte Geschenk ist jedoch der intensivere Kontakt, den ich zu anderen Menschen herstellen kann, wenn ich offen über meine Gefühle spreche. Anderen Menschen auf dieser Ebene zu begegnen ist eine sehr verbindende Erfahrung. Es fühlt sich an, als ob es eigentlich genau darum geht im Leben, um diese intensive Qualität des Kontaktes zum Anderen

"Am reichsten sind wir, wenn wir in einer guten Verbindung zueinander sind." (Marshall B. Rosenberg)

Trage dich hier für meinen kostenlosen Newsletter ein!

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

One thought on “Der Wert von Gefühlen für unsere Beziehungsgestaltung

  1. Ja, genau! So wichtig. Ohne Gefühle sind wir einfach unvollständig.
    Und ohne Gefühle können wir uns auch nicht weiterentwickeln, Gefühle sind Bewegung,
    e-motion!
    Ich lese immer gerne von Dir.
    Liebe Grüße
    Wibke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll To Top