Teil 5 der Blogserie „Gewaltfreie Beziehungen in der Familie leben“

Meine Blogserie schreitet voran und heute ist die 3. Ebene des Modells der Gewaltfreien Kommunikation dran. Klassischerweise geht es hier um unsere Bedürfnisse und da ich den Fokus auf der Gestaltung von gewaltfreien Familienbeziehungen gelegt habe, möchte ich mich heute dem Thema bedürfnisorientiertes Familienleben widmen.

Wie ich bereits im 2. Teil der Serie beschrieben habe, geht es uns in unserem Leben darum, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Es macht absolut Sinn, das eigene Leben bewusst nach den eigenen Bedürfnissen auszurichten, weil wir dadurch Leichtigkeit, Leidenschaft und Glück in unser Leben holen.

Wenn wir eine Familie gründen, erfüllen wir uns damit ebenfalls lediglich Bedürfnisse. Wir bereichern unser Leben dadurch wahrscheinlich mit Liebe, Nähe, Zugehörigkeit, Sinn, Freude, etc.

Dass wir damit kleine Menschen in die Welt setzen, die wiederum Bedürfnisse haben, wird uns erst so richtig klar, wenn diese dann befriedigt werden wollen. Eltern, die sich klar an den Bedürfnissen ihrer Kinder ausrichten, geraten nicht selten in Konflikt mit ihren eigenen Bedürfnissen. Aus diesem Umstand kann eine unbefriedigende Situation innerhalb des Familienlebens resultieren, in der niemand seine Bedürfnisse erfüllen kann.

Dazu habe auch ich eine eigene Geschichte:

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich in den ersten Lebensmonaten meines Sohnes in einen Modus begab, in dem ich den Anspruch hatte, sofort auf jedes Bedürfnis meines Sohnes eingehen zu wollen. Ich hatte viel zum Thema „Bindung“ und „Attachment Parenting“ gelesen und war so verliebt in meinen Sohn, dass ich bereit war, die damit verbundenen Strapazen auf mich zu nehmen.

Ich erinnere mich gut daran, wie sehr mich das Weinen meines Kindes stresste und wie sehr ich alles tat, damit er aufhörte. Ich war in einem Hamsterrad aus Stillen, Tragen, Windeln wechseln, Spazierengehen und Haushalt in Ordnung halten gefangen. Es war der Klassiker: Mein ständiges Geben führte dazu, dass ich mich letztendlich selbst komplett ausgepowert habe. Ich erreichte immer häufiger Zustände der totalen Erschöpfung.

Mit diesem Energieverlust gingen gehäuft unschöne Szenen und emotionale Ausbrüche meinerseits einher. Mein Mann, der zu dieser Zeit voll berufstätig war, bekam meine schlechte Laune immer öfter zu spüren. Selbst meinem Sohn gegenüber hegte ich hin und wieder Groll. Kurz gesagt: In dieser Situation war ich sehr verzweifelt.

Ich verfiel in eine Stimmungslage, in der ich Kommunikationsformen anwendete, die besonders die Beziehung zu meinem Mann stark strapazierten. Ich sparte weder an Vorwürfen: „Du hast keine Ahnung, wie es mir geht oder was ich hier durchmache! Dein Bürotag ist ein Spaziergang dagegen!“ noch an Urteilen: „Du bist so egoistisch, triffst dich heute Abend mit xy und ich sitze die ganze Zeit allein zu Hause!“

Was war nur geschehen? Meine Ideale hinsichtlich der Familiengestaltung waren passé und ich kämpfte gefühlt jeden Tag ums Überleben. Trotz meiner Ausbildung in der Gewaltfreien Kommunikation hatte ich den Blick für meine eigenen Bedürfnisse völlig verloren. Ich drückte sie in dieser oben beschriebenen Art Kommunikation aus und es brauchte einige Zeit, bis ich begriff, was ich da tat und worin die Ursache für mein Handeln lag.

Mein Mann bekam diese ganzen Dinge von mir zu hören, weil er instinktiv das tat, was ich mir selbst verwehrte: Er sorgte gut für sich, indem er sich seine Bedürfnisse erfüllte! Ich hingegen unternahm unbewusst verzweifelte Versuche meine Bedürfnisse auszudrücken, indem ich ihn anmotzte und ihn meine Unzufriedenheit spüren ließ.

Dass Vorwürfe, Kritik, moralische Urteile und all die eher aggressiven Kommunikationsformen (Blogserie Teil 3) den Anderen wenig einladen, uns bei der Erfüllung unserer Bedürfnisse zu unterstützen, leuchtet wohl jedem ein. Die Person, die die Vorwürfe hört, geht in eine Verteidigungshaltung und startet ggf. einen Gegenangriff um die eigene Selbstachtung zu schützen. Aus solchen Szenen entstehen nicht selten handfeste Konflikte.

Die Person, die eigentlich ein Bedürfnis ausdrücken möchte, bekommt auch höchst wahrscheinlich nicht, worum es ihr wirklich geht. So auch in meinem Fall.

„Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tun andere es auch nicht.“ (Marshall B. Rosenberg)

Als mir dieser Zusammenhang nach vielen Wochen des Kampfes und der Verzweiflung klar wurde, begann ich endlich Verantwortung zu übernehmen. Ich entwickelte zusammen mit meinem Mann Strategien, wie ich mich entlasten und wieder Energie tanken kann. Ich begann wieder, Achtsamkeit zu trainieren und zu meditieren. Ich lernte, um Hilfe zu bitten und dass ich nicht alles perfekt machen muss.

Aber das wichtigste, dass ich in dieser Zeit lernte war:

Verantwortungsvolle Eltern zu sein bedeutet, Verantwortung für die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu übernehmen und Strategien zu finden, die ihnen gerecht werden!

Ich wandte mich also wieder verstärkt den Ideen der Gewaltfreien Kommunikation zu und all den Grundsätzen, die sich an der Erfüllung von Bedürfnissen ausrichten. Dabei wurde mir klar, dass ich wirklich Schwierigkeiten damit hatte, meine Bedürfnisse klar und wertfrei auszudrücken. Ich hatte einen Hang dazu, diese in Vorwürfe, Kritik und moralische Urteile zu verpacken. Anschließend erwartete ich dann auch noch, dass mein Mann dieses Chaos entziffert und adäquat auf meine Bedürfnisse eingeht.

In meinem Fall ist die ganze Geschichte insofern „glimpflich“ abgelaufen, dass ich zumindest meinem Kind keine Vorwürfe bzw. Schuldzuweisungen angedeihen ließ.

Es ist leider ein weit verbreitetes Muster, dass Erwachsene dazu neigen, den Kindern die Verantwortung dafür zu geben, wenn sie selbst nicht in der Lage sind, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und für diese zu sorgen:

„Eurer ständiges Streiten macht mich verrückt.“
„Du nervst!“
„Lass mich in Ruhe!“

Überforderung, Erschöpfung und Stress sind oft verantwortlich dafür, dass wir aus der Balance geraten und den Zugang zu unserem mitfühlenden Kern unseren Lieben gegenüber verlieren.

Unausgeruhte und überforderte Menschen werden des Öfteren aggressiv. Das können wir bei kleinen Kindern nachvollziehbar beobachten: Sie schreien, sind quengelig und hauen mitunter um sich. Wir Erwachsene legen vielleicht nicht gleich so extreme Verhaltensweisen an den Tag, aber dennoch bekommt unser Umfeld zu spüren, wenn wir aus der Balance geraten sind oder die Situation nicht händeln können.

Der Weg aus dieser Misere führt über den Ansatz, sich seiner Bedürfnisse hinter den eigenen Gefühlen gewahr zu werden, diese anzuerkennen und klar auszudrücken.

Wenn wir Stress und Konflikte im Familienleben reduzieren wollen, dann müssen wir lernen, gut für uns selbst zu sorgen. Dieser Weg führt über unsere innere Wahrnehmung von Gefühlen und den dahinterliegenden Bedürfnissen. Nur wenn diese befriedigt sind, haben wir eine Chance, auch wirklich gut für andere, speziell auch die Bedürfnisse unserer Kinder zu sorgen.

Wir schlagen damit zudem zwei Fliegen mit einer Klappe:

1. Wir durchbrechen den Teufelskreis der gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüche an uns. So ist es uns möglich, uns das zu geben, was wir selbst am dringendsten benötigen.

2. Wir leben unseren Kindern anschaulich vor, wie auch sie selbst gut für sich sorgen können.

Ich kann mir vorstellen, dass es zunächst ein wenig Angst macht, die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren. Schließlich gibt es genug Ansätze, die uns glauben machen, dass die Fokussierung auf die eigenen Bedürfnisse egoistisch oder gar falsch sei.

Ich propagiere hier nicht, die eigenen Bedürfnisse auf Kosten anderer zu erfüllen. Ich ermutige dich lediglich dazu, hinzuspüren, was du brauchst, dies anzuerkennen und im Rahmen deiner Möglichkeiten zu erfüllen.

Ich glaube fest daran, dass der erste heilsame Schritt immer in der Anerkennung der Bedürfnisse liegt. Wir finden in der Anerkennung dieser Bedürfnisse immer einen Weg, allen Bedürfnissen halbwegs gerecht zu werden. Manchmal werden wir dann sogar richtig kreativ und erfinderisch.

Gerade im Familienleben kollidieren Bedürfnisse geradezu ständig. Hier kommen ein paar Beispiele mit Lösungsansätzen aus meiner eigenen Erfahrung:

1) Wenn ich Ruhe und Erholung brauche, mein Sohn aber vielleicht gerade Lust auf Bewegung und motorische Selbstentfaltung hat, suche ich gern Spielplätze auf, auf denen mit großer Wahrscheinlichkeit andere Kinder spielen, die mein Sohn kennt. Dadurch findet er Spielgefährten und kann toben, und ich kann auf einer Bank am Rand etwas durchatmen.

2) Ordnung und Sauberkeit sind meinem Mann sehr wichtig. Es kommt des Öfteren vor, dass unser Sohn gerade beim Essen die Schwerkraft super spannend findet und alles Mögliche vom Tisch fallen lässt (Bedürfnis ist ggf. Lernen). Wir sind dazu übergegangen, solche Experimente ohne Moralpredigten zuzulassen. Er bekommt kein „So was macht man nicht.“ zu hören. Wir haben entdeckt, dass der kleine Mann sehr häufig von bestimmten Experimenten ablässt, wenn er sie einmal komplett durchgespielt hat. Vermutlich hat er dann gelernt oder verstanden, was er wissen wollte und seine Neugier wurde befriedigt. Den Fußboden reinigen wir hinterher und es gibt wegen solcher Situationen einfach keinen Stress.

3) Manchmal habe ich auch am Abend noch Termine und mein Mann und/oder mein Sohn brauchen Nähe und Zuwendung. Ich versuche das, so gut es geht, auszugleichen, indem ich extra Zeiten einplane, in denen wir nur als Familie unterwegs sind. Das Wochenende ist bis auf wenige Ausnahmen heilig. Ich beeile mich auch ganz oft noch vor dem Zubettgehen meines Sohnes zu Hause zu sein, sodass ich wenigstens diesem Ritual bewohnen kann.

Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder wahrzunehmen, anzuerkennen und Strategien zu finden, diese zu befriedigen ist ein Prozess. Er erfolgt quasi in jeder Situation aufs Neue. Dabei geht auch in unserer Familie immer noch viel schief. Dennoch feiern wir alles, was gelingt, und ziehen daraus Energie. Grundlegend ist dieser Ansatz für mich und meine Familie sehr heilsam. Auch dann, wenn wir einmal nicht allen Bedürfnissen gerecht werden konnten, diese zumindest gesehen wurden und damit auch Anerkennung erfuhren.

Nun bin ich gespannt, wie es dir mit diesem Artikel geht, hinterlasse gern einen Kommentar oder sende mir eine Mail.

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