Die Entdeckung der Freiwilligkeit – oder wie sich meine Familie ihre Bedürfnisse erfüllt

Teil 6 der Blogserie "Gewaltfreie Beziehungen in der Familie leben"

Der heutige Artikel widmet sich dem 4. Schritt im Modell der Gewaltfreien Kommunikation. Das ist klassischerweise das Bitten um die Erfüllung unserer Bedürfnisse. Hierfür hat die GFK ein paar „Regeln“ aufgestellt. Wenn wir diese befolgen, erhöht sich zumindest die Chance, dass Andere gerne bereit sind, unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Folgende Aspekte können wir dafür beachten:

Wenn wir den Sinn hinter einer Bitte erkennen, steigert dies häufig unsere Bereitschaft, dieser nachzukommen. Sinn erzeugen wir dann, wenn wir dem Anderen eine Mitteilung über unsere Situation, Gefühle und Bedürfnisse machen:

„Ich bin total müde und brauche ein wenig Unterstützung. Würdest du bitte den Abwasch machen, während ich die Wäsche zusammenlege? Beides schaffe ich heute nicht mehr, dafür bin ich zu kaputt.“

Natürlich ist es auch hilfreich, wenn wir die Handlung, die wir uns wünschen so konkret wie möglich äußern:

Ich habe schon häufig die Erfahrung gemacht, dass mein Sohn einer konkret formulierten Bitte sehr gern nachkommt: „Ich möchte, dass du deine Spielzeugtiere wieder in die Kiste räumst, in die sie hineingehören.“ Würde ich hingegen sagen „Räume bitte dein Zimmer auf.“, wäre er sicher irritiert, weil die Aufforderung ohne Benennung eines konkreten Objektes zu abstrakt für ihn ist.

Es hilft zudem, Bitten positiv zu formulieren. Ich erlebe es häufig, dass Kindern gesagt wird, was sie nicht machen sollen. Das hat nicht selten den Effekt, dass dann genau das passiert, was wir nicht wollen: „Bitte passe auf, dass du deinen Tee nicht verschüttest.“ Und was passiert? Die Tasse mit dem Tee fällt herunter. Wenn ich hingegen sage, „Bitte schieb deine Tasse hinter deinen Teller.“, dann klappt das super und der Fußboden bleibt sauber.

Ist eine Bitte zudem verhandelbar, geht mein Gegenüber eher darauf ein. Beispielsweise ist mein Sohn derzeit häufig in das Spiel mit bestimmten Gegenständen vertieft. So meist auch dann, wenn ich mit ihm rausgehen will. Ich vermute, dass er seine Bedürfnisse nach Spielen und Lernen damit befriedigt. Basierend auf dieser Einschätzung trete ich dann mit ihm in Verhandlung:

„Ich verstehe, dass es dir im Moment total wichtig ist, dass du mit deinem Bagger spielen kannst. Ich möchte jetzt gern rausgehen, weil ich frische Luft brauche. Magst du mitkommen, wenn wir deinen Bagger auch mitnehmen?“

Solch ein Einbeziehen seines Bedürfnisses kann schon reichen, damit mein Sohn freiwillig mit nach draußen kommt, und wir beide bekommen, was wir brauchen. Ich habe hier also erfolgreich verhandelt, weil ich seine Bedürfnisse genauso gut gewahrt habe wie meine eigenen.

Last but not least möchte ich noch auf den wichtigsten Aspekt bei der Bitte um eine Handlung hinweisen. Ich habe ihn mir für den Schluss aufgehoben, weil er den entscheidendsten Aspekt für das Formulieren einer Bitte darstellt. Selbst für die größten GFK-Fans und auch besonders liebevolle Eltern stellt er regelmäßig eine Herausforderung dar:

In einer wohlwollenden Haltung bleiben, wenn unserer Bitte mit einem „Nein“ begegnet wird!

Wie gehen wir damit um, wenn unsere Bitte, die wir sorgfältig nach allen „Regeln der GFK-Kunst“ formuliert haben, von unserem Kind nicht erfüllt werden möchte?

Unsere Kinder sind die besten „Testkunden“ für unsere Bitten, die wir uns wünschen können. Sie sind, besonders in ganz jungen Jahren, gnadenlos ehrlich und lehnen unsere „Bitten“ wesentlich häufiger ab, als jeder Erwachsene es tun würde. Sie testen damit immer wieder und unerbittlich unsere Haltung und prüfen dadurch ebenfalls die Glaubenssätze über Erziehung, die in uns stecken. Das ist der Moment der Wahrheit, in dem die zweifelnden Stimmen und alten Glaubensmuster aufbrechen:

„Er/Sie müsste eigentlich tun, was ich von ihm/ihr verlange, schließlich bin ich seine/ihre Mutter!“

„Du musst dem Kind Grenzen setzen, sonst tanzt es dir auf der Nase herum!“

„Wo bleibt der Respekt?“

„Ich bin einfach nicht konsequent genug.“

„Die GFK funktioniert nicht!“

Eines ist ganz sicher: Wenn mir nach der Äußerung meiner Bitte, solche Sätze in den Kopf poppen oder ich stark empört oder verärgert bin, dann war es keine Bitte. Dann war es eine Forderung, denn der Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung besteht einzig und allein in der Haltung, die ich einnehme, wenn ich ein „Nein“ kassiere!

Es kommt keinesfalls auf die Formulierung der Bitte an! Die Art, wie wir etwas formulieren, ist kein Garant für die Erfüllung unserer Bitte! Sie erhöht lediglich die Chance, dass diese erfüllt wird.

Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass die GFK nicht gedacht ist, um uns eine kuschelige Erziehungsmethode an die Hand zu geben. Dies wird gerade durch unseren Umgang mit einem „Nein“ auf eine Bitte deutlich.

Die Freiwilligkeit mit der der Andere diese Bitte erfüllen darf, ist ein heiliges Prinzip in der GFK!

Wie gelingt es mir, in einer wohlwollenden Haltung zu bleiben, wenn meine Lieben meiner Bitte nicht nachkommen wollen?

Es fordert uns als Eltern enorm heraus, den Widerwillen unserer Kinder zu erfahren, weil es in unserem Denken stark verankert ist, dass unsere Aufgabe darin besteht, „Verhaltensergebnisse“ bei unseren Kindern zu erzielen. Kurz gesagt: Kinder sollten das tun, was wir ihnen sagen (Schließlich wissen wir es ja besser und sind lediglich um ihr Wohlergehen besorgt).

Dass auch Kinder ein Recht darauf haben, etwas nur dann zu tun, wenn sie es freiwillig tun, muss auch ich mir gelegentlich ins Gedächtnis rufen.

Dazu möchte ich an dieser Stelle etwas weiter ausholen und die Sache mit dem eigenen Willen genauer betrachten.

Jeder Mensch braucht einen eigenen Willen, besonders dann, wenn er in einer Gesellschaft wie der unseren zurechtkommen will!

„Die Willenskraft ist die Verbindung zwischen dem ungestillten Bedürfnis und der dazugehörigen Tat, die zum Ziel führt.“ (Britta Hahn)

Wenn wir erkennen, dass wir ein Bedürfnis haben, ist das lediglich der erste Schritt. Wir bekommen erst dann, was wir brauchen, wenn wir auch die entsprechenden Handlungen ausüben, um das Bedürfnis zu befriedigen. Dafür braucht es unseren Willen. Im großen Kontext gedacht, braucht es die Willenskraft also, um unsere Ziele zu erreichen; besonders dann, wenn wir Hindernisse und widrige Umstände überwinden müssen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es fatale Folgen haben kann, wenn einem jungen Menschen der eigene Wille abgesprochen oder gar gebrochen wird. Das ist nicht nur eine schmerzhafte Erfahrung. Es kann den inneren Antrieb im Leben dieses Menschen enorm beeinträchtigen.

Wenn mein Sohn meiner Bitte also mit einem „Nein“ begegnet, bedeutet das, dass er eine eigene Entscheidung getroffen hat. Dass er selbstbestimmt ist und dass er keine Angst hat, dies zu zeigen. Bei näherem Hinsehen ist das sogar ein Grund zur Freude, weil ich mir dadurch sicher sein kann, dass mein Kind seine eigenen Bedürfnisse ernst nimmt.

Es hilft mir zudem sehr, mir in den Momenten, wenn ich ein „Nein“ bekomme, mir Folgendes bewusst zu machen: Mein Kind will mich mit der Ablehnung meiner Bitte nicht provozieren oder ärgern. Weder mein Sohn noch sonst irgendjemand tut mit dem Abschlagen meiner Bitte etwas gegen mich, sondern sie tun etwas für sich: Sie erfüllen sich ihre Bedürfnisse!

Wenn es mir in solchen Situationen gelingt, mich in diese Bedürfnisse einzufühlen, komme ich heraus aus den Glaubensmustern über Erziehung und hinein in den Kontakt zu meinen Lieben, der unser liebevolles Miteinander ermöglicht. Wenn wir in dieser Haltung verweilen, eröffnen wir uns damit neue Möglichkeiten, um Wege zu finden, die beiden Parteien neue Handlungsspielräume ermöglicht. Dann kann z.B. das Verhandeln einer Bitte neu beginnen.

Es gibt im Familienalltag genug Momente, in denen dieser Spielraum leider einfach nicht gegeben ist. Wenn mein Mann und ich beispielsweise unsere beruflichen Verpflichtungen wahrnehmen und wir dann unsere Wünsche und Bedürfnisse gegenüber denen unseres Sohnes durchsetzen. Wie oft frage ich mich auch einfach nicht, ob es einen anderen Weg gibt?

Eine gewaltfreie und liebevolle Beziehung mit meiner Familie zu führen, bedeutet nicht, dass alle immer alles bekommen, was sie sich im Moment wünschen. Es bedeutet für mich, dass alle Beteiligten mit ihren Bedürfnissen gesehen werden.

Ich möchte unsere Beziehung so gestalten, dass so viele Bedürfnisse wie möglich freiwillig erfüllt werden. Zudem ist es mir wichtig, dass auch die Bedürfnisse gesehen werden, die nicht erfüllt wurden und dass es okay ist, darüber traurig oder wütend zu sein.

Seitdem ich mir diese Zusammenhänge und Wünsche für meine Beziehungen deutlich gemacht habe, hat die Freiwilligkeit in Bezug auf die Erfüllung meiner Bitten einen noch höheren Stellenwert für mich.

Wenn mein Sohn einer Bitte einfach nicht nachkommen will, hat es für mich etwas enorm Befreiendes, wenn ich mich auf die Freiwilligkeit berufe. Ich habe nämlich ebenfalls eine Wahl, wie ich damit umgehen will. Ich muss nicht reflexartig handeln. Ich kann mich, anstatt nach alten Erziehungsmustern zu handeln, in unsere Gefühle und Bedürfnisse in der jeweiligen Situation einfühlen und sie benennen.

So zeige ich meinen Kind, dass ich es liebe und ernst nehme, und weiß für mich, dass seine Weigerung etwas über seine Bedürfnisse aussagt, aber nicht gegen mich gerichtet ist. So gehe ich mit einem guten Gefühl aus diesem Konflikt, indem ich ihn besser zu verstehen lerne und anschließend, aufbauend auf dieser Erkenntnis, eine neue Bitte formulieren kann oder eben anerkenne, dass ich dieses Bedürfnis gerade nicht erfüllen kann.

Jetzt bin ich wie immer sehr gespannt, wie es dir mit diesen Gedanken geht! Hinterlasse gern einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de

Trage dich hier für meinen kostenlosen Newsletter ein!

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

5 thoughts on “Die Entdeckung der Freiwilligkeit – oder wie sich meine Familie ihre Bedürfnisse erfüllt

  1. Liebe Mareike,
    gerade bin ich auf deinem Blog gestoßen und habe ihn mit Feuereifer durchgelesen. Vielen Dank fürso viele schöne Impulse. Wir haben vier Kinder und für unsere Hausarbeit einen Dienstplan, den wir gemeinsam bei einer Familien Konferenz erstellt haben. Trotzdem funktioniert er nicht immer….ein Kind macht es nicht, protestiert, hilft erst auf Druck..meintest du, es sollte keine klaren Absprachen, Pläne und Regeln geben, sondern nur freiwilliges helfen? . Was kannst du mir dazu raten? Lieben Dank, Katharina

  2. Hallo Mareike!

    Also in Grunde meines Herzens kann ich deinen Artikel absolut unterschreiben und versuche das auch so zu leben. …allerdings lässt sich das für mich mit einem Pubertierendem und einem Kleinkind im Trotzalter derzeit kaum leben.

    Beide sagen aus Prinzip Nein ☺

    Aber es bricht mir das Herz und zehrt extrem an meinen Ressourcen ständig ihren „Willen“ brechen zu müssen. (Sofern ich das überhaupt kann). Aber was mach ich mit einem 21 Monate alten Zornbinggl, der nicht gewickelt werden will, der nicht Zähne putzen mag, der es nicht akzeptabel findet, dass sein essen weg ist, wenn er es quer durchs Zimmer schleudert? Der sich weigert, in Kinderwagen zu sitzen, ab der Hand zu gehen usw.
    Das sind ja keine Bitten meinerseits, sondern grundlegende Notwendigkeiten. …
    Ja, ich weiß es wird besser. … der kleine verstehts noch nicht, der Große wills grad nicht verstehen. ….
    Dennoch, dass GFK funktioniert setzt voraus, dass generell eine Bereitschaft da ist, die Bitte des anderen überhaupt zu hören.
    Bei meiner mittleren läufts ….noch ☺

    Aber es tut dann schon weh, auch noch zu lesen, wie schlimm das für das Kind ist, etwas gegen seinen Willen tun zu müssen. …

    Versteh mich nicht falsch, jeder erlebt diese Phasen ganz anders und jedes Kind ist auch anders, aber ich finde man sollte dennoch darauf hin weisen, dass es Momente/Phasen im leben gibt, da kommt man mit bitten nicht weiter 😑

    Lg
    Uschi

    1. Liebe Uschi,
      danke für deine offenen Worte. Auch ich mache immer wieder die Erfahrung, dass mein Sohn mir meine Bitten ausschlägt. Die Art wie ich sie formuliert habe ist ja kein Garant dafür, dass sie letztlich erfüllt werden. Mit meinem Artikel möchte ich grundsätzlich dafür sensibilisieren, dass wir uns als Eltern darum bemühen sollten, die Bedürfnisse unserer Kinder aber wenigstens zu sehen und anzuerkennen, auch wenn wir sie nicht erfüllen können oder wollen. Die Botschaft, dass es okay ist, traurig zu sein, wenn mann etwas nicht bekommt, ist dabei sehr wertvoll und wiegt häufig auf, wenn der Raum für Freiwilligkeit nicht gegeben war und die Bitte nicht erhört wurde. Wir als Eltern sind vielen äußeren Zwängen ausgesetzt und ich sage nicht, dass wir für das Wohl der Familie nicht hin und wieder unseren Willen durchsetzen müssen. Mir geht es darum, das Kind dabei aber auch zu sehen und ja, alle Familienmitglieder mit ihren Bedürfnissen zu sehen. Der Raum, der sich öffnet, wenn wir dies hin und wieder tun, eröffnet uns neue Perspektiven und eine innige Verbindung zu unseren Lieben. Ist das nicht viel wertvoller, als das alles drumherum immer nach Plan und geregelt läuft?
      Das Thema Zähne putzen und Essen durch die Küche werfen kenne ich nur zu gut. Auch mir ist es wichtig, dass mein Sohn gesunde Zähne hat und dass ich die Küche nicht jeden Abend putzen muss. Aber es ist mir auch wichtig, dass mein Sohn gesehen wird. Er hat immer einen guten Grund für sein Verhalten. Das Thema Zähne putzen habe ich mit viel Geduld und Einfühlung langsam soweit, dass er inzwischen (fast) jeden Abend freiwillig Zähne putzt und mich sogar nachputzen lässt. Das hat lange gedauert und ist m.E. nach nur deshalb inzwischen so weit gediehen, weil ich eben nicht jeden Abend mit der Brechstange vorgegangen bin, immer geschaut habe, wie ich es ihm schmackhaft machen kann und manchmal, wenn es eben gar nicht ging auch darauf verzichtet habe.
      Ich denke, es ist ein Akt der Balance, ein Tanz, der eben kein Rezept zugrunde legt, sondern der uns täglich neu herausfordert.
      Alles Liebe dir,
      Mareike

  3. Liebe Marieke, danke für diese erhellenden Zeilen! Es ist so gut, sich das so vor Augen zu führen. Ich hoffe, auch ich kann das in unserem Alltag häufiger so in den B,ich nehmen, wie Du es beschreibst. ich finde es schwer, aus den hergebrachten Mustern auszubrechen. Vielen Dank, dass Du dazu ermutigst und aufforderst!

    1. Liebe Maike,
      danke für deine ermunternden Worte. Ich freue mich wirklich sehr, wenn ich anderen Inspiration geben kann. Mein Familienalltag hat sich sehr verändert, seitdem ich mich mit dem Prinzip der Freiwilligkeit beschäftige. Ich bin sehr viel gelassener…

      Ich wünsche dir viel Ausdauer für diesen Weg aus den alten Mustern 🙂
      Alles Liebe
      Mareike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll To Top