Mit dem Herzen hören lernen – die Macht der Empathie

Teil 7 der Blogserie: "Gewaltfreie Beziehungen in der Familie leben"

Herzlich willkommen zum 7. und letzten Teil meiner Blogserie. Heute möchte ich das Thema Empathie in den Vordergrund stellen. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass sie eine entscheidende Rolle dabei spielt, wie mir die Gewaltfreie Kommunikation gelingt.

Die eigene Empathiefähigkeit ist ein entscheidendes Puzzleteil, dass es braucht, um eine innige Verbindung zu unseren Lieben herzustellen. Wenn wir diese erreichen wollen, kommen wir gar nicht drum herum, uns in sie einzufühlen. Es fällt mir automatisch wesentlich leichter, meinen Mitmenschen gewaltfrei zu begegnen, wenn ich eine emotionale Verbindung zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen herstellen kann.

Aber was genau ist Empathie eigentlich?

Was ich so höre und lese zu diesem Begriff, veranlasste mich, mich mit der Definition von Empathie ein bisschen intensiver zu beschäftigen. Ich bin erstaunt, wie viele Missverständnisse, aber auch unterschiedliche Ansätze es zu diesem Begriff gibt. Ich gebe euch hier mal eine kleine Kostprobe davon:

Paul Ekman unterscheidet z.B. zwischen kognitiver und emotionaler Empathie. „Kognitive Empathie lässt uns erkennen, was ein anderer fühlt. Emotionale Empathie lässt uns fühlen, was der andere fühlt, und das Mitleiden bringt uns dazu, dass wir dem anderen helfen wollen …“.

Einige Autoren wie Lawrence Shaw, Elizabeth Segal sowie Tharrenos Braitsis unterscheiden sogar drei Formen der Empathie:

1) Emotionale Empathie als die Fähigkeit, das Gleiche zu empfinden wie andere Menschen. Man nennt das landläufig auch Mitgefühl.

2) Außerdem sprechen diese Autoren von einer kognitiven Empathie, die vergleichbar mit der „Theory of Mind“; eine Fähigkeit beschreibt, mit der wir nicht nur Gefühle, sondern auch Gedanken und Absichten anderer Menschen verstehen und daraus korrekte Schlussfolgerungen zu ihrem Verhalten ableiten können.

3) Die soziale Empathie meint die Fähigkeit, komplexe soziale Situationen und soziale Systeme mit Menschen unterschiedlicher Kulturen, Charaktereigenschaften und Werthaltungen verstehen und mit ihnen konstruktiv kommunizieren zu können.

Natürlich gibt es auch bei Marshall Rosenberg eine Erläuterung dazu, was er mit Empathie meint. Interessanterweise ist seine Definition etwas „spiritueller“ angehaucht. Er spricht davon, dass Empathie völlige Präsenz bedeutet. Er zitiert sogar den chinesischen Philosophen Chuang-Tzu, der uns auffordert, den Verstand leer zu machen und mit unserem ganzen Wesen zuzuhören.

„Empathie tritt im Kontakt mit anderen Menschen nur dann auf, wenn wir alle vorgefassten Meinungen und Urteile über sie abgelegt haben.“ (Marshall B. Rosenberg)

Der Weg zu mehr Empathie: auf Gefühle und Bedürfnisse hören lernen

Die gute Nachricht ist, dass Empathie trainiert werden kann. In der GFK geht das einher mit der Konzentration auf unsere Gefühle und Bedürfnisse (Selbst-Empathie) sowie der Gefühle und Bedürfnisse des anderen.

Dazu gebe ich gern wieder ein Beispiel aus meinem persönlichen Erleben:

Mein Mann und ich haben neulich zusammen mit den Fahrrädern und unserem Sohn auf dem Kindersitz eine stark befahrene Straße überquert. Da es keine Ampel gab, mussten wir natürlich darauf warten, bis die Autos alle vorbei waren. Mein Mann steuerte auf eine Stelle zu, an der die Fahrbahn eine Markierung hatte, die einen Übergang für Fußgänger andeutete (gestrichelte Linien, aber kein Zebrastreifen). Diese Stelle war jedoch wesentlich breiter als der Teil der Straße, an dem wir uns zuvor befanden. Ich habe dann zu ihm gesagt. Warum suchst du dir für die Überquerung der Straße den breitesten Teil der Straße aus?“
Daraufhin entgegnete er. „Wenn du meinst, dass ich hier alles falsch mache, dann übernimm du die Führung!“ Bäm, da war sie wieder, die Vorlage für einen Konflikt.
Ich war in der Situation zunächst auch nicht gleich mit allen Antennen auf Empathie eingestellt und entgegnete ihm nur: „Das habe ich nicht gesagt, ich fand es lediglich merkwürdig, dass du diese breite Stelle zur Überquerung ansteuerst.“ Naja und so langsam kam ich in Fahrt: „Bist du verärgert, weil du in meiner Frage Zweifel an deiner Vernunft oder deinem Verantwortungsbewusstsein gehört hast?“
Mein Mann: „Ja, ich habe diesen Weg gewählt, weil ich vermute, dass die Fahrbahnmarkierung die Autofahrer aufmerksamer sein lässt. Ich habe einen sehr guten Grund für meine Wahl!“
Ich: „Bist du frustriert, weil es dir wichtig ist, dass ich sehe, dass du dich um unsere Sicherheit bemühst?“
Mein Mann: „JA, ich will euch natürlich sicher nach Hause bringen. Wenn du solche Fragen stellst, verunsichert mich das.“
...
Puhh, da hatte ich gerade noch mal die Kurve bekommen und einen Streit abgewendet.

Ich muss zugeben, dass es mir in Situationen, in denen ich total angespannt bin, immer noch sehr schwer fällt, eine empathische Verbindung herzustellen. (Der Straßenverkehr stresst mich immer sehr, besonders wenn unser Sohn dabei ist und der Verkehr sehr dicht ist.)

Den leichtesten Zugang bekomme ich wirklich durch das Wiedergeben der Gefühle und Bedürfnisse des anderen mit meinen eigenen Worten - auch Paraphrasieren genannt. Das ist in dem oben geschilderten Beispiel geschehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich aber noch auf eine Gefahr hinweisen: Es gibt auch unglückliche Formulierungen, die beim anderen als „Psychomist“ oder „Oberlehrerhaftigkeit“ ankommen könnten:
Der Anfang des Gesprächs „Das habe ich nicht gesagt,...“ hätte leicht eskalieren können, wenn ich dem noch etwas wie z.B. „Was hast du wieder verstanden?“ hinzugefügt hätte. Oder auch: „Warum fühlst du dich gleich so angegriffen?“

Es ist wirklich hilfreich, wenn man versucht, sich auf die Gefühle des anderen einzustimmen. Es gibt leider keine unfehlbaren Regeln für diese Art der Verbindung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade bei sehr intensiven Gefühlsäußerungen des Gegenüber eine Wiedergabe dieser Emotionen auf paraphrasierende Weise hilfreich ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist ebenfalls der Ton, in welchem wir mit unseren eigenen Worten etwas wiedergeben. Wenn sie ihre eigenen Aussagen hören, reagieren die Leute besonders sensibel auf den kleinsten Anflug von Kritik oder Ironie. Auch ein bestimmender Ton kann implizieren, dass wir dem anderen erklären, was in ihm vorgeht. Das kann als Anmaßung verstanden werden und führt dann eher zum Verschließen des Anderen.

Mit dem Wiedergeben von Gefühlen und Bedürfnissen stellen wir uns auf unser gegenüber ein und können durch einen fragenden Ton signalisieren, dass wir einen echten Versuch unternehmen, den Anderen zu verstehen.

Was ist Empathie alles nicht? Und was hält uns davon ab, empathisch zu sein?

Rosenberg betont, dass eine Begegnung in Wertfreiheit und Absichtslosigkeit nur sehr selten stattfindet. Denn in den wenigsten Fällen verfolgen wir ausschließlich die Absicht, die andere Person wahrzunehmen, wie sie sich fühlt und welche Bedürfnisse sie hat. Meistens versuchen wir, über den Kontakt zu einem Menschen uns ein eigenes Bedürfnis zu erfüllen oder lassen den Meinungen und Urteilen über den Anderen freies Spiel.

Fühlt man sich empathisch in jemanden ein, so setze ich das gleich mit der Übung in Achtsamkeit. In beiden Fällen schule ich meine Fähigkeit, präsent zu sein und einfach anzunehmen, was gerade ist.

Das ist auch für mich eine echte Herausforderung! Ich übe und übe und übe... Und dann kommt es trotzdem immer noch sehr häufig vor, dass ich aus vielen Gründen wenig Empathie aufbringen kann. Die klassischen Hemmnisse sind vor allem meine eigenen Emotionen und Gedanken sowie automatische Handlungen:

Wie oft passiert es mir, dass ich, wenn sich mir jemand mit einem Problem anvertraut, ich stattdessen mit einer Belehrung oder einem gut gemeinten Ratschlag herausplatze? Dieser Drang, ein Problem unbedingt lösen zu wollen, ist manchmal einfach sehr groß. Ich bin mir nicht sicher, ob Mitgefühl wirklich mit Empathie gleichgesetzt werden kann, denn mein Drang zur Problemlösung kommt oft genau daher, dass ich das Leid fühle und es beseitigen möchte, anstatt es einfach anzunehmen, ohne emotional darin verwickelt zu werden. Manchmal braucht die nahestehende Person einfach jemanden, der empathisch zuhört, ohne gleich mit Ratschlägen überschüttet zu werden. Das ist nicht empathisch! Das ist die Bewertung der Situation aus deiner eigenen Sicht[Ich habe die längeren Passagen gestrichen, weil es einfach zu viele Beispiele sind. Ich hoffe, dass es okay ist. Das strafft Deinen Text und macht ihn lesbarer.].

Die nächste Falle, in die wir gerne tappen ist, dem anderen zuzustimmen oder sich mit ihm zu verbünden. Das mündet dann in Äußerungen wie: "Da hast du Recht, die spinnen doch, lass dir das nicht gefallen!"

Ebenso wenig hilfreich ist das Ablenken oder die Bekundung von intellektuellem Verstehen der Situation: "Ja, das verstehe ich, ja, das kenne ich von mir selbst, das habe ich auch schon erlebt…“ (Schwuppdiwupp, schon wird die eigene Geschichte erzählt.)

Eigene Grenzen der Empathie

All diese Formen von Nicht-Empathie resultieren meiner Einschätzung nach aus der eigenen Unsicherheit, aus Ängsten oder eigenem Schmerz. Ich erlebe bei mir selbst häufig die Unsicherheit, was der andere eigentlich von mir erwartet, wenn er sich mit einem Problem an mich wendet.

Soll ich helfen?
Muss ich helfen?
Kann ich überhaupt helfen?

Das sind dann Fragen, die meine Offenheit und Empathiefähigkeit blockieren.

Manchmal ist es auch so, dass ich selbst gerade Erschöpfung, Schmerz oder Trauer empfinde und mich daher nicht auf den Anderen einstimmen kann.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Thema Auto fahren bzw. sich vorher anschnallen lassen. Es gibt immer wieder die Szene, dass mein Sohn sich weigert, sich in seinem Kindersitz anschnallen zu lassen. Besonders, wenn er müde ist, kann das zur Zerreißprobe für meine Nerven werden. Ich habe neulich einmal 30 Minuten damit zugebracht, bevor wir losfahren konnten.
Wir waren alle ziemlich erschöpft und ich habe dann versucht, ihn gegen seinen Willen in den Sitz zu stopfen und anzuschnallen. Das ging natürlich voll nach hinten los. Er schrie und wehrte sich nach Kräften. Als ich die Panik in seinen Augen sah, habe ich ihn auf den Arm genommen und ihn erst mal weinen lassen. Habe ihm gesagt, dass ich sehe, wie müde er ist und dass ich auch nur nach Hause möchte. Er saß dann eine Weile auf meinem Schoß und schluchzte. In der Zeit habe ich abwechselnd ihm und mir selbst Empathie gegeben, indem ich aufmerksam auf meine eigene Erschöpfung achtetet und diese auch artikulierte. Irgendwann beruhigte er sich und ließ sich ganz freiwillig anschnallen.

Das führt mich zu einem weiteren Punkt im großen Thema Empathie:

Was kann ich tun, wenn mein eigener Schmerz zu groß ist? Was tun, wenn meine Empathiefähigkeit blockiert ist?

Eine heilsame Strategie, um damit umzugehen ist, sich selbst Empathie zu geben (siehe dazu auch diesen Artikel). Das gelingt mir, indem ich meine eigenen Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse wahrnehme und anerkenne. Durch diese Wahrnehmung entspannt sich etwas in mir, weil all dies gesehen wird.

Es kann aber auch vorkommen, dass dies nicht reicht oder gelingen will, wenn die Anspannung zu groß ist. Dann habe ich noch die Möglichkeit, gewaltfrei zu schreien.
Wie bitte? Ja, richtig gehört, man kann gewaltfrei schreien!

Das mache ich manchmal, wenn die Belastung zu groß ist:
„Ich bin gerade richtig erschöpft. Ich habe keine Kraft, mich mit irgendeinem Problem zu beschäftigen! Ich brauche jetzt einfach ein bisschen Ruhe!“

Indem ich die Aufmerksamkeit auf meine eigenen verzweifelten Bedürfnisse richte, wähle ich einen Weg, all die Anspannung aus mir heraus zu katapultieren, ohne dabei jemand anderem weh zu tun. Diesen gewaltfreien Schrei wende ich jedoch nur sehr selten an. Er ist ein echter Hilferuf und auch ein bisschen drastisch. Wenn ich ihn also ausstoße, dann ist das ein Signal an meine Familie, dass es bei mir echt brennt.

Die heilsame Wirkung von Empathie

Auch wenn ich mich immer noch in Empathie üben muss, ja, viel üben muss, erlebe ich immer häufiger ihre heilsame Wirkung. Ich wende sie auch viel in meiner Arbeit an und habe von einer Klientin neulich folgendes Feedback dazu bekommen:

„Weißt du was mir an unserer Zusammenarbeit am meisten gefällt? Ich mag es sehr, dass ich bei dir so sein darf, wie ich bin. Dass du nicht gleich mit Ratschlägen um die Ecke kommst, wie ich etwas besser machen kann und mich nicht verurteilst dafür, wie ich bestimmte Dinge handhabe. Das fühlt sich sehr gut an!“

Das sind die Momente, die mir die Kraft geben, am Ball zu bleiben. Aus ihnen ziehe ich Energie für die Zeiten, in denen ich es hin und wieder auch nicht hin bekomme, eine empathische Verbindung herzustellen.

Ich bin gespannt, wie es dir mit diesem sehr umfangreichen Artikel geht. Hinterlasse gern einen Kommentar oder schick mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de

Quellen der aufgeführten Definitionen sind:
P. Ekman: Gefühle lesen, München 2007, S. 249.,
Shaw, L. et al.: Measuring empathy: reliability and validity of the Empathy Quotient, in: Psychological Medicine 34, 2004, 911–924;
Segal, E. A.: Social Empathy: A Model Built on Empathy, Contextual Understanding, and Social Responsibility That Promotes Social Justice. Journal of Social Service Research 37. 2011. S. 266–277;
Bratitsis, T. und Ziannas, P.: From early childhood to special education: Interactive digital storytelling as a coaching approach for fostering social empathy. Procedia Computer Sciences 67, 2015, S. 232–240)

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

One thought on “Mit dem Herzen hören lernen – die Macht der Empathie

  1. Hallo Heike, ich selbst habe mich erst sehr spät mit der „Gewaltfreien Kommunikation“ befasst, bzw. bin ich erst darüber gestolpert, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Ich freu mich, dass Ihr jungen Menschen schon damit früher beginnen könnnt und finde Deine Beiträge sehr gut für uns alle. Ich denke es wird eine Weile dauern, bis sich diese Denkweise auch in meinem Leben gefestigt hat. Wichtig ist – gerade für mich – dass ich im Nachhinein das Verhalten von Anderen verstehen kann um in Zukunft anders mit meinem Gegenüber umzugehen. Mach weiter so!
    Lilo

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