von Gedanken, die unser (Familien)Leben erschweren

Teil 3 der Blogserie "Gewaltfreie Beziehungen in der Familie leben"

„Willst du recht haben oder glücklich sein? Beides geht nicht.“ Marshall B. Rosenberg

Mit diesem Zitat möchte ich gern den dritten Teil meiner Blogserie einleiten. In diesem Artikel wird es ein bisschen technisch, weil ich ab jetzt nahe am 4-Schritte-Modell der Gewaltfreien Kommunikation argumentieren werde. Ich begebe mich heute in den ersten Bereich des Modells: Die gedankliche Ebene, die sozusagen auch der Ausgangspunkt für eine gewaltfreie Kommunikation ist.

Als ich mich auf den Weg der Gewaltfreien Kommunikation begab, stellte ich sehr schnell fest, dass meine Art zu denken ein grundlegendes Hindernis in meiner Kommunikation und Beziehungsgestaltung war und z.T. immer noch ist.

Wie können Gedanken ein Hindernis sein?

Nun, ich, du und wir alle denken die ganze Zeit, ununterbrochen. Da ist ein regelrechtes Grundrauschen in unserem Kopf, das wir häufig nicht einmal bemerken. Erst, wenn wir zur Ruhe kommen wollen, z.B. wenn wir abends schlafen gehen oder bewusst einmal nicht denken wollen, bemerken wir dieses Gedanken-Karussell. Noch deutlicher werden uns diese Gedanken, wenn wir uns einmal bewusst zur Meditation hinsetzen. Es fällt Ungeübten sehr schwer, sich auch nur eine Minute lang auf die Beobachtung des eigenen Atems zu konzentrieren und nicht gleich wieder mit den Gedanken abzuschweifen.

Seitdem ich täglich einige Minuten meditiere ist mir deutlich bewusst geworden, dass ein großer Teil meiner Gedankenprozesse das "Beurteilen" meiner eigenen Handlungen und Erfahrungen, sowie das anderer Menschen und auch Situationen beinhaltet. Ich ordne meine Erlebnisse und Erfahrungen unentwegt in irgendwelche Schubladen ein. Wenn ich dabei nicht aufpasse, fälle ich nicht nur meine Urteile, sondern halte das dann auch noch für die Wahrheit.

Das hat mitunter fatale Folgen, weil ich meine Kommunikation dann entsprechend dieser Urteile ausrichte. Was dabei passiert ist, dass ich mich von meinen Mitmenschen entfremde und nicht selten in Streit und Konflikte gerate. Dann bin ich schon mittendrin in einem Prozess, der mich anfällig für Gewalt jeder Art macht.

Was passiert dabei genau?

Wir Menschen haben eine Neigung dazu, das Verhalten von anderen und auch von Situationen danach einzuordnen, ob wir etwas mögen oder nicht. Dieser Umstand allein ist zunächst unproblematisch, weil diese Rückmeldungen immer einen Hinweis darauf geben, ob das Verhalten eines Anderen (oder Ereignisse in einer bestimmten Situation) unsere Bedürfnisse befriedigt oder eben nicht.

Kritisch wird es, wenn wir das „Nicht-mögen“ als Fehlverhalten des Anderen (oder auch uns selbst) interpretieren und eine Bewertung abgeben. Alltägliche Beispiele dafür sind, dass wir:

- unseren Chef „unsachlich und gemein“ finden, wenn er Kritik äußert,
- unseren Partner „unsensibel“ finden, wenn er gerade nicht auf uns eingehen kann oder möchte,
- unser Kind „anstrengend“ finden, wenn es uns gerade unbedingt etwas sagen möchte und wir gerade telefonieren,
- uns selbst „unzulänglich“ finden, wenn wir unsere tägliche To-Do-Liste nur zur Hälfte geschafft haben,
- den Autofahrer vor uns als „Idiot“ beschimpfen, wenn er noch über die Ampel fährt, die eine Sekunde vorher auf Rot geschaltet hat,
- Die Verkäuferin „inkompetent“ finden, weil sie gerade nicht das richtige Produkt für uns finden kann.
usw.

Wir sind wirklich schnell dabei, Bewertungen abzugeben und haben einen reichen Wortschatz dafür: gut/böse, normal/unnormal, erfolgreich/gescheitert, klug/dumm, verantwortlich/unverantwortlich, aufmerksam/ignorant, ...

Das gleiche gilt auch für moralische Urteile, die anderen Menschen unterstellen, dass sie unrecht haben oder generell schlecht sind, wenn sie sich nicht nach unseren Wünschen verhalten: „Das Problem mit dir ist, dass du zu selbstsüchtig bist.“ Daraus entstehen Schuldzuweisungen, Beleidigungen, das Niedermachen anderer, Kritik usw.

Wenn wir solche Pauschalurteile hören, löst das häufig Unsicherheiten, Ängste, Scham- und Schuldgefühle in uns aus und lässt uns eine innere Verteidigungsposition einnehmen. Wir machen dicht und sind nicht mehr offen für das, was unser Gegenüber eigentlich von uns möchte.

Ein Weg aus dieser Misere ist, dass wir lernen Beobachtungen von Bewertungen zu unterscheiden und dies dann in jeder Situation anwenden. Das erfordert ein bisschen Achtsamkeit und Bewusstheit für unsere Gedankenprozesse (dies kann man wie schon erwähnt z.B. durch Meditation schulen).

Wie unterscheide ich eine Beobachtung von einer Bewertung?

Ich konzentriere mich darauf, was ich „sehen“ und „hören“ kann. Alles andere sind Gedanken, die ich hinzu mache. Ich kann z.B. keine Gefühle sehen!

Wenn jemand sagt: „Ich sehe, dass du wütend bist.“, dann ist das eine Interpretation! Ich sehe vielleicht, dass jemand ein angespanntes Gesicht hat. Ich sehe außerdem, dass dessen Kopf rot angelaufen ist. Ich höre, das er/sie schreit, aber ob es Wut ist, kann ich erst dann genau wissen, wenn ich es vom Gegenüber bestätigt bekomme: „Ja, ich bin wütend.“

Wir können auch nicht sehen, dass unser Partner faul ist. Wir können lediglich sehen, dass er/sie auf der Couch liegt und fernsieht.

Wir können nicht sehen, dass unser Kind lieb ist. Wir können nur sehen, dass es etwas tut, worum wir ihn/sie gebeten haben.

Wir können nicht sehen, dass unser Bruder egoistisch ist. Wir können nur sehen, dass er nicht das tut, worum wir ihn gebeten haben.

Diese Unterscheidung ist der erste essentielle Schritt, um aus der trennenden Kommunikation heraus zu kommen und hin zur gewaltfreien/wertschätzenden Kommunikation. Indem wir diesen Schritt bewusst vollziehen, entspannen und öffnen wir uns. Der Sufi-Philosoph Rumi beschreibt das folgendermaßen:

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

Ich möchte der Vollständigkeit wegen noch weitere trennend wirkende Kommunikations- und Gedankenkonstrukte anführen, die ich für ungünstig halte, wenn man ernsthaft eine liebevolle Beziehung zu eine Mitmenschen führen möchte.

Die eigene Verantwortung leugnen

Indem wir die Bewertungen einstellen, legen wir den Grundstein zu einer Kommunikation, die es uns ermöglicht eine liebevolle Verbindung zu unseren Lieben herzustellen. Ein weiterer Schritt ist die Übernahme der eigenen Verantwortung - auch in der Kommunikation. Das ist ein ganz essentieller Punkt. Gerade in der Eltern-Kind Beziehung ist es sehr wichtig, dass wir als Mutter oder Vater bewusst sind, in welchen Situationen wir dazu neigen, die Verantwortung für unsere Handlungen auf unsere Kinder zu übertragen: 

„Das hast du jetzt davon, du hast es so weit getrieben, dass ich dich bestrafen muss.“

Wir tragen außerdem die Verantwortung dafür, wie wir etwas kommunizieren, also wie klar wir darin sind, worum es uns geht und was genau wir meinen. Sehr häufig sind wir darin nämlich sehr ungenau und wundern uns, weshalb das Kind nicht tut, was wir wollen.

Mein Lieblingsbeispiel dafür ist die von Eltern häufig benutzte Aufforderung „Sei lieb!“. Das ist soooooooo unpräzise und verwirrt Kinder. Warum? Weil wir als Erwachsene ihnen diese Phrase hinwerfen, ohne selbst klar zu wissen, was wir wollen.

Wir meinen nämlich eigentlich in Situation X, dass das Kind „lieb“ an der Hand laufen soll. In Situation Y wollen wir, dass das Kind sich „lieb“ kurz allein beschäftigt, damit wir den Abwasch machen oder ein Telefonat führen können. In Situation Z wollen wir, dass das Kind „lieb“ am Tisch sitzen bleibt.

Woher zur Hölle soll ein Kind wissen, in welcher Situation wir welches „Lieb sein“ meinen????

Es ist UNSERE VERANTWORTUNG als Eltern, uns klar auszudrücken. Kinder sind in den meisten Fällen kooperativ, wenn sie Klarheit darüber haben, was genau wir von ihnen wollen. Und es ist mega unfair und verantwortungslos ein Kind zu bestrafen, dass sich aus solch schwammigen Formulierungen selbst überlegen soll, was genau von ihm erwartet wird und dann meistens nicht das Richtige tut.

Daher an dieser Stelle folgender Impuls: Wenn dein Kind das nächste Mal nicht tut, worum du es gebeten hast, schau genau hin, wie klar du deine Bitte formuliert hast.

Vergleiche

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Kind regelmäßig mit meinen Geschwistern verglichen wurde:

„Ach, guck mal, wie toll dein Bruder das macht! (Und du?)“.

Das tut wirklich weh und erzeugt miserable Gefühle von Minderwertigkeit. Ich habe das wirklich gehasst. Mir wird heute noch übel, wenn ich andere Eltern solche Sachen sagen höre.

Ich war zum Glück nicht in der Position, in Sachen Schule mit anderen verglichen zu werden, aber ich erinnere mich an eine Klassenkameradin, die wiederum an mir gemessen wurde. Sie bekam immer Hausarrest, wenn sie in einer Klassenarbeit eine schlechtere Note hatte als ich. Sie muss wiederum mich gehasst haben...

Verallgemeinerungen

Wer kennt das nicht? Wir werden zu Unrecht mit einem Pauschalurteil belegt:

"Immer lässt du alles liegen!“
"Nie hörst du mir zu!“
"Jedes mal machst du so ein Theater!“

Wir mögen es als Erwachsene nicht, so pauschal abgeurteilt zu werden und dennoch scheint diese Art der Kommunikation mit Kindern „normal“ zu sein. Ich möchte dich einfach mal dafür sensibilisieren, dass wir von solchen Urteilen abrücken sollten. Sie sind einfach nicht wahr! Niemand lässt wirklich immer und schon gar nicht alles liegen! Wie sieht wohl eine Wohnung aus, in der das der Fall ist?

Solche Verallgemeinerungen zudem auch wenig Ziel führend. Sie sorgen lediglich dafür, dass der andere sich schlecht fühlt und bewirken damit noch lange keine Veränderung im Verhalten. Im Gegenteil! Gerade bei kleinen Kindern kann man dann eine sogenannte Trotzreaktion beobachten, die m.E. nach der Versuch ist, das letzte Fünkchen Selbstachtung zu bewahren. 

Forderungen / Anweisungen in Verbindung mit Strafe

Wenn ich an meinen Mitmenschen Forderungen stelle oder meinen Kindern Anweisungen gebe, dann droht demjenigen, der die Forderung nicht erfüllt, Schuldzuweisung oder Strafe: 

"Räum dein Zimmer auf, sonst gehen wir heute Nachmittag nicht in den Zoo!"

Gerade im Familienleben birgt das eine Menge Konfliktpotenzial, weil viele Eltern die Idee im Kopf haben, dass sie die Anweisungen geben und die Kinder funktionieren müssen. Hierbei geht es um Machtausübung und damit um Gewalt. Diese Denkweise ist wirklich stark in unseren Köpfen verankert!

Dass wir dafür allerdings einen hohen Preis bezahlen, ist uns häufig nicht bewusst. Denn die dadurch verursachte Trennung zwischen uns und unseren Kindern kann tiefe Risse in der Beziehung mit sich bringen.

Ich habe das als Kind und auch als Erwachsene selbst erlebt. Der Bruch zwischen mir und meinem Vater resultierte u.a. aus seiner Haltung, dass wir Kinder immer zu gehorchen haben. Das hat nach außen auch gut funktioniert, weil meine Geschwister und ich irgendwann begriffen hatten, dass wir bestraft werden, wenn wir nicht tun, was er will.

Wir haben als Kinder entsprechend gut funktioniert und mein Vater hatte uns "gut im Griff". Ich kann mich erinnern, wie er dafür auch regelmäßig Anerkennung von anderen erntete. Aber zu welchem Preis? Für mich resultierte sein Verhalten darin, dass ich ihn abgelehnt und zeitweise regelrecht gehasst habe. Ich bin ihm aus dem Weg gegangen und wollte nichts mit ihm zu tun haben. Bis zu seinem Tod habe ich es nicht vermocht, ihm zu vertrauen und eine emotionale Beziehung zu ihm aufzubauen.

Das ist der "Gehorsam" meines Kindes mir persönlich nicht wert.

Da ich wirklich etwas ändern möchte, in der Art, wie ich mit meinem Kind, meinem Partner und anderen Mitmenschen umgehe, fange ich in jeder Situation zunächst damit an, mich mit meiner Denkweise auseinander zu setzen. Im letzten Artikel habe ich ja bereits über den Einfluss meiner inneren Haltung auf meine Kommunikation gesprochen. Das steht im engen Zusammenhang mit den alltäglichen Gedanken und ist daher auch ein Prozess der „inneren Umprogrammierung“.

Es bedarf, ich wiederhole nochmal, ein wenig der Übung. Für mich war es ein logischer Schritt, dass ich begonnen habe zu meditieren, weil ich meine tägliche Achtsamkeit auf diese Weise sehr effektiv schule.

Wichtig finde ich, dass man sich immer wieder überprüft und genau darauf hört, was man sagt. Ein für mich praktikabler "Schnelltest" ist, ob man das was man sagt, im gleichen Wortlaut und Tonfall auch zu einem Erwachsenen sagen würde.

So, und jetzt bin ich wie immer gespannt zu hören, wie es dir mit diesem Artikel geht. Hinterlasse gern einen Kommentar.

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

7 thoughts on “von Gedanken, die unser (Familien)Leben erschweren

  1. Seit ich Juul gelesen habe, achte ich auch darauf, was so aus meinem Mund fällt. Einfach um nicht wieder aus Versehen den „sprechenden Elternapparat“ in Gang zu setzen. Auch beobachte ich die anderen Eltern auf Spielplätzen und Einkaufszentren. Wie oft habe ich schon gesehen, wie die Eltern ihre Kinder in den Einkaufswagen mit dem Satz „wenn du schön lieb bist dann …“ . Je nach Lust und Laune frag ich dann die Eltern, was sie damit genau meinen. Die Reaktion darauf ist meist positiv und ich sehe, wie die Eltern erstmals über diese Floskel nachdenken. 😀

    1. Liebe Claudia,
      danke für deinen Kommentar! Großartig, wenn du den Mut hast, mit anderen Eltern bezüglich solcher Floskeln ins Gespräch zu kommen. Ich bin diesbezüglich häufig zögerlich, weil ich auch schon sehr aggressive Reaktionen bekommen habe.
      Alles Liebe
      Mareike

  2. Liebe Mareike
    Dieser Artikel gefällt mir wieder richtig gut. Danke dafür!
    Ich schreibe gerade an einem Artikel zum Thema ERWARTUNGEN. Was wir alles erwarten… 😉
    Von unseren Kindern erwarten wir ja auch so einiges, und wenn es nicht eintrifft oder sie es nicht tun, sind wir enttäuscht, und der Grund liegt nicht im Fehlverhalten unserer Kinder, sondern in der Art unserer Vorstellungen, wie sie zu sein und was sie zu tun haben…
    Könnten wir sie doch einfach so lieben wie sie sind!! <3

    1. Liebe Wibke,
      danke für dein Feedback! Das Thema „Erwartungen“ ist auch ein ganz spannendes! Aus diesen Erwartungen heraus ensteht m.E. nach auch der Irrglaube, wir müssten die Kinder erziehen. Erwartungen zerstören Vertrauen und ruinieren unsere Beziehungen. Daher ist dein Beitrag/Artikel total wichtig. Bitte teile ihn unbedingt, wenn er fertig ist 🙂
      Alles Liebe
      Mareike

  3. Oh wie wahr!!! Wir machen selbst so viele Fehler und wenn ich an meine Kindheit denke da schlackern mir die Ohren. Es kostet Überwindung jedes Individuum so zu nehmen wie es ist. Vor allem seine Eltern. Danke für den sehr tollen Beitrag!! Ich lese gerne mehr.

  4. Vielen Dank für die vielen Beispiele. Angeregt durch Deine Artikel achte ich z.Zt. auch wieder selber mehr darauf, welche Werturteile ich täglich so treffe und wie sie meine Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selber beeinflussen…

    1. Liebe Birgit,
      vielen Dank für dein Feedback! Toll, da freue ich mich total, dass meine Artikel dich inspirieren 🙂
      Alles Liebe
      Mareike

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