10 Wutfallen im Familienalltag und wie du sie entschärfen kannst – Teil 2

Nachdem ich vergangene Woche über die ersten fünf der angekündigten zehn Wutfallen geschrieben habe, möchte ich mich heute mit dem zweiten Teil auseinander setzen.
Vielleicht ist dir bereits aufgefallen, dass Wut viel mit deinen Gedanken und deiner Perspektive auf eine bestimmte Situation zu tun hat. Das ist tatsächlich auch einer der beiden Hauptaspekte, die sie ausmachen. Letzte Woche schrieb ich über den Zusammenhang von Wut und hungernden Bedürfnissen. Heute vertiefe ich den Zusammenhang mit unseren Gedanken noch weiter. Los geht’s:

6 – Du glaubst, deine Kinder schulden dir Dank!

Wir arbeiten hart, zum einen häufig in stressigen Berufen und dann auch noch an uns selbst. Häufig mit dem Hintergrund, dass es unseren Kindern gut geht. Wir wollen das Beste für sie. Ich kenne viele Menschen, die ihr Leben wirklich auf den Kopf gestellt haben, damit die Kinder „es gut haben“. Sie geben sich Mühe, sehen auch deutlich, wie viel besser es den Kindern materiell und emotional geht. Und die Kinder?

Die wissen das nicht zu schätzen!

Die Kinder wissen schlichtweg nicht, dass es ihnen in materieller als auch emotionaler Hinsicht deutlich besser geht als uns. Ich führte schon viele Gespräche darüber, in denen Kinder als undankbar, verzogen, ja sogar (Achtung, festhalten!) wohlstandsverwahrlost (WTF?) abgeurteilt wurden, weil sie den Lebensumständen nicht die in den Augen der Erwachsenen nötige Wertschätzung entgegen bringen. Sie richten den Dank nicht an die Eltern (und auch Lehrer).
An diesem Punkt geht manchen Eltern die Geduld und Liebe verloren, weil sie wirklich glauben, dass die Kinder dafür dankbar sein sollten. Dann kommen häufig (Ab-)Wertungen der Kinder ins Spiel:

„Du bist total verzogen!“
„Du weißt gar nicht, wie gut es dir geht!“
„Als ich Kind war, hatte ich nicht…/ hat meine Mutter/mein Vater mich nicht … tun lassen!“

Aber jetzt mal ehrlich! Wie soll denn ein Kind diese Zusammenhänge verstehen und überschauen? Es kennt ja nur den gegebenen Status quo! Unsere Kinder wissen nicht, wie es uns in der Kindheit erging und dass wir z.T. enorm gelitten haben. Wenn wir es ihnen erzählen, wird es sie nicht sonderlich beeindrucken und ihnen eher wie ein Schauermärchen vorkommen, weil sie unseren Schmerz aus der Erzählung heraus häufig nicht nachempfinden können. Ihnen zum Vorwurf zu machen oder gar wütend darüber zu werden, worauf wir ja die ganze Zeit hinarbeiten, weil wir uns dies für unsere Kinder wünschen, ist irgendwie paradox. Und es ist eine perfide Falle, weil diese Gedankengänge häufig mit den eigenen Glaubenssätzen zu tun haben.

In meiner Kindheit wurde mir eingeimpft, dass ich, für alles was ich habe, dankbar sein muss. Wenn ich nicht aufessen wollte, kam häufig die Geschichte von den armen Kindern in Afrika. Ich musste immer brav „danke“ sagen, wenn ich etwas geschenkt bekam, und wenn ich dies nicht tat, wurde ich dafür mit Beschämungen bestraft. Das sitzt also tief drin im System und hat auch bei mir einige Zeit gedauert, bis mir bewusst wurde, dass mein Sohn es ja gar nicht anders kennt und entsprechend keine Vergleiche anstellen kann. Und das auch ist gut so!

Wenn sich bei mir ein alter Schmerz meldet, wenn mein Sohn etwas vermeintlich einfordert, für das ich (vor allem für den Tonfall) früher bestraft worden wäre, dann bin ich heute froh, weil ich weiß, dass er nicht die gleichen Ängste ausstehen muss. Ich bin dankbar, dass er sich mir mit all seinen Gemütszuständen zumutet im vollen Vertrauen, dass er er selbst sein darf. Das ist ein riesiges Kompliment an mich! Und wenn mir die Art, wie er mit mir redet, nicht gefällt, oder ich gerade wirklich eine bestimmte Sache nicht kaufen will, dann sage ich das in gewohnter Haltung mit Blick auf meine Gefühle und Bedürfnisse:

„Wenn du sagst, dass ich dir sofort xy geben soll, dann mag ich das gar nicht gern tun, weil ich selbst entscheiden will, wie schnell ich deiner Bitte nachkomme.“

7 – Du un überschätzt, was ein Kind in welchem Alter können kann

Gestern Abend war ich in einer Kita zum Vortrag über das Thema „Umgang mit Grenzen“ eingeladen und es ging wie immer auch um die Gefühlsausbrüche der Kleinen.

Eine Mutter in der Runde sagte, dass ihre vierjährige Tochter doch jetzt so langsam mal ihre Gefühle im Griff haben muss.

In diesem Kontext erläuterte ich u.a., dass kleine Kinder bis zum siebten Lebensjahr häufig keine oder nur sehr wenig Impulskontrolle haben und diese erst entwickelt werden muss. Dass heftige Gefühlsausbrüche im Kindergartenalter also normal sind, erntete in dieser Runde viel Erstaunen. Ich bin immer wieder verblüfft, wie wenig viele Eltern darüber wissen, welche Fähigkeiten sich bei Kindern in welchem Alter entwickeln. Von einer Vierjährigen können wir einfach nicht erwarten, dass sie sich mit ihren Gefühlen selbst regulieren kann. Da braucht es konstante Unterstützung durch uns Erwachsene!

Wenn du willst, dass dein Kind seine Gefühle verstehen und irgendwann damit umgehen kann, dann ist es wichtig, dein Kind einfühlsam zu begleiten und immer wieder die sich zeigenden Gefühle im Zusammenhang mit den darunter liegenden Bedürfnissen zu benennen.

„Bist du gerade wütend, weil ich ‘Nein’ gesagt habe?“
„Bist du traurig, weil du noch spielen willst, ich jetzt aber mit dir nach Hause gehen will?“
„Bist du gerade müde? Magst du auf meinen Arm kommen?“

Wenn man sich auf diese Weise immer wieder auf die Kinder einlässt, sie wirklich sieht, lernen sie sehr schnell, ihre Gefühle zu äußern und die dahinterstehenden Bedürfnisse zu erkennen. Ich habe dies mit meinem Sohn, der inzwischen auch schon vier Jahre alt ist, seit seinem ersten Lebensjahr so gehandhabt. Das Resultat ist, dass er heute sehr klar artikulieren kann, worum es ihm geht. Ich habe zunehmend weniger Rätselraten, was mit ihm los ist, wenn er wütend ist UND seine heftigen Gefühlsausbrüche, die ich noch vor einem Jahr mit aller Regelmäßigkeit hatte, sind deutlich zurückgegangen. Ich erlebe unser Zusammensein als leicht und wunderbar, weil er sich inzwischen sehr klar ausdrückt.

Trotzdem erwarte ich nicht, dass er das immer kann. Er ist nämlich dennoch erst vier Jahre alt und ich begleite ihn durch die heftigen Stürme seiner Emotionen. Unsere Beziehung gedeiht nur, wenn ich da immer wieder hinschaue und dabei auch nichts voraussetze. Nur so bleibe ich offen, um die nächste Entwicklungsstufe zu erspüren.

8 – Du denkst in Kategorien wie richtig und falsch

Marshall B. Rosenberg sagte einmal, dass so lange wir in Kategorien wie „richtig und falsch“ denken, wir unaufhörlich das Spiel „Wer hat recht?“ spielen.

So lange es dir darum geht, recht zu haben, wirst du zwangsweise wütend. Dann bist du nämlich dem Irrtum aufgesessen, dass es nur eine Wahrheit gibt. Nämlich deine! Wenn wir alle so denken, dann sind Konflikte quasi vorprogrammiert.
Zum einen deshalb, weil du dieses Spiel auch immer mal verlierst. Dann sind die anderen Schuld, da sie natürlich einfach nicht sehen wollen, dass du recht hast.
Zum anderen wirst du wütend, weil dich das kein bisschen deinen Bedürfnissen und deren Erfüllung näherbringt. Wenn du zum Beispiel eine bestimmte Art hast, in der die Spülmaschine bestückt wird, aber deine Familienmitglieder ihre eigenen Wege haben, dies zu tun, wird es dann problematisch, wenn du glaubst, dass deine Art die einzige ist, die richtig ist.
Vielleicht denkst du jetzt: „Wie banal! Das war mir schon klar.“ Aber wie oft spielst du das Spiel „Wer hat recht?“ noch? Vor allem mit deinen Lieben?

Kannst du wirklich immer akzeptieren, wenn diese andere Wege haben, Dinge zu tun, ihre Bedürfnisse zu befriedigen oder gar einen anderen Blick auf die Welt haben?

Ich bin wirklich verblüfft, wie häufig wir in diesen Modus verfallen, in dem wir unbedingt recht haben wollen und wie schnell sowas in Streit münden kann.

Ich habe vor einigen Tagen mit meinem Sohn ein Puzzle zusammengesetzt. Ich konnte so deutlich meine inneren Impulse wahrnehmen, ihn zu korrigieren, wenn er ein Teil „falsch“ zusammengesetzt hat. Ich spürte immer wieder den Drang, korrigierend einzugreifen. Dann fragte ich mich, warum ich so erpicht darauf bin, dass jedes Teil gleich richtig am Platz ist? Die einzige Antwort, die ich dazu bekam war, dass ich nervös werde, wenn etwas „falsch“ ist. Sicher ergibt es beim Puzzle spielen nicht das auf der Packung vorgegebene Bild, wenn die Teile nicht zusammenpassen. Aber ist das gleich falsch? Ich konnte deutlich sehen, dass mein Sohn viel eigene Logik beim Zusammensetzen hatte und lernte durch die Beobachtung von ihm, wieder ein Stück mehr mit den Augen meines Sohnes zu sehen. Während ich ihm zusah, erinnerte ich mich an eine Szene aus meiner Kindheit. Ich stritt mit meinem Bruder darüber, wo welche Puzzleteile hinkommen. Ich erinnere mich, dass wir darüber so sehr in Streit gerieten, dass am Ende das Puzzle durch das Kinderzimmer flog. Alles nur, weil wir beide recht haben wollten. Dabei war es nur ein Puzzle!!!

„Willst du recht haben oder glücklich sein? Beides gleichzeitig geht nicht.“ Marshall B. Rosenberg

9 – Du glaubst, jemand anderes kann dir Gefühle machen.

Wenn du irgendwas sofort umsetzen und ändern möchtest, um in deinem Familienleben Wut zu entschärfen und Frieden und Liebe zu kultivieren, dann übernimm ab jetzt sofort zu 100% die Verantwortung für deine Gefühle!

Niemand kann uns Gefühle machen!

Unsere Gefühle haben den Zweck uns auf den Stand unserer Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Angenehme Gefühle melden uns zurück, dass meist im Moment alles in Ordnung ist. Unangenehme Gefühle sind ein Indiz dafür, dass wir etwas brauchen. Je unangenehmer ein Gefühl ist, desto dringender ist das Bedürfnis.

Es sind also nicht die Menschen um uns herum, die uns wütend machen, sondern wir selbst, weil wir nicht erkennen, was wir gerade brauchen. Wut geht sehr häufig mit dem Gedanken einher, dass die anderen Schuld daran sind, dass wir uns gerade unwohl fühlen.

Ich hatte gestern im Rahmen des Vortrags eine Diskussion mit einer Mutter, der Ordnung sehr wichtig ist. Sie war sehr aufgebracht und wollte zunächst nicht sehen, dass es ihre Gefühle sind, die aus ihrem Bedürfnis nach Ordnung UND ihren Gedanken/ Wertungen zur Umgebung entstehen. Sie sagte so Dinge wie. „Ja, wenn ich jetzt aber sage, dass die Kinder ihre Sachen wegräumen sollen, macht das aber noch lange keiner! Ich muss da immer hinterher räumen. Die machen mich damit schon häufig wütend.“

Wütend wird die Dame aber nicht, weil die Kinder etwas tun/ nicht tun, sondern weil SIE das Bedürfnis nach Ordnung hat. Außer ihr wird in diesem Haushalt keiner wegen herumliegender Socken wütend. Zudem kommen destruktive Gedanken, wie „ich muss“ oder „es interessiert keinen (ich interessiere keinen)“ und dann kommen vielleicht noch mehr Bedürfnisse, wie Unterstützung, Wohlwollen, gesehen werden usw. dazu, die unbewusst zu kurz kommen.

Wenn herumliegende Kleidungsstücke dich denken machen: „Hier sieht es aus wie im Saustall.“ oder „Hier interessiert sich niemand für Ordnung außer ich!“ Dann ist der Schritt zur Wut nicht weit. Dann kommen schnell mal ein paar Vorwürfe aus dir herausgeschossen und deine Lieben kehren dir den Rücken zu. Denn wer räumt schon gerne auf, während eine meckernde Mutter ihre Schimpftiraden über einem niedergehen lässt???

Wenn du aber erkennst, dass es dir um die Ordnung geht, dass du dich mit herumliegenden Socken unwohl fühlst, dann kannst du das auch entsprechend ausdrücken, ohne dabei wütend zu werden. Dann kannst du auf eine Art um Unterstützung bitten, die die anderen dazu einlädt, zu deinem Bedürfnis beizutragen:

„Ich sehe, hier liegen x Socken rum. Damit fühle ich mich unwohl, weil mir Ordnung wichtig ist. Könnt ihr die Socken bitte aufheben und in den Wäschekorb legen?“

10 – Du glaubst, du musst irgendetwas.

Letztes Jahr im November bin ich in den Genuss gekommen, Prof. Dr. Gerald Hüter live zu erleben. Er sprach hier in Erfurt als Eröffnungsredner unseres Symposiums für Gewaltfreie Kommunikation. Ich war tief beeindruckt, weil er sehr plausibel den Zusammenhang zwischen unserem Denken, dass wir etwas müssen, und den unmittelbaren Hormonausschüttungen bzw. dem Ausbleiben davon und dem „Rückzug der Hirnzellen“ erklärte. Bildlich gesprochen zieht sich in uns etwas zusammen, wenn wir „müssen“ denken. Und unsere „Muss-Haltung“ macht sauer. Weil wir schnell frustriert sind, wenn wir glauben etwas zu müssen.

Wir müssen gar nichts!

Wir wollen!

Wir befriedigen uns mit jeder unserer Handlungen Bedürfnisse. Den ganzen Tag lang. Wir nehmen auch unangenehme Handlungen in Kauf, weil wir uns immer etwas davon versprechen.

Ja, wir müssen nicht mal arbeiten gehen. Wir wollen auch das! Wir befriedigen uns damit nämlich viele Bedürfnisse: Geld (um weitere Bedürfnisse, wie eine große Wohnung, Jahresurlaub und Bio-Obst zu erfüllen), soziale Teilhabe, Anerkennung, Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit, um nur einige zu nennen.

Niemand zwingt uns irgendetwas zu tun. Und wenn es dich total anpiept, irgendetwas zu tun, dann lass es!

Mach es nicht!

Der Preis dafür ist zu hoch, weil dir darüber deine Lebensfreude abhanden kommt UND du dies häufig unbewusst den Menschen zuschreibst, für die du dieses Muss umsetzt.

Wir sind so darauf dressiert zu funktionieren, dass wir häufig wirklich glauben, etwas zu müssen. Ich glaube das nicht! Ich habe mein Leben penibel auf das Weglassen von müssen umgestellt. Ich mache mir bei allen Dingen, besonders den für mich unangenehmen Dingen, bewusst, warum ich sie tue. Es steckt immer ein Bedürfnis dahinter!

Das hat dazu geführt, dass ich nicht mehr sauer bin, wenn ich vermeintlich etwas „muss“. Ich habe viel Eigenmacht zurückerlangt und bin obendrein noch viel entspannter.

Wenn es jetzt in dir schreit: „Aber es gibt Dinge, die müssen wir einfach machen!“, dann schreib mir gern eine E-Mail dazu oder kommentiere unter dem Artikel.

Wenn du dich in der ein oder anderen Wutfalle wieder erkennst und sie gern entschärfen möchtest, kann ich dir mit meinem 1:1 Impuls-Coaching vielleicht weiter helfen. In einer einmaligen Sitzung erarbeiten wir dir individuelle Schritte, wie du zu mehr Gelassenheit und inneren Frieden kommst.

Ich freue mich auf dich!

Alles Liebe,
Mareike

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

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