Was passieren kann, wenn kleine Kinder starke Emotionen zeigen

Am Wochenende hatte ich ein Erlebnis, das mich veranlasst hat über das Thema „Umgang mit starken Emotionen bei Kleinkindern“ zu reflektieren und meine Erkenntnisse in diesem Artikel zusammen zu fassen. Zum Verständnis möchte ich euch die verantwortliche Szene schildern:

Ich war am Sonntag mit meiner Familie und in unserem Garten und wir haben dort u.a. auch zu Mittag gegessen. Der Zufall ergab es, dass wir noch Besuch bekamen und wir diesen auch an unseren Tisch baten. Dann passierte es: Unser Gast nahm meinem Sohn ohne ein Wort dazu zu sagen, den Teller weg, weil dieser nicht für ihn vorgesehen war (er sollte einen Teller aus unzerbrechlichem Material bekommen). Das fand mein Sohn aber gar nicht lustig und bekam einen Wutanfall (er weinte und schimpfte „Will auch einen Teller.“). Ich habe in meinem Selbstverständnis als Mutter reagiert, nämlich indem ich meinen Sohn getröstet und ihm erklärt habe, dass er einen anderen Teller bekommt (welchen er, nachdem er sich schon rein gesteigert hatte, natürlich nicht wollte). Es dauerte entsprechend eine Weile, bis er sich wieder beruhigt hatte. Unser Besucher hielt mir während dessen einen Vortrag darüber, dass das Verhalten meines Sohnes ja gar nicht geht und er lernen müsse sich zu „benehmen“. Mein Besuch hatte Glück, dass ich im Gegensatz zu meinem Sohn, über genügend Impulskontrolle verfüge, um ihn nicht meine in diesem Moment in mir aufwallende Wut spüren zu lassen.

Ich bin ruhig geblieben, habe ihm erklärt, dass ich das anders sehe, dass ein so kleines Kind seine Emotionen noch nicht unter Kontrolle haben kann und es dabei belassen, weil ich einfach keinen Nerv darauf hatten, ihn zu belehren. Der äußere Frieden zu Tisch war wieder hergestellt, aber ich habe den ganzen Tag diesen Groll in mir gespürt. Groll darüber, dass meinem Sohn mit seinen 2 Jahren nicht gestattet wird, Gefühle zu zeigen, dass von ihm erwartet wird, dass er sich total „im Griff“ hat und das das Offensichtliche: das er all dies mit 2 Jahren noch gar nicht können kann, von unserem Besucher nicht in Betracht gezogen wurde und auch nicht anerkannt wurde, als ich es versucht habe zu erklären. 

Mir ist auch bewusst geworden, das mir solche Szenen so oder ähnlich wohl immer wieder passieren werden, sei es durch abwertende Blicke, durch Kommentare oder offene Konfrontationen. Schon allein für einen später souveräneren Umgang damit, habe ich mal zusammengefasst, was da los ist, wenn ein Kind „ausflippt“ und welches Bewusstsein es braucht, um den kleinen Menschen da abzuholen, wo er steht. 

1 – Wir alle haben Emotionen!

Diese schwurbeln den ganzen Tag in uns herum. Sie sind unsere Anzeiger dafür, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind, oder nicht (je nachdem äußert sich das in positiven oder in negativen Gefühlen).

2 – Emotionen sind schnelllebig

Die emotionalen Zustände eine Kleinkindes ändern sich, genau wie beim Erwachsenen, ständig. Ja sogar noch schneller als bei Erwachsenen. In einem Augenblick ist das Kind ganz ruhig, im nächsten Augenblick flippt es ohne äußerlich erkennbaren Grund aus (der Grund ist immer da, aber manchmal braucht es ein bisschen, ihn zu sehen).

3 – Erwachsene verfügen über eine Impulskontrolle, Kleinkinder (noch) nicht!

Die Impulskontrolle veranlasst, dass wir nicht im Affekt handeln, dass wir zwischen unsere Emotion und der spontanen Handlung stoppen und ggf. erstmal nachdenken bevor wir handeln. Kleine Kinder haben diese Kontrolle nicht. Das ist der Grund, weshalb sie oft hauen, wenn ihnen etwas nicht passt., weshalb sie ausflippen, los rennen, kreischen, jubeln, …

Die Entwicklung dieser Impulskontrolle ist ein großer Entwicklungsprozess für ein Kind. Erst im Alter von ca. 5-7 Jahren ist die Impulskontrolle vollständig ausgeprägt. Da sie eng mit der Sprachentwicklung zusammenhängt, können Ansätze von Impulskontrolle häufig frühstens im Alter von 3 Jahren beobachtet werden. Langsam, in kleinen Schritten wird es dem Kind möglich, sich „unter Kontrolle“ zu haben.

4 – Eine gute Grundlage für eine Impulskontrolle legen die Eltern

Wir können unseren Kindern helfen, die täglich auf sie einprasselnden Emotionen zu sortieren, indem wir sie z.B. benennen: „Oh je, du bist aber wütend.“ und dann mit dem Kind auf die Suche gehen, welches Bedürfnis dahinter steckt. Das sind oft banale Dinge, wie z.B. dass wir eine Routinehandlung anders als sonst handhaben (ich ziehe meinen Sohn in einer bestimmten Reihenfolge an und aus, weil ihn alles andere aus dem Konzept bringt und entsprechend wütend macht).  

Es ist in dieser Entwicklung wenig hilfreich, das Kind für die gezeigten Emotionen zu bestrafen. Warum? Weil es durch Strafe zwar sehr wahrscheinlich lernt, das unerwünschte Verhalten abzustellen, aber zu welchem Preis? Es lernt, Gefühle zu unterdrücken, anstatt sie zu benennen und „klug“ mit ihnen umzugehen (nämlich das unerfüllte Bedürfnis zu identifizieren und ggf. zu benennen). Es lernt nur, wenn ich Gefühl xy zeige, dann lehnen mich meine Eltern ab oder bestrafen mich. Ergo werden Gefühle unterdrückt und wir züchten die nächste Generation von emotional gestörten Menschen (oder auch schön brav funktionierenden Robotern) heran. 

5 – Gelassenheit gegenüber Kritik von außen entwickeln

Das ist vielleicht weniger ein „Fakt“ als vielmehr eine Strategie für den souveränen Umgang mit solchen Gefühlsausbrüchen in der Öffentlichkeit. Die Szene der vergangenen Woche hat mir deutlich gezeigt, dass ich selbst auch noch ein bisschen Gelassenheit lernen kann. In der Situation und auch später haben viele Fragen an mir genagt: „Wieso darf ein Kind keine starken Emotionen zeigen?“ „Wieso sind manche Menschen (besonders die Menschen ohne eigene Kinder) der Meinung, dass sich ein Kind immer ‚benehmen‘ muss?“ „Wie kann ich das wissen um die fehlende Impulskontrolle an diese Leute bringen und Verständnis erzeugen?“ 

Ich habe mir in jedem Fall vorgenommen, selbst nachsichtiger zu sein, gegenüber Unwissenheit oder der Projektion von „gesellschaftlichen Normen“ auf meinen Sohn, der diesen noch gar nicht entsprechen kann. Gelassenheit ist hier wahrscheinlich mein bester Berater.

Wie geht es dir mit dieser Geschichte und den vielleicht auch für dich nochmal klar formulierten Erkenntnissen? Hinterlassen gerne einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de

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