Dankbarkeit – eine Qualität, die ich als Geschenk aus meiner Trauerarbeit mitnehme

Heute sind es 241 Tage, seitdem mein Mann von uns gegangen ist. Die Zeit, die seit diesem Ereignis vergangen ist, kommt mir manchmal wie eine Ewigkeit vor. Ich habe noch nie ein so ambivalentes Gefühl in Bezug auf Zeit gehabt. Diese intensiv erlebten Monate dehnen meine zeitliche Wahrnehmung enorm aus. Ich bin ganz erstaunt, wie viele innere Prozesse in diesem doch recht kurzen Zeitraum in mir stattgefunden haben.

An diesem langen Wochenende um den 1. Mai besuchte ich einen lieben Freund in Berlin, der mir in den ersten Tagen nach dem Tod meines Mannes quasi Tag und Nacht zur Seite stand. Ich empfinde ihm gegenüber tiefe Dankbarkeit, weil er so bedingungslos für mich da war.

Mir ist durch unser Wiedersehen einmal mehr bewusst geworden, dass ich in diesen Tagen enorm erfüllt bin von Dankbarkeit. Immer wieder fällt mir an mir selbst und anderen auf, dass wir Menschen häufig dazu neigen, die Dinge, Menschen und Lebensumstände um uns herum als selbstverständlich zu nehmen. Das Leben hat mir vor 241 Tagen jedoch auf die harte Tour gezeigt, dass nichts davon selbstverständlich ist – wir weder ein Anrecht darauf, noch die Kontrolle darüber haben.

Ich habe in meinem Prozess der Trauerarbeit eine innere Wende erfahren, seitdem ich mir bewusst machte, dass ich trotz der Härte dieses Schicksalsschlags, jeden Tag enorm viele Gründe habe, dankbar zu sein.

Durch dieses Bewusstsein entsteht in mir zunehmend ein innerer Reichtum.

Ich wusste schon vor dem Tod meines Mannes, dass Dankbarkeit bzw. das Ausdrücken von Dankbarkeit glücklich macht. Damals schon beschäftigte ich mich u.a. mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich las öfter davon, dass eine dankbare Haltung Hirnareale öffnet, die dafür sorgen, dass man z.B. Arbeiten ruhiger und stressfreier angehen kann und dass man den Alltag gelassener meistert. Spüren kann ich es allerdings erst jetzt so richtig. Erst jetzt ist diese Haltung auch in der letzten Körperzelle angekommen.

Das bedeutet, dass sich bei mir der Blick auf das, wofür ich dankbar bin, fast automatisch einstellt und mir auch der Ausdruck meiner Dankbarkeit leichter und natürlicher über die Lippen kommt. Inzwischen beginne ich häufig bereits meinen Tag damit, dankbar für das zu sein, was ich habe.

Was passiert, wenn ich dankbar bin?

Indem ich meinen Dank ausspreche, erkenne ich an, was ist und respektiere den Umstand, dass nichts für immer ist und ich auch keine Sicherheit darauf habe, dass das, was ich gerade habe, morgen noch da ist. Das erfüllt mich im Augenblick mit vielen Glücksgefühlen, Zufriedenheit stellt sich ein und ich erlebe enorm viel Leichtigkeit in meinem Alltag – vor allem in den Beziehungen zu meinen Lieben.

Ich bin dankbar für den Umstand, dass mein Sohn bei mir ist und wir gerade eine recht unbeschwerte Zeit zusammen haben. Ich erlebe mein Kind als ein großes Geschenk. Ich darf ihn heranwachsen sehen, an seiner Welt teilhaben und mich an dieser enorm starken Verbindung erfreuen. Wenn ich ihn ansehe, entstehen in mir viele liebevolle, warme und zärtliche Gefühle, weil meine Bedürfnisse nach Beitragen, Sinn, Nähe, Geborgenheit uvm. befriedigt sind.

In diesem Lebensgefühl der Dankbarkeit bin ich in Bezug auf meinen Sohn auch noch ein Stück mehr in eine friedvolle Haltung hinein gewachsen. Ich kann mich noch leichter mit meinen und seinen Bedürfnissen verbinden, leichter meine und seine Emotionen aufnehmen und mich dabei vollständig wahrnehmen und mich gleichzeitig auf ihn einstellen. Das stärkt unsere Beziehung sehr. Zudem erlebe ich Gelassenheit und Frieden in einer ganz neuen Qualität.

Ich bin zudem sehr dankbar dafür, dass ich alles gleichzeitig so sein lassen kann:

Die Trauerarbeit auf der einen Seite, die mich immer noch in allen möglichen Situationen aus dem Nichts in Tränen ausbrechen lässt. Ich erlebe an manchen Tagen eine enorme Schwere, frage mich, wie ich das alles allein mit meinem Sohn schaffen soll.

Auf der anderen Seite sehe ich die Chance, mein Leben mit diesem Hintergrund noch intensiver und liebevoller anzunehmen und zu leben. Ich habe jüngst deutlich mehr Klarheit darüber gewonnen, was ich mit meinem Leben noch anfangen will, jetzt, nachdem ich quasi vor einem Neuanfang stehe.

Aus der Dankbarkeit heraus kann ich viele Aspekte, die zunächst widersprüchlich anmuten, miteinander verbinden, und fühle mich wieder ein Stück heiler.

Auch in Bezug auf Konflikte hat mich dieses Bewusstsein noch deutlich gelassener und milder, ja noch gewaltfreier gestimmt.

Ich kann eine deutliche Veränderung in mir wahrnehmen, die mich gerade in Bezug auf die Anwendung der Gewaltfreien Kommunikation noch mutiger hat werden lassen. Ich verschwende keine Zeit mehr. Ich gehe ehrlicher mit meinen Bedürfnissen um und spreche die Bedürfnisse, die ich glaube, bei Anderen wahrzunehmen, noch deutlicher und direkter an.

Die Interaktionen auf dieser Ebene bringen häufig Freude, manchmal auch erst etwas Schmerz, aber auf jeden Fall eine neue Tiefe und Qualität in meine Beziehungen.

Ich frage mich immer wieder, ob es, um solche Zustände zu erreichen, tatsächlich immer solche krassen Ereignisse braucht?

Und bin zu dem Schluss gekommen, dass das nicht unbedingt der Fall ist. Ich denke, dass es eine leichte Entscheidung ist, sich in Dankbarkeit zu üben. Die Umsetzung ist vielleicht schon etwas schwieriger, weil wir allgemein dazu neigen, den Fokus mehr auf das Negative zu legen, uns eher zu beschweren, als anzuerkennen, was alles ist.

Eine dankbare Haltung braucht also zunächst Bewusstsein.

Dankbarkeit entsteht nicht einfach wie von selbst, nur weil man zu der Überzeugung gelangt ist, dass es nützlich und wünschenswert wäre, dankbarer zu leben. Ich sehe es als Prozess, dass sich das notwendige Bewusstsein dafür entwickelt. Bei mir wurde dieser z.B. im letzten Dezember durch die Begegnung mit einer tollen Frau ausgelöst. Ich versuche seither, jeden Tag wach und achtsam zu erleben und mich immer wieder daran zu erinnern, wofür ich dankbar sein kann.

An manchen Tagen fällt mir das wirklich schwer. Da habe ich immer wieder auch den Hang, dem Schicksal zu grollen. Wenn mir die Gedanken, die ich dann habe, bewusst werden, lenke ich meinen Blick auf all das, was mir trotz des Verlustes geblieben ist und was sich seither auch entwickelt hat. Das hilft mir meist schon, dass der Tag sich doch noch positiv entfaltet. Im Bewusstsein meines Verlusts zeichnen sich die Reichtümer meines Lebens viel deutlicher ab und hierbei vor allem, dass sie nicht selbstverständlich sind.

Und wenn mir dies gelingt, ist es wiederum ein Grund dankbar zu sein.

 

Du hast Fragen oder den konkreten Bedarf, diese Haltung ebenfalls zu vertiefen? Ich unterstütze dich gern.

Meine Arbeit umfasst 1:1 Coachings, Seminare und Vorträge.

Schreib mir gern eine Mail: liebevollefamilie@gmail.com. oder hinterlasse einen Kommentar.

Alles Liebe
Mareike

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

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