Der Appetit auf das Leben – Wenn Kinder viel Energie haben

Von wildem Spiel und ungezügelten Kräften

Mein Söhnchen zählt zu den Kindern, die regelrecht überschäumen vor Energie. Er wacht bereits mit einem Paukenschlag auf, indem er von jetzt auf gleich angeknipst ist und auf mir oder meinem Mann rum turnt und seine dringendsten Bedürfnisse anbringt: "Mami, ich habe hunger." oder "Mami, will spielen!" Ich persönlich liebe das, weil ich auch ein wildes Kind war und er mich so sehr an meine eigene Kindheit erinnert, wie ich wild tobend und brüllend durch die Gegend gelaufen bin. Das weckt in mir jeden Tag aufs neue diesen riesigen Appetit auf das Leben! Auf neue Erfahrungen und ungebremste Freude. 

Allerdings bringt dieser ungestüme Wesenszug meinen kleinen Brausewind sich und andere auch gern mal in Schwierigkeiten und manchmal sogar in Gefahr. Er rennt einfach los und ich habe meine Mühe, ihn an der Straße zum halten zu bringen, er rumpelt andere Kinder um oder nimmt ihnen im Überschwang das Spielzeug weg, er rennt in unserer hellhörigen Wohnung brüllend vor Freude durch die Gegend (sehr zum Leidwesen der Nachbarin unter uns). Kurz, er hat - ganz altersgerecht mit 2 Jahren - weder Kontrolle über seine Kräft noch eine Ahnung davon, was es bedeutet vorsichtig zu sein.

Ich thematisiere das hier und heute, weil mir zunehmend bewusst wird, dass ich selbst zwar weiß, dass das alles normal ist, aber meine Umfeld irgendwie nicht. Im Freundeskreis sowohl als auch bei der Tagesmutter ist das "grobe Verhalten" der Kleinen ein Thema. Es ist eigentlich dem Alter entsprechend typisch, wenn andere Kinder angerempelt werden, Spielzeug weggenommen wird oder sich energisch dafür einsetzt wird, dass man das Spielzeug nicht weggenommen bekommt. 

Tollen und Toben ist die beste "Lernstrategie" für den Umgang mit der maskulinen Energie bei einem kleinen Jungen

Es ist sicher kein Geheimnis, dass kleine Jungen (wie auch kleine Mädchen) gleichgeschlechtliche Vorbilder brauchen. Ich sehe an meinem Sohn tatsächlich, wie sehr er sich an den "großen Jungs" orientiert. Er hält z.B. oft Ausschau nach unserem 5-jährigen Nachbarsjungen, ist geradezu versessen auf die Beachtung und Einbeziehung durch einen guten Freund von mir und tobt und rauft total gerne mit meinem Mann. Wenn ich solche Spiele anzettele, schaut er mich nur irritiert an. Einen Wettlauf mit mir lässt er gerade noch zu aber Raufen mag er mit mir nicht (mich assoziiert er wohl eher mit Schmuseeinheiten, Trost und Geborgenheit).

Wenn ich dabei zusehe, wie mein Sohn und mein Mann toben, sehe ich, wie glücklich beide sind. Außerdem lernt mein Sohn gerade in diesem Kräftemessen, seine eigene Kraft besser einzuschätzen. Dieses Spiel ist ein wahrer Segen, um ihm zu zeigen, was seine Kräfte bewirken können und wie er sie steuern, später auch kontrollieren kann. 

Geduld in der Vermittlung, dessen was er darf und was nicht

Neulich ist mir ein Text von Jesper Juul in die Hände gefallen, in dem es genau um diese "Problematik" (Eigentlich ist es kein Problem, nur wir Erwachsenen machen eins draus!) mit dem Überschwang von Energie und den damit verbundenen "Gefahren" geht. Er weist deutlich darauf hin, dass es ein langer Prozess ist, bis ein Kind verinnerlicht hat, was es darf und was nicht. Es dauert bis zum 4. Lebensjahr, bis das Kind ein "moralische Vorstellung" entwickelt. Vorher ist das Gehirn des Kindes dafür noch nicht richtig entwickelt. Wir müssen ihm also bestimmte Sätze immer wieder sagen, bis sie wirklich angekommen sind: "Ich möchte nicht, dass du haust." oder "Lass dem anderen Kind das Spielzeug." Das einzige Zaubermittel ist in diesem Prozess also die Geduld. Mir selbst hilft dieses Wissen sehr dabei, mehr Geduld aufzubringen.

Kritik ist konterproduktiv - sie behinder das Lernen

Eine ebenfalls wichtige Erkenntnis insbesondere der Hirnforschung der letzten beiden Jahrzehnte ist, dass es in Lernprozessen (nichts anderes ist die "Regulierung der überschäumenden Energie") absolut hinderlich ist, diese kleinen Menschen zu kritisieren. Die Basis des Lernens ist immer die Erfahrung - wir alle lernen durch Erfahrungen. Wird ein Kind jedoch währenddessen es eine Erfahrung macht kritisiert, z.B. wenn es hinfällt und man gleichzeitig mit ihm schimpft "Mensch, pass doch auf!" dann passiert es, dass das Gehirn quasi einfriert aus Angst und Schuldgefühlen heraus und die Erfahrung kommt nicht im vorgesehenen Hirnareal an. Das bedeutet, dass es sogar länger dauert, bis das Kind etwas gelernt hat. Deshalb ist es wichtig das Kind beim Lernen zu begleiten, anstatt es zu kritisieren. 

Es ist in Ordnung ein Kind zu stoppen - das geht auch ohne Kritik

Eine adäquate Begleitung in Lernprozessen ist das "Stoppen" bestimmter Verhaltensweisen. Das ist gerade in institutionellen Einrichtungen wie der Kita wichtig, allein schon, um andere Kinder zu schützen. Es ist total in Ordnung, wenn das Kind gestoppt wird, wenn es sich oder andere Kinder zu verletzen droht: "Lauf langsamer, du rennst sonst Tobi um." oder "Nein, bitte lass Nina das Spielzeug. Sie hatte es zuerst." oder "Bitte hör auf zu brüllen, das ist zu laut für meine Ohren."

Anstatt "nein" zu sagen, ist es zusätzlich hilfreich zu sagen, was das Kind stattdessen tun soll

Dieser Grundsatz entstammt der Idee der Gewaltfreien Kommunikation. Ob Kinder oder Erwachsene, wir sind immer gut beraten, wenn wir sagen, was wir wollen, anstatt zu sagen, was wir nicht wollen. Wenn es also darum geht, ein Kind im "Handling" seiner überschwänglichen Energie zu begleiten, ist es auch hier ratsam, Alternativen zum "Nein" anzubieten. Anstatt zu sagen "Nein, renn bitte Susi nicht um." Kann man auch sagen "Lauf bitte um Susi herum." oder anstatt "Schrei nicht so!" ginge auch "Sei bitte ein bisschen leiser. Lass uns mal 2 Minuten flüstern." oder statt "Renn nicht so!" lieber "Lauf langsamer! Ich habe Angst, dass du hinfällst!"

Wenn wir uns diesen "handlungsorientierten" Sprachgebrauch angewöhnen, bieten wir dem Kind automatisch eine hilfreiche Orientierung. 

Die wilde Kraft zulassen und genießen

Wie ich bereits anfangs beschrieben habe, bin ich eigentlich ein Fan dieser geballten Energie meines Sohnes. Es widerstrebt mir oft, ihn so regulieren zu müssen, weil mir klar ist, dass dieses junge wilde Wesen dadurch (zu) früh gebremst wird. Darum halte ich jeden Tag Ausschau nach Gelegenheiten, diese Wildheit zuzulassen. Ich suche bewusst Umgebungen auf (z.B. unseren Garten, abgelegene Pfade, Felder, etc.) in denen er ungestört wild sein darf und ich ihn auch angstfrei laufen lassen kann. Dieses ungebremste Wildsein (dürfen) zählt zu den schönsten meiner eigenen Kindheitserinnerungen. Sie nährt mich bis heute und ich lasse mich gern verleiten neben meinem Sohn her zu rennen und selbst aus voller Kraft vor Freude zu brüllen. Das ist ein Segen für mein eigene Seele und ich fühle mich lebendig, ja bade regelrecht in diesem Gefühl.  

 Wie geht es dir mit diesen Ideen? Hinterlassen gerne einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

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