„Du weinst wie ein Mädchen!“ – Es ist Zeit, dass Männer ebenfalls Gefühle ausdrücken dürfen und wir die herkömmliche Erziehung von Jungs über Bord werfen

„Mareike, deine Arbeit und dein Blog sind toll, ich mache super Fortschritte. Aber wie bekomme ich meinen Mann ins Boot? Ich möchte meine Beziehung zu ihm verbessern und es fällt mir so schwer, weil er nicht über seine Gefühle redet. Ich habe keine Ahnung, was in ihm vorgeht.“

So oder so ähnlich werde ich häufiger von den Frauen in meinen Vorträgen und Seminaren angesprochen. Ich höre ihre Verzweiflung und den Wunsch, einen emotionaleren Zugang zu ihren Partnern zu bekommen.

Wenn du ein Mann bist, der vielleicht von seiner Frau dazu „verdonnert“ wurde, diesen Artikel zu lesen, dann hoffe ich, dir vielleicht einige Impulse geben zu können.

Ich habe lange mit mir gehadert, dieses Thema anzufassen, weil mich einige Zweifel plagten, ob ich mir als Frau überhaupt anmaßen kann, über die Gefühle von Männern zu schreiben. Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, dass ich das gar nicht will.

Ich will heute viel mehr darüber schreiben, warum es für Männer genauso legitim sein sollte, ihre Gefühle zu zeigen, wie es in den meisten Fällen bei Frauen der Fall ist. Ich möchte in diesem Zusammenhang darüber sprechen, warum Männer sich so schwer damit tun, ihre Gefühle überhaupt wahrzunehmen, sie entsprechend zu regulieren und vor allem, sie auszudrücken. Vor allem möchte ich darüber sprechen, dass es Zeit ist, umzudenken und Gefühle als lebensbereichernd wahrzunehmen, anstatt Angst vor ihnen zu haben. Natürlich möchte ich Männern gerne erläutern, warum es von großem Wert sein kann, die eigenen Gefühle besser zu kennen.

Haben Männer vielleicht einfach weniger Gefühle als Frauen?

Vielleicht denkst du jetzt, dass wir Frauen um das Thema Gefühle so viel Aufhebens machen, weil wir einfach emotionaler sind und mehr Gefühle haben als Männer. Aber das ist ein Irrtum! Männer verfügen über die gleiche Bandbreite an Emotionen wie Frauen. Sie haben dieselben Gefühle und sie spüren sie als Kinder mit der gleichen Intensität, wie Mädchen es tun. Kinder haben allgemein einen wesentlich einfacheren Zugang zu ihren Emotionen und es fällt ihnen entsprechend auch leicht, sie auszudrücken. Ich behaupte, dass der Umgang von uns Erwachsenen mit den von Kindern gezeigten Gefühlen im Laufe der Kindheit und Jugend eines Menschen den Unterschied im Umgang mit den Emotionen im Erwachsenenalter macht.

Wie kommt es, dass Männer dann tendenziell ihre Gefühle stärker verbergen, als Frauen dies tun?

Wenn wir verstehen wollen, wie und warum wir lernen Gefühle auszublenden oder zu unterdrücken, dann ist es sinnvoll, unser Sozialverhalten als Spezies Mensch ein wenig genauer zu betrachten. Für das Überleben eines Kindes ist es notwendig, dass es sich die Akzeptanz innerhalb einer sozialen Gruppe sichert. Das ist in den meisten Fällen zuallererst die Familie, in die ein Kind hinein geboren wird. Die Familie ist somit die soziale Gruppe, die als Kind unser Überleben sichert. Wir sind darauf angewiesen und vertrauen darauf, dass unsere Eltern uns beschützen und uns helfen, mit den Herausforderungen des Lebens fertig zu werden. Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf nehmen wir als Kinder entsprechend bereitwillig alles auf und an, was uns von unseren Eltern angetragen wird - auch die für uns zunächst schmerzhaften Dinge. Wir erhalten unsere Prägung auf vielen Ebenen, zum Beispiel durch die Dinge, die uns unsere Eltern immer wieder sagen. Erziehung, die mit geschlechtsspezifischen Unterschieden betrieben wird, hinterlässt entsprechend ihre Spuren.

In der Diskussion um Gleichberechtigung wird meiner Meinung nach flächendeckend vernachlässigt, auch unsere männlichen Mitmenschen hinsichtlich ihrer Gefühle und Bedürfnisse „gleich“ zu behandeln und ihnen entsprechende „Schwächen“ und eine gewisse „Weichheit“ zuzugestehen. Im Lebensalltag von Jungen ist nach wie vor zu beobachten, dass sie auf „Stärke“ und „Abhärtung“ getrimmt werden.

Mir krampft sich alles zusammen, wenn ich beinah tägliche miterlebe, wie Kindern, und darunter ganz besonders den Jungen, immer noch stark suggeriert wird, dass sie keine Gefühle zeigen und/oder haben dürfen. Wann immer ich auf Spielplätzen, im Supermarkt oder an anderen von Eltern stark frequentierten Orten unterwegs bin, höre ich von Eltern folgende oder ähnliche Sprüche, die sicher einen nicht unerheblichen Einfluss darauf haben, dass Kinder ihre Gefühle irgendwann zu unterdrücken lernen:

„Ach, stell dich nicht so an!“
„Das hat doch gar nicht weh getan. Steh auf und lauf weiter!“
„Ein echter Kerl kennt keinen Schmerz!“
„Was bist du denn für ein Weichei?“
„Benimm dich wie ein Mann!“
„Jetzt reiß dich mal zusammen!“
„Du weinst wie ein Mädchen!“
„Sei nicht so ein Mamasöhnchen!“

Wenn ich solche Sprüche im Vorbeigehen aufschnappe, frage ich mich häufig, wie oft der jeweils adressierte kleine Junge dies wohl zu hören bekommt in seinem Alltag. Wie stark sein Schmerz darüber wohl ist, sich nicht ausdrücken zu dürfen und wann der Zeitpunkt wohl kommt, an dem er aufgibt, seine Gefühle zu zeigen. All diese Sätze sind Beschämungen und werden wie eine Strafe empfunden, die in uns einen immensen emotionalen Schmerz auslösen.

Dieser Schmerz führt langfristig dazu, dass das Kind zu dem Schluss kommt, dass Gefühle etwas „Schlechtes“ sind und versucht folglich zu vermeiden, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken.

Aus meinen Recherchen und auch vielen Gesprächen mit Klientinnen entnehme ich, dass Männer ihre Gefühle im Erwachsenenalter häufig gar nicht wirklich wahrnehmen können. Sie haben in ihrer Kindheit die Lektion „Gefühle unterdrücken“ wirklich gut gelernt. Dies trifft sicher nicht ausschließlich auf Männer zu. Ich selbst kenne das „Deckeln von Gefühlen“ nur zu gut. Es ist aber hinsichtlich der Stigmatisierung, die mit dem öffentlichen Weinen eines Mannes einher geht, wesentlich stärker ausgeprägt als bei Frauen.

Ich bin zwar kein Mann, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn Gefühle ein Tabuthema sind. Meine Geschwister und ich wurden fortwährend dazu angehalten, unsere Gefühle zu verbergen. Sätze, die ich aus meiner Kindheit gut kenne, sind folgende:

„Mach nicht so ein Theater!“
„Wenn du nicht aufhörst zu heulen, gehen wir gleich wieder nach Hause!“
„Wer weint, bekommt keinen Nachtisch!“
„Hör auf zu heulen, davon wirst du nur hässlich!“

Die Konsequenz dieser Erziehung war, dass ich meine Gefühle viele Jahre verdrängt habe. Ja, ich hatte wirklich Angst vor ihnen und habe deshalb nach Kräften den Deckel darauf gehalten bzw. sie unterdrückt.

Sicher traute ich mich, hin und wieder zu weinen, und sicher ist mir auch immer wieder einmal der Kragen geplatzt, aber ein „erwachsener“ Umgang mit meinen Gefühlen war das nicht. Es gab Spannungen in mir, die haben mich zur Verzweiflung brachten. Es hat mich mehrere Jahre aktiver Arbeit an mir selbst gekostet, bis ich einen Zugang zu meinen Gefühlen hatte und sie angstfrei wahrnehmen und ausdrücken konnte.

Je mehr ich mich damit beschäftige und meinen eigenen recht steinigen Weg betrachte, desto mehr frage ich mich, wie dieser oben angesprochene Erziehungsstil wohl für einen Jungen (z.B. meine Brüder) gewesen sein muss und desto weniger wundert es mich, wenn Männer häufig regelrecht Angst vor ihren Gefühlen haben.

Während es für uns Frauen ja irgendwie noch okay ist, wenn wir mal weinen, ist es das für einen Mann nicht! Männern wird in der Kindheit suggeriert, stark zu sein, auf keinen Fall irgendwelche „Schwächen“ zu zeigen und sich immer daran auszurichten, die „Stärke eines Mannes“ an den Tag zu legen:

„Sei ein Mann!“
„Was? Du hast Angst? Aus dir wird nie ein echter Kerl!“
„Weinen ist nur was für Mädchen!“
„Was bist du doch für ein Mädchen!“

Tja, und nachdem ein Mann erwachsen geworden ist, beschwert sich die Frauenwelt, dass er keine Gefühle zeigt.

Ich möchte an dieser Stelle gern betonen, dass es wirklich Zeit ist, dahingehend umzudenken. Ich möchte Männer gerne ermutigen und einladen, sich mit ihren Gefühlen anzufreunden. Sehr wahrscheinlich braucht es noch etwas mehr als diesen Artikel. Aber es ist ein Anfang…

Warum ist es sinnvoll, sich auch als Mann mit den eigenen Gefühlen zu befassen?

Vielleicht macht es dir ein wenig Mut, wenn ich dir sage, dass die Wahrnehmung und der Ausdruck von Gefühlen eine echte Steigerung der eigenen Lebensqualität sind.

Gefühle sind ohnehin in uns vorhanden – ob wir sie wahrnehmen wollen oder nicht. Sie vermitteln uns, ob unsere Bedürfnisse befriedigt sind (Zufriedenheit, Wohlsein, angenehme Gefühle) oder ob wir etwas brauchen (Unbehagen, Unwohlsein, unangenehme Gefühle). Die Funktion von Gefühlen besteht nämlich genau darin, uns Auskunft darüber zu geben, welche Bedürfnisse gerade in uns lebendig sind und ob wir handeln sollten, um sie zu befriedigen.

Je klarer wir das Gefühl identifizieren können, desto klarer haben wir auch das Bedürfnis auf dem Schirm und können entsprechend handeln. Wenn du also anstatt eines unterschwellig grummelnden Unwohlseins klar wahrnehmen kannst, dass es sich dabei beispielsweise um Einsamkeit handelt, kannst du entsprechende Maßnahmen ergreifen und dich um gute Gesellschaft kümmern (z.B. deine Freundin oder deine besten Freunde anrufen).

Wenn du deine Gefühle wahrnehmen kannst, fühlst du dich zudem lebendiger, weil du so die einzelnen Gefühlszustände voll auskostest. Langfristig stellt sich ein größeres körperliches Wohlbefinden ein, weil unterdrückte Gefühle gelöst werden, die dich sonst belasten und krankmachen.

Ich selbst erlebe mich als besonnener, seitdem ich die Wahrnehmung meiner Gefühle bewusst schule. Durch eine frühzeitige Wahrnehmung meiner Gefühle bin ich zudem weniger verleitet, den intensiven Impulsen zu folgen, die mit Ärger oder Wut einhergehen. Aggressionen lassen nach und das Mitgefühl gegenüber Anderen steigt. Es ist zudem leichter, andere Menschen emotional zu erreichen, sich Gehör zu verschaffen, wenn man(n) die eigenen Gefühle kommuniziert und die Bereitschaft anderer, zum eigenen Wohlergehen beizutragen steigt signifikant.

Das größte Geschenk ist meiner Meinung nach jedoch der intensivere Kontakt, den man durch die Wahrnehmung der eigenen Emotionen zu anderen Menschen herstellen kann. Anderen Menschen auf dieser Ebene zu begegnen, ist eine sehr verbindende Erfahrung. Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass es eigentlich genau darum geht im Leben: Um diese intensive Qualität des Kontaktes zu Anderen.

"Am reichsten sind wir, wenn wir in einer guten Verbindung zueinander sind." (Marshall B. Rosenberg)

Und wie kann man die Wahrnehmung von Gefühlen lernen bzw. schulen?

Nach nun gut 5 Jahren Erfahrung in der bewussten Auseinandersetzung mit meinen eigenen Gefühlen kann ich sagen, dass das Wahrnehmen von Gefühlen tatsächlich trainierbar ist. Es braucht eigentlich nicht viel außer den Willen und den Mut, genauer hin zu spüren. Na gut, ich unterstütze das Training, indem ich mich seit 2 Jahren beharrlich einer Meditations- und Achtsamkeitspraxis widme.

Das bedeutet, dass ich täglich 15 bis 30 Minuten in der Stille sitze und trainiere, meinen Atem, meine Körperempfindungen und meine Gefühle wahrzunehmen. Dabei mache ich nichts weiter, als dass ich einfach wahrnehme, was u.a. gerade an Gefühlen in mir lebendig ist und ich sie gleichzeitig einfach so sein lasse, wie sie gerade sind.

Die Haltung, die ich dabei einnehme, ist ungefähr diese: „Aha, da ist Angst/Trauer/Wut/Freude/Scham/...“ Dann atme ich tief durch und lasse die Gefühle auch wieder los, weil sie ebenso flüchtig sind wie Gedanken. Wenn du zu dieser Praxis etwas mehr wissen möchtest, kann ich dir diesen Artikel empfehlen, in dem ich auf das Annehmen und Loslassen von Gefühlen genauer eingehe.

Ich bin super gespannt, wie es dir mit diesem Artikel geht. Wenn du ein Mann bist und dich angesprochen fühlst und mehr darüber wissen möchtest, lade ich dich ein, gern einmal mit mir ins Gespräch zu kommen. Hinterlasse entweder einen Kommentar, schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de.

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

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