Emotionale Taubheit – Wie wir lernen, Gefühle zu unterdrücken

Das schreiben von Blogartikeln ist für mich auch immer ein Reflexionsprozess. Auf meinen letzten Artikel, in dem ich mich mit meiner Wut und ihre Ausprägung als Sekundärgefühl beschäftigt habe, folgte für mich logisch die Bearbeitung folgender Fragen:

Warum fällt es vielen Erwachsenen eigentlich so schwer, die eigenen Gefühle wahrzunehmen? Und warum tun wir uns noch schwerer, diese adäquat auszudrücken?

Diese Neigung vieler Erwachsener liegt meiner Ansicht (und der vieler Experten) nach darin begründet, dass wir in unserer Kindheit sukzessive gelernt haben, unsere Gefühle zu unterdrücken. Wie genau das passiert, ist ein sehr komplexer Vorgang, auf den ich später genauer eingehen will.

Zunächst möchte ich aber den Umstand beleuchten, dass wir als kleine Menschen auf die Welt kommen, die von Natur aus sehr gut ihre Gefühle wahrnehmen und ausdrücken können. Wenn ich z.B. meinen kleinen Sohn tagtäglich beobachte, fällt mir auf, dass er seine Gefühle intensiv wahrnimmt und sie auch mit aller Deutlichkeit ausdrückt.

Wie ich immer wieder gerne betone, sind Gefühle die Anzeiger unserer Bedürfnisse. Da Babys und kleine Kinder zu 100% von uns abhängig sind, müssen sie, um zu überleben ihre Bedürfnisse vehement zum Ausdruck bringen. Weil sie noch nicht sprechen können, tun sie dies durch den Ausdruck von Gefühlen. Das ist zunächst einfach gehalten, indem sie als Baby zufrieden glucksen, wenn alles in Ordnung ist und weinen, wenn sie etwas brauchen.

Auch wenn das Thema inzwischen schon ausgiebig beackert wurde: Jedes Weinen und spätestens das Schreien eines Babys ist wirklich ernst zu nehmen! Das ist ein Ausdruck von innerer Panik und Not. Kinder manipulieren damit nicht, sie drücken lediglich ein Bedürfnis aus und je dringender der Ausdruck, desto dringender das Bedürfnis! (Einen gut nachvollziehbaren Artikel zum Thema Babys schreien lassen und dessen Spätfolgen findet ihr hier.)

Viele Eltern wissen nicht, wie sie adäquat mit den Gefühlsausbrüchen ihrer Kleinen umgehen sollen. Darin besteht für Eltern von sehr kleinen Kindern eine große Herausforderung. Kleine Kinder bekommen aus unserer Sicht manchmal aus dem Nichts einen Wutanfall oder sie springen plötzlich vor Freude, sie schäumen über und sie sind manchmal tief traurig. Sie sind einfach pur im Ausdruck ihrer Gefühle. Dabei schwanken ihre Emotionen zum Teil so stark, dass wir als Erwachsene nicht mitkommen. 

Ich habe euch ja vor einigen Wochen geschildert, was mir passiert ist, als mein Sohn einen Wutanfall im Beisein eines Gastes bekam. Mir wurde dabei sehr bewusst, in welcher Zwickmühle wir als Eltern häufig sind, wenn es um die "emotionalen Ausbrüche" unserer Kinder geht. Wir sind zum einen davon überfordert und wir spüren häufig einen inneren Druck, den Ansprüchen anderer Erwachsener gerecht zu werden. Wir verstehen zudem manchmal einfach nicht, dass die Gefühle unserer Kinder (sowie unsere eigenen) immer eine Botschaft für uns haben, geschweige denn, welche Botschaft sie haben.  

Jesper Juul schreibt, das es mitunter viele Wiederholungen braucht, bis ein Kind etwas gelernt hat. Das bedeutet, dass ein Kind lange braucht, bis es seine Gefühle "im Griff" hat (darum geht es auch in diesem Artikel). Wenn Eltern jedoch die Gefühlsausbrüche ihrer Kinder immer wieder ignorieren, sie auf die leichte Schulter nehmen oder die Kinder sogar für das zeigen von Gefühlen bestrafen, setzen irgendwann die ersten "Untersrückungsprozesse" von Gefühlen ein.

Manch ein Elternteil feiert das dann sogar als Erfolg, weil die "Erziehung" endlich greift. Was aber eigentlich passiert ist, dass die Kinder lernen, dass ihre Gefühle nicht beachtet werden, dass sie sich nicht auf ihre Eltern verlassen können. Sie werden unsicher, auch in der Bindung zu den Eltern. Da Kinder den Eltern immer gefallen wollen (das hat etwas mit Überleben und Bindung zu tun), passen sie sich an und werden zunehmend "stiller". 

Dieser Prozess setzt sich fort, wenn in der weiteren Entwicklung die Gefühle des Kindes immer wieder runter gespielt werden. Aus meiner eigene Kindheit kenne ich Sprüche, die sehr gut verdeutlichen, dass Gefühle keinen Platz hatten bzw. nicht erwünscht waren (du hast vielleicht solche Sätze auch gehört):

"Ach heul doch nicht, das ist doch gar nicht so schlimm." 

"Ein echter Indianer kennt keinen Schmerz." 

"Du bist ja eine echte Heulsuse."

"Jetzt reiß dich mal zusammen!"

"Wenn du weinst bekommst du rote Augen und dann bist du hässlich." (Das hat mein Großvater öfter zu mir gesagt.)

Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen. Die Inhalte mögen variieren, aber die Botschaft, die das Kind erhält ist immer dieselbe: "Meine Gefühle zählen nicht, ich zähle nicht, bin nichts wert."

Auch die nonverbale Kommunikation, die sich mit den Kindern in Bezug auf den Ausdruck ihrer Gefühle abspielt, sendet entsprechende Signale:

Wenn dem weinenden Baby z.B. der Schnuller oder etwas zu Essen in den Mund geschoben wird, anstatt es auf den Arm zu nehmen und zu trösten. Wenn wir das Weinen, die Freude, den Ärger usw. unserer Kinder einfach ignorieren (der Klassiker ist wirklich, das Kind Abends im Bett schreien zu lassen), dann vermitteln wir kontinuierlich, dass Gefühle nichts zählen.

Und weil es für ein Kind immer wieder schmerzhafte Erfahrungen sind, wenn die Bedürfnisse nicht gehört und befriedigt werden, wird es auf kurz oder lang lernen seine Gefühle zu unterdrücken.

Dann später in der Schule, machen viele Kinder zusätzlich die Erfahrung, dass sie für das Zeigen ihrer Gefühle von Gleichaltrigen oder gar vom Lehrer ausgelacht oder gehänselt werden. In der Schule wird uns beigebracht, dass es wichtig ist, "richtig" zu denken aber sich einen Sch... darum geschert, wie es uns mit dem ganzen Druck geht. Spätestens dann, lernen wir sehr schnell, dass Gefühle eine gefährliche Sache sind, die wir besser ausblenden. 

Und dann kommt die Pubertät. Wir sind ggf. zum ersten mal verliebt und machen nicht selten hier die ersten schmerzhaften Erfahrungen mit unerwiderter Liebe. Da ist der Kampf um die Zugehörigkeit in der Clique, wo es darum geht "cool" zu sein, anstatt sich mit seinen Gefühlen zu zeigen. Und als ob das alles nicht genug ist, führen wir auch noch einen Kampf mit den Eltern um Abgrenzung, Freiheit und Gleichwertigkeit. All dies durchleben wir im Lichte dessen, dass uns niemand beigebracht hat, adäquat mit unseren Gefühlen umzugehen und die Bedürfnisse dahinter zu erkennen und auf diese einzugehen.

Ich habe neulich ein Interview mit den Gaschler Töchtern gelesen. Deren Eltern sind die Autoren eines relativ bekannten Buches: "Ich will verstehen, was du wirklich brauchst". Das Interview, erschienen in der Zeitschrift "Empathische Zeit" (Ausgabe 1/2016), hat mich super beeindruckt. Die beiden Mädchen sind von klein auf mit der Gewaltfreien Kommunikation groß geworden. Sie schildern, dass ihr Verständnis für Gefühle, Bedürfnisse und der kreative Prozess zur Erfüllung dieser etwas Selbstverständliches für sie ist. Sie haben z.B. die Pubertät deutlich anders erlebt, als viele andere junge Menschen. Hier mal ein ausführlicheres Zitat von Marie Gaschler:

"Ich habe euch (die Gaschler Eltern) immer als sehr entspannt wahrgenommen, sehr offen. Wenn ich z.B. auf eine Party gehen wollte, habt ihr mir vertraut, dass ich die richtige Entscheidung treffe. [...] Ich habe nie etwas aus Protest gegen euch tun müssen, musste nicht rebellisch sein, nicht auf selbstverletzende Weise - ich musste mich nie komplett betrinken, um mich gegen euch aufzulehnen. Ganz im Gegenteil. Da war viel Vertrauen und Zuversicht, so dass ich selbständig sein konnte. [...]

Das hat auch viel mit Ernst zu tun. Ihr habt uns immer ernst genommen und gesucht nachdem was dahinter steckt [hinter den Gefühlen]. Und da steckt oft viel dahinter - vor allem in der Pubertät. [...]

Ich war bei einer Freundin und die Mutter kam rein und wollte, dass sie die Füße vom Tisch nimmt und sie hat zurück gepampt und dann habe sie sich ein bisschen gezankt und die Mutter ist raus: 'Ach, diese Pubertät!' Und die Freundin saß da: 'Scheiß Mutter!' Krass! Das wäre bei uns nicht passiert. Da wäre von beiden Seiten ein ganz anderes Verständnis gewesen."

Ich würde mir wirklich wünschen, dass die Geschichte dieser Mädchen Schule macht. Dass wir als Eltern eine neue Generation junger Menschen heranwachsen sehen, die Unterstützung im Umgang mit diesem ganzen Gefühlssalat bekommen und die letztlich immer an ihren Bedürfnissen ausgerichtet kommunizieren können. Darin liegt m. E. nach der Schlüssel für starke, selbstbewusste und unabhängige junge Menschen.

Dann hätten wir, die wir noch von unterdrückten Gefühlen und ihren Nebenwirkungen (Stress, Burnout und andere psychosomatische Krankheiten) betroffen sind, wirklich einen Beitrag geleistet.

Ich mache unseren Eltern, Großeltern und andere Verwandten keine Vorwürfe. Sie sind sicher selbst immer mit den besten Absichten an unsere "Erziehung" ran gegangen. Sie wussten es einfach nicht besser und ich finde, wenn wir uns auf diese Sichtweise einlassen, dass jede Generation "das Beste tut, was ihr gerade zur Verfügung steht", dann haben wir ebenfalls die Chance Heilung zu erfahren und in Balance und Einklang mit uns zu leben.

"Unser Verhalten ist entweder ein Ausdruck von Liebe oder eine Bitte um Liebe, oder beides." Marshall B. Rosenberg

Ich lade dich auch heute wieder ein, deine Gedanken, Gefühle und andere Beiträge zu diesem Artikel zu hinterlassen. Schreib mir einfach einen Kommentar oder eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

4 thoughts on “Emotionale Taubheit – Wie wir lernen, Gefühle zu unterdrücken

  1. Toller Artikel. Seit meiner Mediationsausbildung, und der GfK-Ausbildung bin ich selbst grosser Fan davon, weil es vieles in Konfliktsituationen entschärft und viel wichtiger- durch die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und Gefühle- man sich seine eigene Handlungsfähigkeit erhält bzw. wieder herstellt.
    Es ist nicht immer einfach, daran zu denken und das umzusetzen und man sollte es auch nicht übertreiben damit.
    Achtsamkeit generell denke ich ist genauso wichtig.
    Liebe Grüsse!

    1. Hallo Christian, danke für deinen Kommentar. Beide Themen, GFK und Achtsamkeit finde ich auch super wichtig. Achtsamkeit ist sogar dem ganzen übergeordnet, weil ohne Achtsamkeit GFK nur sehr schwer und mit viel Übung geht (so empfinde ich es).
      Alles Liebe
      Mareike

  2. Danke für deinen Artikel! Das ist auch für uns Alltagsarbeit mit den Kindern: Gefühle äußern, Gefühle benennen, Gefühle zulassen oder unterdrücken? Nicht falsch zu sein, wenn ich oder mein Kind (nervenaufreibende) Gefühle zeigt…
    Großartig! Hilft uns, zu reflektieren und weiter an uns zu arbeiten!!

    Liebe Grüße und alles Liebe für euch, die Freilernfamily.de am Start, Christian.

    1. Hallo Christian,
      ich danke dir für deinen Beitrag und es freut mich immer sehr, wenn ich Denk- und Reflexionsanstöße geben kann. Ihr habt als Freilerner bestimmt auch schon einige Arbeit auf dem Gebiet geleistet – es muss ja einen Grund geben, weshalb ihr diesen Weg gewählt habt. Mir gruselt es auch schon vor dem Thema Schule, obwohl mein Sohn erst 2-Jahre alt ist. Was in vielen Schulen an emotionaler Gewalt ausgeübt wird, mag ich gar nicht auf mein Kind loslassen…
      Alles Liebe euch!
      Mareike

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