Erst Wut, dann Schuld und Scham: Wie du aus diesem emotionalen Teufelskreis aussteigst

Unter allen Emotionen ist Wut diejenige, die nach wie vor am meisten stigmatisiert wird. Sind wir wütend geworden, haben uns diesem Gefühl dabei im Affekt hingegeben und gar herumgeschrien oder etwas Unüberlegtes gesagt oder getan, fühlen wir uns hinterher schuldig und schämen uns ob dieser „Entgleisung“.

Ich beobachte bei mir selbst eine enge Verknüpfung zwischen den Gefühlen Wut, Schuld und Scham. Zudem bekomme ich hin und wieder berichtet, dass sich auch andere Menschen in einem Teufelskreis dieser drei Gefühlszustände befinden.

Das hängt meines Erachtens stark damit zusammen, dass bezüglich der Wut ein eher problematisches Denkmuster vorherrscht: Für viele Menschen ist dieses Gefühl ein Indiz für ein niedriges Niveau und wenig Selbstbeherrschung. Aus diesen Gründen wird sie deshalb überwiegend abgelehnt. Ja, man verbietet sich regelrecht, wütend zu sein.

Die nach dem Wutausbruch häufig entstehenden Gefühle wie Schuld und Scham gehen damit einher, dass wir glauben, etwas „falsch“ gemacht zu haben.

Je nachdem, welche Verhaltensweisen wir im Affekt an den Tag gelegt haben, ob wir beispielsweise gedroht, geschimpft oder Forderungen gestellt haben, können wir uns im Nachgang manchmal richtig hinein steigern und glauben, dass wir z.B. „schlechte Eltern“ sind, weil wir uns eigentlich anders verhalten sollten.

Damit sind wir auch schon beim Kern der Sache angekommen. Die Wut selbst und die Gefühle Schuld und Scham, die wir meist nach einem Wutausbruch empfinden, stehen in einem engen Zusammenhang damit, dass wir umfassend erlernte Urteile in uns tragen. So haben wir aus unserer Prägung heraus oftmals ein vorgefertigtes Bild darüber, was richtig und was falsch ist, was passend/unpassend, normal/unnormal, angemessen/unangemessen ist, usw.

Wir sortieren unsere Welt nach diesen Kategorien. Häufig befindet sich darunter die Haltung, dass Wut etwas ist, dass wir ablehnen, weil wir zum Beispiel in unserer Kindheit selbst nicht wütend sein durften und bestraft wurden, wenn wir dieses Gefühl gezeigt haben.

Zu diesem Aspekt kommt erschwerend hinzu, dass wir häufig immer noch einem weit verbreiteten Irrtum aufliegen, nämlich dass wir glauben, irgendjemand anderes kann uns unsere Gefühle machen. Im Zusammenhang mit unseren Urteilen tappen wir dann schnell in die Falle, dass wir andere Menschen für unsere unangenehmen Gefühle verantwortlich machen.

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass Wut sehr häufig im Zusammenhang mit einer Schuldzuweisung entsteht?

Immer dann, wenn wir glauben, der andere trage Schuld an unseren Umständen, werden wir wütend. Wir übersehen dabei nur leider, dass niemand uns Gefühle machen kann. Gefühle entstehen in uns. Sie dienen uns als Anzeiger für den Erfüllungsstand unserer Bedürfnisse und geben uns Auskunft darüber, ob wir gerade etwas brauchen oder ob alles in Ordnung ist. Sind wir jedoch in der Haltung, dass irgendjemand anderes uns unsere Gefühle macht, dafür quasi verantwortlich ist, dann wird es gefährlich, weil wir dann die Botschaft der Gefühle missdeuten.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Alltag fast jeder Familie mit kleinen Kindern:
Es ist Mittwochmorgen, Zeit in die Kita und anschließend zur Arbeit aufzubrechen. Unser Kind weigert sich aber, die Schuhe und die Jacke anzuziehen und will viel lieber noch spielen. So langsam wird die Zeit knapp und wir fürchten, dass wir zu spät kommen. Wir reden auf das Kind ein und versuchen, es mit vernünftigen Worten zum Gehen zu bewegen. Das Kind weigert sich vehement, weil es lieber noch den Teddy zudecken und die Puppen mit Essen versorgen will. Langsam spüren wir Ärger in uns aufwallen. Nachdem wir unser Kind zum wiederholten Male aufgefordert haben, sich endlich anzuziehen, werden wir laut und brüllen los. Das Kind beginnt zu weinen. Wir fühlen uns plötzlich schuldig und schämen uns, weil wir uns nicht „beherrschen“ konnten.

Wir sitzen nun in einem Schlammassel, der sich vermutlich tagtäglich wiederholen wird, wenn wir nicht begreifen, dass wir deshalb dort hingeraten sind, weil unser Denken, unsere Überzeugungen, Bewertungen und Glaubenssätze uns nicht dienen.

Was genau ist da passiert?

Wenn wir uns die Gedankengänge vor der emotionalen Entladung durch das Brüllen angucken, dann sind das häufig Gedanken wie:

1.) „Immer trödelst du gerade dann, wenn wir dringend losmüssen.“
2.) „Wenn das so weitergeht, komme ich zu spät, weil du nicht machst, was ich sage.“
3.) „Das geht doch nicht, das du hier den Takt vorgibt! Ich muss schließlich arbeiten!“

Diese Art zu denken, ist im Kern die Ursache für die Misere, in der wir uns befinden. Wir urteilen im ersten Satz und weisen die Schuld im zweiten Satz unserem Kind zu. Dabei sind wir getrieben von unseren aus unserer eigenen Kind stammenden Glaubenssätzen, der im dritten Satz steht.

Was wir dabei völlig ignorieren ist, dass unser Kind uns keine Gefühle machen kann, und auch für unsere Situation keine Verantwortung trägt. Unsere unangenehmen Gefühle, der innere Druck und letztlich die Wut entstehen, weil wir Bedürfnisse haben, die in der Situation zu kurz kommen. Uns ist beispielsweise unsere materielle Sicherheit wichtig, aus der heraus wir ja überhaupt zur Arbeit gehen. Dann kommt unter anderem Zuverlässigkeit ins Spiel, die wir signalisieren, indem wir zur vereinbarten Zeit in der Kita und am Arbeitsplatz erscheinen.

Wir machen häufig den Fehler und ordnen das Verhalten anderer Menschen und vor allem das unserer Kinder in den Kategorien „richtig“ und „falsch“ ein. Dabei werden wir regelrecht von unseren Bedürfnissen abgelenkt und sehen erst recht nicht, dass auch es auch der anderen Person um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse geht.

Wenn wir den Fokus in der jeweiligen Situation auf unsere Bedürfnisse lenken können, nimmt uns dies bereits viel von dem inneren Druck, den wir in solchen Situationen häufig spüren.

Dann nehmen wir hinter der Wut häufig eine Ohnmacht und Angst wahr und verstehen die Wut vielmehr als ein Notsignal, dass uns auf die unerfüllten Bedürfnisse hinweist.

Im Laufe der Jahre bin ich dazu übergegangen, genau diese Perspektive zu kultivieren und mir die Wut immer als Weckruf zu vergegenwärtigen. Ich handhabe sie inzwischen ausschließlich als dieses Notsignal, dass mir zeigen möchte, dass gerade ein Bedürfnis (oder mehrere) in mir zu kurz kommt.
Dies vergegenwärtige ich mir zunächst, indem ich tief durchatme. Das geschieht aus einer Haltung von „Aha, da ist Wut in mir. Da hungert gerade ein Bedürfnis in mir. Welches kann das sein? Was brauche ich gerade dringend?“

Dann distanziere ich mich von Schuldzuweisungen oder Urteilen über den anderen, die gerade noch in meinem Kopf präsent waren. Ich erlaube mir, meine Wut zu spüren, und nutze ihre Präsenz, um zu erforschen, was genau ich gerade brauche. Aus dieser Klarheit heraus kühlen die heftigen Emotionen dann wieder herunter und ich kann in eine ruhige Interaktion treten.

In dem obigen Beispiel sieht das dann häufig so aus, dass ich meinem Sohn sage, dass ich möchte, dass er sich jetzt anzieht, weil es mir wichtig ist, dass wir rechtzeitig loskommen. Ich begründe es damit, dass ich nicht will, dass seine Erzieherin in der Kita und meine Chefin unnötig auf uns warten müssen. Da ich den Fokus nun darauf habe, worum es mir geht, kann ich mich gelassen auf ihn einstellen und auch ihn mit seinen Bedürfnissen (in diesen Fall ist es Fürsorge) sehen: „Ist es dir wichtig, dass Teddy gut versorgt ist und die Dinos alle was zu fressen haben?“ Das führt nicht unbedingt dazu, dass er freiwillig alles mitmacht, was ich von ihm will, aber es führt dazu, dass er erlebt, dass ich ihn in seinen Bedürfnissen sehe, und die Beziehung zwischen ihm und mir gestärkt wird.

Diese Herangehensweise ist für mich ein Ausstieg aus der Wut gegenüber meinen Lieben und ich nutze diesen Weg jedes Mal auf’s Neue, wenn ich Wut in mir spüre. Die damit einhergehenden Begleiterscheinungen von Schuld und Scham erübrigen sich natürlich auch, wenn es mir gelungen ist, meine Bedürfnisse und die der anderen zu sehen und nach Möglichkeit zu stillen.

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Ich bin sehr gespannt, wie es dir mit dem Artikel ging, und freue mich wie immer über Kommentare und Mails.

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

One thought on “Erst Wut, dann Schuld und Scham: Wie du aus diesem emotionalen Teufelskreis aussteigst

  1. Hallo Mareike,

    Danke für den Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass wir nicht den Kindern die Schuld geben können, wenn ihr Verhalten in uns Gefühle wie Wut etc. aufkommen lässt. Dennoch ist es nicht einfach, dass immer so zu sehen und auch mit der jeweiligen Situation umzugehen.
    Ich habe Zwillinge (2,5 Jahre) und ich versuche den Kindern ihre Freiheiten zu lassen und ihr Nein so gut es geht zu akzeptieren. Mittlerweile finde ich aber, dass es überhand nimmt bzw. habe das Gefühl, dass sie auf mein Stopp/Lass das Bitte einfach nicht hören. Zum Beispiel, wenn sie meines Erachtens einfach zu viel Faxen nacheinander machen. Windel wechseln-nein, anziehen-nein, zähne putzen-nein etc. Dann wird mit dem Essen gespielt, Küche Sauerei, Kinder eingesaut. Weiter gehts im Bad, mit dem Wasser spielen, an der Toilette, noch Pipi machen, wieder Hände waschen usw. Dort kriege ich sie dann wieder nicht raus. Ich bleibe lange ruhig, aber wenn sie dann nach längerem Spielen noch immer nicht hören, da passiert es manchmal, dass ich dann irgendwann schreie, obwohl ich das eigentlich nicht möchte. Ich darf das Chaos wieder putzen und aufräumen und hab zum Beispiel selbst noch nicht gegessen. Aufräumen soll ich dann aber nicht, weil ich dann mit ihnen spielen soll…
    Wir kommen oft auch nicht aus dem Haus, weil sie sich einfach nicht anziehen lassen wollen.
    Ich finde es schwer die Grenze zu ziehen, bis wohin die Kinder sich ausleben dürfen ohne meine Grenzen/Bedürfnisse zu überschreiten.
    Was machst du in solchen Situationen?
    Liebe Grüße

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