„Ich bin zu blöd für GFK!“ – Selbstanklage in Selbstannahme verwandeln

In dieser Woche durfte ich einmal mehr mit einer Gruppe Menschen arbeiten, die sich von der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) einen souveränen Umgang mit ihren Konflikten erhofften. Dabei stand ich vor der Herausforderung, die GFK in nur 7 Stunden zu vermitteln. Alles lief nach Plan und ich konnte die Teilnehmer/innen gut mitnehmen, bis wir zur praktischen Übung empathischer Verbindung gelangten.

Eine Teilnehmerin wurde sehr emotional, warf mir vor, dass das nicht funktioniert, sie diese Art Kommunikation viel zu verletzlich macht und sie es nicht einsieht, für Menschen, die sich offensichtlich „falsch“ verhalten, auch noch Verständnis aufzubringen. Sie legte richtig los und warf der Person, um die es in diesem Konflikt ging, allerhand Dinge vor. Von „selber schuld“ bis hin zu „Schmarotzer“ war alles dabei.

Von da an lief es für mich gefühlt wirklich schief, weil die heftige Reaktion der Teilnehmerin – man kann schon sagen, dass sie sehr wütend war – bei mir auch so einiges auslöste und ich mit meinen eigenen Emotionen zu kämpfen hatte (Irritation, Verunsicherung, Ärger, Ohnmacht, etc.). Es gelang mir zwar, die Situation „professionell“ zu entschärfen und die Teilnehmerinnen wieder auf den Pfad der Übung zu bringen, dennoch hinterließ diese Szene bei mir einen Nachgeschmack von „Versagen“. Bis heute bin ich unsicher, ob ich irgendeine Teilnehmerin mit der Idee der GFK erreicht habe.

Ich hatte wirklich zu kämpfen mit der Situation und sagte zu mir selbst Dinge, wie: „Mensch, du Idiot, wie konntest du es so weit kommen lassen? Wieso hast du dich nur emotional so stark verwickeln lassen? Wie unprofessionell! Was sollen die jetzt denken? Die buchen dich nie wieder...“ Ich war regelrecht von mir selbst enttäuscht und quasi im Begriff, meine ganzen GFK-Kenntnisse in Frage zu stellen, mir vorzuwerfen, dass ich einfach zu blöd bin für GFK.

Irgendwann wurde mir klar, was ich da tat: Ich war mittendrin in der Selbstanklage oder Selbstverurteilung. Da ich gerade in meinem letzten Artikel über die Funktionen im Gehirn geschrieben habe, in dem ich erläuterte, was da passiert, wenn in uns heftige Emotionen ausgelöst werden und wir uns unwillkürlich verhalten, hielt ich inne und versuchte, mir diesen Prozess mit Blick auf die oben beschriebene Situation zu vergegenwärtigen.

Ja, die moralischen Urteile die die Dame verteilt hatte, trafen mich persönlich, lösten Gefühle von Ohnmacht und Angst in mir aus. Das unwillkürliche Muster in meinem Gehirn hat auf diese Anschuldigungen reagiert: Ich habe Schmerz gespürt im Angesicht der ganzen Wut. Aha, da war sie wieder, die Wut, die die Dame zum Ausdruck brachte.

Hier fand ich wieder einen Beweis dafür, dass diese unwillkürlichen Muster im Gehirn, in diesem Fall meine Reaktion auf die Wut eines anderen (wie hier beschrieben), nicht so einfach gelöscht und auch nicht unterdrückt werden können.

Bin ich diese unwillkürlichen Reaktionen dann für immer ausgeliefert?

Kann ich gar nichts tun, um meine Reaktionen zu ändern? Wird die von mir erlebte Wut eines anderen Menschen mich immer wieder aushebeln und lähmen oder selbst in die Wut bringen?

Nein, dachte ich mir, so kann ich das nicht stehen lassen und wälzte nochmal die entsprechende Fachliteratur, reflektierte mit einer Freundin darüber und kam zu folgendem Schluss:

Ich habe natürlich eine Wahl!

Ich kann, anstatt mich anzuklagen, mich liebevoll annehmen mit all dem, was da in mir im Angesicht solch heftiger Reaktionen lebendig ist!

Ich machte mir also klar, dass meine Impulse so intensiv sind, weil ich noch nicht genügend für mich in der Situation sorgen konnte. Ich brauche Schutz und Sicherheit, wenn jemand wütend ist. Wutausbrüche bei anderen Menschen versetzen mich in die kleine Mareike zurück, die der Wut ihrer Eltern schutzlos ausgeliefert ist. Jetzt bin ich jedoch erwachsen und kann mir Hilfe holen, wenn wirklich etwas bedrohlich ist. Mir ist bewusst, dass ich heute in Sicherheit bin.

Im Angesicht dieser offenen Auseinandersetzung mit mir selbst konnte ich mir wieder mit Selbstliebe und Selbstannahme begegnen. Ich habe mich daran erinnert, dass ich genau das Richtige tue, wenn ich GFK vermittle. Die GFK ist nämlich nicht nur eine Technik, sondern und vor allem auch ein Selbstentwicklungsprozess, der mich immer noch hin und wieder kalt erwischen kann, wenn ich plötzlich Auslösern begegne, die mein limbisches System anspringen lassen und mich entsprechend unwillkürlich reagieren lassen.

Eine wirkliche Stärke der GFK ist für mich, dass ich durch sie den Unterschied zwischen einem Auslöser und einer Ursache kenne.

Die wütende Dame hat bei mir ungewollt den Auslöser gedrückt, war aber nicht die Ursache meiner intensiven Gefühle. Diese gehen auf meine Kindheitserfahrungen zurück. Ich bin froh und dankbar, dass ich diesen Zusammenhang kenne und mich aufgrund dessen relativ schnell wieder „fangen“ kann. Ja, und ich bin dankbar, dass ich mir selbst dadurch relativ schnell auf die Schliche komme.

Um diesen Prozess zu unterstützen, konzentriere ich mich auf die Situationen, in denen ich die Wut anderer Menschen nicht mehr als „Trigger“ erlebt habe. Und von denen gab es in den letzten Jahren doch schon Zahlreiche. Ich kultiviere in diesen Momenten das Gefühl der inneren Sicherheit  und konzentriere mich darauf. Damit schaffe ich einen Gegenpol an positive Erfahrungen zu den Angst behafteten Situationen und mein Kopf kann nunmehr wählen.

Heute möchte ich dich einladen, dich ebenfalls darin zu schulen, deine Selbstzweifel oder Selbstanklage in Selbstwertschätzung und Selbstliebe zu transformieren! Du und ich und wir alle sind in Ordnung so wie wir sind und weder zu blöd noch zu unfähig für irgendetwas! Ich lade dich ein, dich darin zu schulen, deine Gefühle wahr- und anzunehmen. Sie sind der Weg zu deinen Bedürfnissen. Wenn wir sie klar artikulieren können, dann erhöht sich die Chance, dass sie auch erfüllt werden (vor allem von uns selbst)  enorm.

Auf bald! 

Wie immer freue ich mich, wenn du dich mitteilst, wie es dir mit diesem Artikel geht. Hinterlasse gern einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de.

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

5 thoughts on “„Ich bin zu blöd für GFK!“ – Selbstanklage in Selbstannahme verwandeln

  1. Liebe Mareike,
    es tut mir gut von dir so offen zu lesen, was du in dieser Trainingssituation erlebt hast und was das in dir auslöst. Mir tut da einfach die Offenheit und das Vertrauen gut, das ich in deinem Teilen meine zu spüren 🙂 Und ich merke auch, wie ich da eine Resonanz spüre, weil ich auch immer wieder an Situationen komme, mit denen ich unzufrieden bin, und wenn ich mich hinterher nochmal damit auseinandersetze und den Schritt mache, mich selber damit anzunehmen, eine richtige Erleichterung erlebe. Und dann macht es mich noch froh, wenn du so offen über deine GFK Erlebnisse schreibst, dass das einfach eine riesige Inspiration für Menschen sein kann, die mit GFK noch nicht (viel) Kontakt hatten.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

    1. Liebe Sabrina,
      auch dir vielen Dank für deine Gedanken und Emotionen. Es freut mich ungemein, wenn ich mit meinen Reflexionen andere Menschen erreichen kann und eben genau das transportieren kann, dass der Weg der GFK eben ein Prozess ist, selbst dann, wenn man sie gerade unterrichtet (oder besonders dann?). Ja, genau das ist auch eines meiner Motive, andere zu erreichen, Mut zu machen und zu zeigen, dass Rosenberg es ernst gemeint hat, als er sagte „Die ersten 30 Jahre im GFK-Prozess sind die schwersten.“. Es gibt bei mir Phasen, da flutscht es und ich feiere jede im GFK-Sinne gelöste Situation und dann gibt es eben solche Momente, wie im Artikel beschrieben. Auch die sollten einfach offener thematisiert werden, weil sie auch mit mir als Trainerin etwas machen. Ich wünsche uns allen, die wir uns auf diesen Weg gemacht haben noch viele Momente an denen wir wachsen können!
      Alles Liebe
      Mareike

  2. Hallo Mareike!

    Bei aller Wertschätzung für die Ziele, welche die gewaltfreie Komunikation erreichen möchte, deine Situation, welche du im Artikel beschreibst, zeigt recht schön auf, wo die Grenzen dieses Systems liegen.

    Letztendlich ist der Ansatz der GFK ein angelerntes System, mit dem man Verhaltensweisen vortäuscht, welche in Wahrheit nicht der eigenen inneren Entwicklung entsprechen, dadurch kann es auch leicht passieren, dass man ins Wanken gerät, wenn man sich außerhalb der vorgeprobten Situationen befindet.

    Natürlich mag es auch sein, dass man darüber einige Erfahrungen macht, doch letztendlich spannt man damit dennoch den Karren vor die Pferde.

    Die Sache ist, dass der eigentliche innere Bewusstwerdungsprozess, zu natürlicher, intuitiver gewaltfreier Komunikation führt, welche keine gedanklichen Konzepte benötigt, sondern aus sich heraus funktioniert.

    Generell kann ich dir hierzu empfehlen, deine Selbsterfahrung über Yoga und Meditation zu vertiefen, dadurch findest du nach und nach immer mehr Zugang zu deiner natürlichen GFK, wodurch es dir auch möglich sein kann, gewisse GFK-Regeln klarer zu erfassen, beziehungsweise sogar effektivere Möglichkeiten zu entdecken, als dir das angelernte System bieten kann.

    Alles Liebe
    Dominik (www.BewussteWelt.de – Wissen und Inspiration für deinen Weg!)

    1. Lieber Dominik,
      ich muss dir leider widersprechen, was deine Aussage betrifft, dass es sich bei der GFK um ein System handelt, bei dem man „Verhaltensweisen vortäuscht“. Ich stimme dir zu, dass die GFK, wenn man beginnt sich damit auseinander zu setzen und sie „oberflächlich“ betrachtet, recht technisch und aufgesetzt anmutet. Allerdings steht dahinter eine Grundhaltung und eine Philosophie, die, wie du ganz recht bemerkst, durch Meditation und Yoga unterstützt werden kann. Ich selbst befinde mich auf diesem Pfad seit einigen Jahren und es ist letztendlich das Zusammenspiel aus GFK, Yoga, Meditations- und Achtsamkeitspraxis, was meine Selbstentwicklung enorm befördert. Dennoch bin ich ein Mensch mit einer Prägung und einem Sozialisationshintergrund, der wie bei allen von uns so tief sitzt, sodass er sich einfach hin und wieder, trotz aller Achtsamkeit und GFK-Grundhaltung zeigt und mich daran erinnert, dass da noch einiges an destruktiven Mustern in mir vorhanden ist. Es ist u.a. ein Teil meiner Entwicklungsarbeit meine Erlebnisse in meinen Artikeln aufzugreifen und diese zu reflektieren. Dadurch übe ich mich u.a. in liebevoller Annahme meiner gesamten Persönlichkeit, was letzendlich ja der Kern der ganzen Ansätze ist: Bedingungslose Selbstliebe.
      Alles Liebe
      Mareike

  3. Liebe Mareike,
    herzlichen DANK für diesen wunderbaren Artikel.
    Ja ich habe mich an ähnliche Situationen erinnert, da ging es mir auch so, dass ich zweifelte und überlegte, was ist gerade bei mir los. Und es ist so hilfreich dann den Auslöser und die Ursache genau anzuschauen. Herrlich!!!
    Herzliche Grüße
    Stephanie

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