Mein inneres Kind und die Trigger-Transformation

Bei mir ist neulich ein Knoten geplatzt. Dieser Prozess war von solcher Kraft, dass ich seither vor Energie strotze. Die Jahreszeit und die niedrigen Temperaturen halten schon ein bisschen dagegen, aber so insgesamt ist das für mich gefühlt bislang der sonnigste November, an den ich mich erinnere.

Was ist also geschehen?

Die ein oder andere unter euch hat ja vielleicht diesen Artikel gelesen, in dem ich die Auslöser meiner Wutausbrüche gegenüber meinem Kind beleuchtet habe und den auf der Ebene meines Gehirns vorherrschenden Zusammenhang mit den Ursachen dafür nachgegangen bin. Mit genau dieser Thematik habe ich mich in den letzten Wochen gefühlt ununterbrochen beschäftigt, habe reflektiert, genau hin geschaut, wie ich wann und in welchem Ausmaß reagiere. Ich war regelrecht auf einer Jagd nach emotionalen Ursachen.

An der Stelle möchte ich betonen, dass die bewusste Unterscheidung zwischen Auslöser (das Verhalten meines Kindes, das mich an Erlebnisse in meiner Kindheit erinnert und entsprechend reagieren lässt) und der Ursache (die eigentlichen Erfahrungen in meiner Kindheit) ein existentieller Schritt in Richtung Heilung ist.

Dieses Bewusstsein in meinem Hinterkopf lässt mich aufmerksam werden, sobald ich in mir Gefühle wie Ärger - als Vorbotin der Wut - wahrnehme. Was ich in den letzten Wochen immer wieder praktiziert habe, war die Wahrnehmung der ganzen Gefühlsbandbreite in den Situationen, in denen es nach emotionaler Eskalation meinerseits roch. Ich ließ diese Gefühle zu. Aber anstatt sie zu entladen, versuchte ich in die Erinnerungen einzusteigen, die an diese Gefühle gekoppelt waren.

Dabei bin ich mir immer wieder als kleines Mädchen begegnet, das diesen intensiven Gefühlen wie Angst und Schmerz ausgesetzt war. Eine Schlüsselerkenntnis war z.B. folgende Szene aus meiner Kindheit:

Mein Vater lief wutschnaubend hinter mir her. Ich hatte angeblich irgendeinen ihm wichtigen Gegenstand verschlampt. Er wollte mir eine Ohrfeige (oder Schlimmeres) geben. Meine Angst war riesig und ich rannte gefühlt um mein Leben. Ich lief aus dem Haus und auf unseren Hof. Dort bewegte sich unsere damalige Hündin frei und sie tat etwas, was mich bis heute in Erstaunen versetzt: Sie warf mich um, stellte sich über mich und knurrte meinen Vater, der inzwischen auch den Hof betreten hatte, so lange an, bis er unverrichteter Dinge wieder im Haus verschwand.

Das Paradox dieser Szene verblüfft mich bis heute: Dieses Tier bot mir den Schutz, den ich eigentlich von meinen Eltern hätte erwarten sollen. Normalerweise rennen kleine Kinder vor gefährlichen Tieren (es war eine Rottweilerhündin - die werden heutzutage als gefährlich eingestuft) davon und in die Arme ihrer Eltern – nicht umgekehrt.

Indem ich mich an diese Szene erinnerte, gab ich mir viel Empathie und Einfühlung. Ich tauchte noch einmal ein in die Angst und gestand mir meine Schutzbedürftigkeit und mein Bedürfnis zu, diesen Schutz von meinen Eltern zu erfahren. Da kamen dann noch andere Bedürfnisse hoch, die damals weder gesehen, noch erfüllt wurden: Vertrauen zum Beispiel. Ich flog damals viel unter dem Wahrnehmungsradar meines Vaters, weil ich mich ihm gegenüber weder sicher gefühlt habe noch ihm vertrauen konnte. Er war für mich mit seinen emotionalen Ausbrüchen unberechenbar.

Ein weiterer Schritt in diesem Heilungsprozess war für mich zudem die bewusste Auseinandersetzung mit den guten Gründen meines Vaters, sich so zu verhalten. Die Erzählungen meines Vaters und jüngst die meines Onkels aus ihren Kindheitserlebnissen haben viel dazu beigetragen, dass ich heute besser verstehe, was in ihm vorging.

Ich kann für meinen Vater heute sehr viel mehr Mitgefühl aufbringen als früher. Auch er hat in seiner Kindheit viele schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Er wurde z.B. als ganz kleiner Junge von seiner Mutter in die Obhut meiner Urgroßeltern gegeben. Danach bekam meine Großmutter nochmal 3 Kinder, die sie alle behielt. Allein dieser Umstand muss für meinen Vater sehr schmerzhaft gewesen sein. Wie viel gefühlte Ablehnung in einer solchen Geste steckt, mag ich gar nicht erahnen. Ich kann auch mit Blick auf gesellschaftliche Normen und Werte der damaligen Zeit nachvollziehen, dass es für einen Mann einfach unmöglich erschien, die eigenen Kindheitserlebnisse und den damit einhergehenden emotionalen Schmerz zu thematisieren. Mein Vater ist in einem Umfeld aufgewachsen, in dem „Mann“ für den Ausdruck seiner Gefühle verspottet wurde. Dieser Spott hallt bis in meine eigene Generation nach, denn auch ich erfuhr zahllose Abwertungen, wenn ich zu „zimperlich, weich, gefühlsduselig oder mädchenhaft“ war.

Heute sehe ich diese prägenden Kindheitserfahrungen im Lichte meiner eigenen unerfüllten Bedürfnisse und kann dies auch auf die Geschichte meines Vaters anwenden. Ich gestalte derzeit einen bewussten und fortlaufenden Prozess des Wahrnehmens meiner eigenen Gefühle in den speziellen Kindheitsszenen von damals, indem ich mir immer wieder und für jede einzelne Erinnerung Empathie gebe. In Summe lässt dieses Vorgehen die alten Wunden langsam heilen und setzt gleichzeitig Energie in mir frei. Und da ich dieses Prozedere in letzter Zeit so intensiv, quasi mit Vorsatz praktiziert habe, bin ich dahingehend einen echten Schritt weiter gekommen.

Die Auswirkungen in der Beziehung zu meinem Sohn sind deutlich spürbar. Ich empfinde gerade viel Gelassenheit und erlebe auch wesentlich weniger Gegenwehr und Trotz seitens meines Sohnes. Es ist also eine Phase, in der ich viel Leichtigkeit erlebe. Dafür bin ich unendlich dankbar und freue mich, dass es sich so sehr gelohnt hat, diesen Weg zu gehen.

Bei mir ist aus dieser jüngsten Transformation auch viel neuer Lebensmut entstanden, den ich gerne mit Euch teilen möchte. Deshalb habe ich mich entschieden, anderen Eltern, die mit den Wutausbrüchen ihrer Kinder zu kämpfen haben, die selbst Ohnmacht, Überforderung oder Wut verspüren im Angesicht der Wutausbrüche ihres Kindes, dabei zu helfen, mehr Gelassenheit in solchen Situationen zu entwickeln.

Meine Impulswoche „Aus Wut wird Mut“ (Update: Link ist nicht mehr aktiv) vom 5. bis 9. Dezember  2016 ist eine gute Möglichkeit, um sich die eigenen Ursachen und Auslöser genauer anzusehen. Die Teilnahme ist kostenlos.

Außerdem bin ich gespannt, wie es Euch mit diesem Artikel erging und freue mich wie immer über Kommentare und Mails: mareike@liebevollefamilie.de.

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

11 thoughts on “Mein inneres Kind und die Trigger-Transformation

  1. Liebe Mareike,
    was für ein berührender Artikel, mit so viel Vergebung und Verständnis für das Kind und den Vater.
    Großartig, wie Du das so ehrlich und verstehbar mit uns teilst.
    Ganz herzliche Grüße!
    Elke

    1. Liebe Elke,
      ach dein Feedback geht runter wie Öl. Zugegeben, es kostet mich auch immer wieder Überwindung so offen mit meinen eigenen Wunden umzugehen und ich frage mich immer wieder „Sind solche Informationen nicht ein bisschen zu privat?“. Allerdings komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass wenn ich die Menschen erreichen und etwas anstoßen möchte, ich auch ehrlich sein muss. Das macht wirklich nicht immer Spaß, aber mein Lohn ist die Berührung und die Verbindung mit anderen Menschen denen es ähnlich erging wie mir.
      Alles Liebe
      Mareike

  2. Liebe Mareike, deine Geschichte hat mich sehr berührt. Ja, es ist wirklich wichtig, mit der eigenen Geschichte in Kontakt zu gehen, damit sie nicht die Verbindung zu den Kindern blockiert. Bei mir ist sehr viel durch den Tod meines Vaters vor über 10 Jahren aufgebrochen, was gleichzeitig einen Heilungsprozess ausgelöst hat. LG Dagmar

    1. Liebe Dagmar,
      ja, diesen Heilungsprozess hat der Tod meines Vaters auch los getreten. Ich kann seither gar nicht anders, als mich dem ganzen zu stellen. Dabei hilft mir meine GFK-Ausbildung wirklich sehr. Ich wüsste nicht, wo ich stünde, hätte ich nicht schon so viel Klarheit über mein inneres.
      Alles Liebe
      Mareike

  3. Hallo Mareike,
    wir tragen alle die bösen Erfahrungen unserer Eltern, Großeltern usw. mit uns herum, und geben sie mehr oder weniger unbewußt an unsere Kinder weiter, es sei denn wir werden irgendwann wach und erkennen welches Unrecht und Leid da seit Generationen unterwegs ist. Denke das die meisten Menschen auf einem guten Weg sind, was natürlich auch an der super schnellen Übermittlung von Informationen in der heutigen Zeit liegt. Hier ist jeder Mensch gefragt ünermüdlich an sich zu arbeiten um negative Verhaltenweisen umzuwandeln.
    Ganz liebe Grüße

  4. Ein ganz toller Artikel für mich! Trifft mich momentan mitten ins Herz. Ich höre von meiner Tochter (5) im Moment oft „Jetzt hab ich mich aber erschrocken. Ich dachte du schimpfst jetzt weil deine Stimme so laut war.“ Und ich kann ihr ihren Schreck und ihre Unsicherheit in dem Augenblick auch richtig ansehen. Das macht mich gerade so traurig. Und ich sehe die Parallelen zu meinem inneren Kind und meinen Erfahrungen. Ich scheine für mein Kind gerade unberechenbar zu sein. Und sie hat Recht damit.
    Vielen Dank für das Teilen deiner Erfahrungen, die mir gerade sehr weiterhelfen.

    1. Liebe Mia,
      vielen Dank für die Verbindung und die Rückmeldung. Ich freue mich, wenn ich dich erreicht habe und dir damit ein bisschen helfen konnte!
      Alles Liebe
      Mareike

  5. Liebe Mareike,

    eine Weile schon lese ich still mit und bin sehr froh, dass ich auf Deinen Blog gestoßen bin. Deine Artikel finde ich sehr gut verständlich geschrieben und ich bin sehr dankbar, dass Du mit viel Sorgfalt schreibst und Dein Wissen und Deine Erfahrung so teilst. Vor allem von Deiner GfK-Reihe war ich total begeistert und ich habe mir vorgenommen, sie regelmäßig zu lesen um mich zu erinnern. Ich hab noch viel Arbeit an mir vor mir 🙂
    Ganz ganz herzlichen Dank für Dein tolles Angebot mit der Impulswoche!!! Ich melde mich gleich an.

    Und…wunderbar, dass Du gerade so einen Energieschub erlebst!

    Lieben Gruß
    Frau E.

    1. Liebe Frau E.,
      vielen Dank für dein Feedback. Ich bin froh, dass ich so viele Menschen erreiche. Das nährt in mir so viel. Ich erlebe Verbindung und Leichtigkeit durch die Rückmeldungen, dass es anderen Menschen ähnlich ergeht. Die Impulswoche ist jetzt ein weiterer Schritt hin zu mehr Verbindung, den ich gleichzeitig mit viel Herzklopfen gehe, weil ich hier so eine Art Mini-Coaching anbiete, von dem ich nicht weiß, was es mit anderen Menschen machen wird und ob es die gewünschten Effekte erzielt. Danke für deinen Mut, dich darauf einzulassen!
      Alles Liebe
      Mareike

  6. Genau, manchmal muss man sich einfach (wenn, das doch immer nur so einfach wäre) von eigenen Gedanken, Erfahrungen und Erlebnissen und damit auch Glaubenssätzen frei machen. Interessanter Artikel!
    Gut fand ich den Einstieg, der auch mir einiges klar machte: „….bei mir der Knoten geplatzt….“

    1. Lieber Jörg,
      vielen Dank für dein Feedback! Ich stimme dir zu, dass es leider nicht immer so einfach ist – wobei auch bei mir der Prozess nicht einfach passiert ist, sondern ich mich dem ganzen aktiv stellen musste. Das braucht ein bisschen Übung… Ich freue mich, wenn ich dir damit ebenfalls „Aha-Effekte“ ermöglichen konnte.
      Alles Liebe
      Mareike

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