„Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie deine Bedürfnisse!“ – Mein Schlüssel zu einem liebevolleren Familienleben

Ich bin alleinerziehende, selbstständig berufstätige Mutter. Ich möchte für meinen Sohn das Beste. Dazu gehört für mich vor allem, dass er in Geborgenheit und Liebe aufwächst, frei von Angst und in dem Bewusstsein, dass er so, wie er ist, genau richtig ist und einfach so sein darf. Dies wirklich zu leben, erfordert von mir, dass ich den Fokus auf unsere Bedürfnisse setze. Dass ich aufmerksam bin, worum es ihm geht, wenn er Dinge tut, die mir nicht gefallen, und worum es mir geht, wenn ich von ihm Dinge verlange, die ihm nicht gefallen.

Wie geht das, wenn der Alltag zuschlägt? Wie funktioniert es, in der obigen Haltung zu bleiben, wenn es richtig stressig ist? Wenn es zwischen dem Erwirtschaften des Lebensunterhaltes, dem anstehenden Projekt in der Kita, dem Einkauf, Haushalt usw. gefühlt kaum einen Zeitslot zum Durchatmen gibt?

Es funktioniert nicht!

Ja, genau richtig gelesen!

Es funktioniert nicht!

Es ist ein Irrtum, wenn du glaubst, du kannst alles, was ich oben aufgezählt habe in einer liebevollen Haltung bewältigen, wenn du dir nicht die Zeit nimmst, dich auf deine ureigenen Bedürfnisse einzustellen. Diese müssen ebenfalls erfüllt werden –und das mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie du es für dein/e Kind/er und deine/n Partner/in tust.

Ignorierst du deine Bedürfnisse, dann geht das eine Weile gut. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem du entweder zusammenbrichst oder explodierst. In welchem Ausmaß das geschieht, hängt davon ab, wie lange du deine Bedürfnisse ignoriert und/ oder mit Füßen getreten hast.

Ich gehöre zu den Menschen, die schnell wütend werden, wenn ihre Bedürfnisse hungern. Bei mir ist die Länge meiner Zündschnur z.B. davon abhängig, wie ausgeruht und wie genährt ich bin. Habe ich meine sieben bis acht Stunden Schlaf bekommen, war am Tag zuvor beim Yoga und habe den Eindruck, dass der anstehende Tag gut zu bewältigen ist, weil ich mir nicht zu viel vorgenommen habe, dann bin ich absolut in der Lage meine Gefühle und Gedanken gut wahrzunehmen, mich im Laufe des Tages zu reflektieren und entsprechend liebevoll mit meinem Kind und meinen Mitmenschen umzugehen.

Das alles fällt mir viel schwerer, wenn ich müde bin, mich von meiner To-Do-Liste überfordert fühle und trotzdem den Anspruch habe, alles perfekt zu machen. Dann kommt unweigerlich irgendwann der Moment, in dem ich laut werde, wenn mein Kind vor dem Abendessen laut krakelend durch die Küche hüpft, damit seine Lebensfreude zum Ausdruck bringt und natürlich keine Lust hat, sich zurückzunehmen, weil mir gerade vor Schmerz der Kopf platzt.

Es braucht also eine liebevollen, auf die eigenen Bedürfnisse eingehenden Umgang mit sich selbst, um in einer liebevollen Haltung den anderen gegenüber sein zu können.

Vielleicht bekommst du bei dem Gedanken, dich an die erste Stelle zu setzen jetzt gerade Herzklopfen. Vielleicht fragst du dich folgendes:

Was mache ich dann mit diesen Stimmen im Kopf, die mir etwas ganz anderes erzählen?

Du nimmst dir vielleicht vor, mehr auf deine Bedürfnisse zu hören, überlegst dir sogar, was dir gut tun würde und dann springen Stimmen in deinem Kopf an, die solche Sachen sagen wie:

„Aber ich habe keine Zeit, zweimal die Woche zum Yoga zu gehen. Ich schaffe es kaum einmal.“

„Wie soll ich denn Zeit für mich finden, wenn xyz noch zu erledigen ist?“

„Ich kann nicht ruhig eine Tasse Tee trinken, wenn die Spülmaschine noch ausgeräumt werden muss.“

„Wann soll ich denn ein Wellnesswochenende planen? Ich weiß weder wann noch wer auf mein/e Kind/er aufpassen soll. Meinen Partner kann ich damit nicht allein lassen…“

Solche Gedanken kommen. Unweigerlich. Damit gehen dann auch Gefühle einher, wie z.B. ein schlechtes Gewissen, Ängste usw.

Das kenne ich alles selbst nur zu gut. Das sind unsere inneren Wächter, die sozusagen darauf aufpassen, dass wir unseren gewohnten Bereich, unsere Komfortzone nicht verlassen.

Ich persönlich lerne immer mehr, sie zur Seite zu schieben. Es hilft zum einen, dass ich mir bewusst mache, wie wichtig es ist, dass ich gut für mich sorge. Und je öfter ich das tue, umso entspannter werde ich, weil ja faktisch nichts(!) passiert, wenn der Stapel Bügelwäsche liegen bleibt und ich stattdessen mit meinem Sohn eine Folge seiner Lieblingsserie anschaue. Bisher ist zumindest noch nie die Wäschepolizei gekommen und hat mir einen Strafzettel gegeben, weil der Wäscheberg übergroß war oder weil ich die Sachen dann doch ungebügelt zusammengefaltet habe.

Aber Spaß beiseite.

Zum ersten Mal begriff ich den Zusammenhang zwischen dem Füllstand meiner Bedürfnisse und meinem inneren Frieden um das erste Lebensjahr meines Kindes herum. Ich war echt ausgepowert, weil ich im Sinne der Ideen von Attachment Parenting und der Bindungstheorie alles gegeben habe, um die Bedürfnisse meines Babys prompt und umfassend zu befriedigen. Ich hatte viele Tage erlebt, an denen ich kaum zum Essen kam (als Stillende!!!), geschweige denn zum Duschen oder Zähne putzen. Mein Kind beanspruchte mich in seinen Entwicklungsprozessen immer wieder stark. Ich war damals gefangen in einer dauerhaft schlechten Laune. Mein Mann bekam damals regelmäßig die Salven meiner Erschöpfung und der damit einhergehenden Wut ab. Ich wusste damals schon, dass ich so eigentlich nicht agieren wollte, aber ich konnte nicht anders. Ich war total fertig.

Erst als ich begriff, dass es sehr wichtig ist, dass ich mal wieder etwas für mich tue und dies dann auch tat, fühlte ich mich besser. Ich lernte, mich mit meinen Bedürfnissen zunehmend ernster zu nehmen. Dazu ist vielleicht wichtig zu wissen, dass ich vor der Geburt meines Kindes wirklich ein hohes Niveau an Ordnung gelebt habe und auch immer noch gerne eine aufgeräumte Umgebung habe. Ich fühle mich so einfach wesentlich wohler. Ja, Ordnung ist mir ein Bedürfnis. Trotzdem habe ich gelernt, meiner Energie zuliebe, die Dinge auch mal liegen zu lassen, mich zu entspannen, obwohl noch gefühlt tausend Dinge im Haushalt zu erledigen sind. UND ich habe in Phasen, in denen ich den Zustand meiner Wohnung nicht ertragen konnte, eine Putzfrau engagiert. Das hat geholfen, weil beide Bedürfnisse, Erholung und Ordnung, bedient wurden.

Von diesen ersten Schritten bin ich heute zu einer regelrecht durchdachten Strategie gekommen, wie ich meinen Bedürfnissen gerecht werde.

Ich plane in meinem Arbeitsalltag Termine ein, die nur für mich sind. Ich gehe (mindestens) einmal die Woche zum Yoga, gehe regelmäßig klettern und laufen UND verabrede mich hin und wieder zum Mittagessen/Kaffeetrinken. UND täglich nehme ich mir Zeit zum Durchatmen, Meditieren und Spazierengehen. Diese Termine nehme ich als selbständige und alleinerziehende Mama eines Vierjährigen sehr ernst und wichtig. Ich räume ihnen mitunter auch dann Zeit ein, wenn ich eigentlich soooo viel Anderes, gefühlt Wichtigeres zu tun hätte.

Erst in den letzten Wochen ist mir wieder einmal richtig klar geworden, dass meine Bedürfnisse einen hohen Stellenwert haben MÜSSEN. Dass meine Teilnahme beim Yoga genauso wichtig ist wie der Kundentermin oder das Schreiben eines Artikels, die Vorbereitung auf ein Seminar usw.

Ich erlaube es mir, mich gut um mich zu kümmern. Nur so kann ich eine wirklich liebevolle Mama sein, wenn ich mich selbst liebevoll behandle und vor allem meine Energiereserven immer wieder auftanke.

Außerdem macht das Leben so viel mehr Spaß. Ich habe nicht mehr das Gefühl, ein den Alltag hinter sich bringender Roboter zu sein!

Nachdem mein Mann starb, musste ich das alles gefühlt nochmal neu lernen und einordnen, weil dann natürlich die alten Tonbänder im Kopf wieder ansprangen.

„Jetzt, wo du allein die Verantwortung trägst, kannst du nicht einfach xyz tun.“

„Du hast jetzt keine Zeit mehr für Yoga oder Klettern.“

Blablabla

Ich muss zugeben, dass ich eine Weile darauf gehört habe. Ich habe viele Aktivitäten nicht so verfolgt, weil ich „Wichtigeres zu tun hatte“. Überhaupt hatte mich der Ernst des Lebens voll erwischt. Ich war wieder in meinem alten Gedankenmuster „Das Leben ist Kampf“ gefangen.

Zum Glück wurde mir meine mürrische Haltung um die Jahreswende bewusst. Inzwischen kannte ich das Muster ja schon. Ich habe mich seither wieder herausgearbeitet, indem ich wieder mehr Dinge tat, die mir Wohlbefinden und Freude verschafften. Das Wichtigste war dabei, dass ich es mir erlaubt habe! Dass ich irgendwann an dem Punkt kam, an dem ich einsah, dass weder mein Sohn noch ich selbst etwas davon haben, wenn ich mit dem Schicksal hadere und mir Freude und Spaß verweigere.

Die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie auch zu befriedigen, klingt zunächst einfach und das ist es grundlegend auch. Aber wir haben häufig u.a. durch Erziehung gelernt, uns „nicht so wichtig zu nehmen“ oder uns „nicht so in den Vordergrund zu stellen“. Bescheidenheit ist nach wie vor eine Zier und dabei der größte Blödsinn, den wir uns und unseren Lieben antun können.

Dies wird mir persönlich auch immer deutlich, wenn es darum geht, Bitten abzuschlagen, jemand anderem ein „Nein!“ zu sagen. Das ist für mich immer wieder noch schwer. Dabei ist auch dies ein wichtiger Bestandteil, des „gut für sich sorgen“.

Marshall Rosenberg hat dazu gesagt, dass wir einen Preis bezahlen, wenn wir die Bitten anderer erfüllen und dadurch „Nein“ zu uns selbst sagen. Jedes „Ja“ das keins ist, hat den Preis von Trauer und wir schreiben es häufig dem anderen zu Buche und erwarten dann häufig unterbewusst, dass er/sie im Gegenzug auch etwas für uns tut. Das geht häufig mit Enttäuschungen und Konflikten einher, weil wir gar nicht erwarten können, dass der andere genauso handeln würde.

Mein Impuls für dich heute ist also, dass du dir überlegst, in welchen Situationen du deine Bedürfnisse ignorierst und wie du sie vielleicht doch wahrnehmen und erfüllen kannst. Und wenn es nur durch ein „Nein“ ist.

Wenn du da Widerstände spürst, schau, welche Gedanken du dazu hast, und mach dir bewusst, dass du nur dann liebevoll, gelassen und einfach schön mit deinen Lieben zusammenleben kannst, wenn du nach dem Motto lebst: „Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig, wie deine Bedürfnisse.“

Häng es dir als Erinnerung an den Kühlschrank, den Badezimmerspiegel und verteile es am besten in der ganzen Wohnung, um dich daran zu erinnern. Dann überlege dir, wie du jeden Tag mehr und mehr auch deine Bedürfnisse befriedigen kannst.

Falls du dir das jetzt nicht vorstellen kannst, wie es funktionieren soll, deine Bedürfnisse auch noch in den Familienalltag zu integrieren, dann habe ich kommenden Dienstag in meinem Webinar mit Sicherheit noch mehr Ideen für dich.

Update: Ich wiederhole das Webinar zum Thema „Liebevoller und friedvoller im Familienalltag dank Gewaltfreie Kommunikation“ am 25.05.2018 um 20 Uhr. Die Nachfrage war so groß und es hat riesig Spaß gemacht.

So, nun bleibt mir nur noch, dir zu wünschen, dass du dich inspiriert fühlst, deinen Alltag auch dir selbst gegenüber liebevoller zu gestalten.

Alles Liebe,

Mareike

 

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

3 thoughts on “„Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie deine Bedürfnisse!“ – Mein Schlüssel zu einem liebevolleren Familienleben

  1. Liebe Mareike, bin erst kürzlich auf deinen Blog gestoßen und finde ihn großartig! Deine Artikel helfen mir wirklich sehr, mich nicht wie ein kompletter Versager zu fühlen, wenn es mal wieder nicht geklappt hat mit der Umsetzung der GFK, sondern nach Ursachen zu forschen und Strategien zu entwickeln um es langfristig besser zu machen. Die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen zu lassen, ist der Schlüssel zu vielem, wenn ich nur wüsste, woher die Zeit oder Betreuung nehmen… aber wo ein Wille, da ein Weg. Danke für deine Inspiration und Denkanstöße!!! Liebe Grüße Claudia

    1. Liebe Claudia,

      vielen Dank für dein Feedback und dass du auf dem Weg bist. Ich freue mich, wenn mein Blog solch einen Beitrag für dich leistet. Ich wünsche dir viel Freude beim Stöbern und inspirieren lassen.
      Alles Liebe für dich und deine Familie!
      Mareike

  2. Liebe Mareike,
    danke für deinen tollen Artikel. Ganz besonders finde ich mich in der „Wäsche-Passage“ wieder: … Bügelpolizei war noch nicht da … HERRLICH! ;-)
    Ja, auch ich ignoriere lieber den Wäscheberg oder den Budenschwung und tu MIR etwas gutes. Und ja, auch ich empfinde es so, wenn es mir gut geht und ich gut durch den Tag komme, kann ich auch liebevoller mit meinem Sohn (8) umgehen. Das ist ein täglicher Lernprozess, den ich immer wieder aufrufen muss, wenn ich wieder mal lieber „aufbrausen“ möchte. Ich arbeite weiter daran …
    Ich wünsche Dir ein entspanntes Pfingstfest.

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