Ich weiß, dass ich einige treue Leserinnen und Leser habe und dass sich der eine oder die andere vielleicht schon gewundert hat, warum es so still auf meinem Blog geworden ist. Nach langem Überlegen und Reflektieren habe ich mich entschieden, diesen sehr persönlichen Artikel zu schreiben und mich mit meinem Schicksalsschlag und der daraus für mich resultierenden Krise zu zeigen.

Dass es Ereignisse im Leben gibt, die uns von jetzt auf gleich in eine tiefe Krise stürzen können, davon hatte ich bis zu jenem Tag im September letzten Jahres immer nur gehört oder gelesen.

Ich saß in meinem Büro, als mich an diesem Vormittag der Anruf einer Kripo-Beamtin erreichte. Sie sagte, sie müsse dringend mit mir sprechen. Ich war verwirrt und spürte einen enormen Widerstand, jetzt sofort meine Arbeit stehen und liegen zu lassen. Ich verstand nicht, was sooo wichtig sein könnte.

Kurz: Ich hatte keine Ahnung, was geschehen war. Und dann war er da, der Moment, in dem mir die gleiche Beamtin persönlich die Nachricht vom mutmaßlichen Freitod meines Mannes überbrachte.

Plötzlich stand alles still. Alles, was eben noch wichtig erschien, war völlig unwichtig geworden. Alle Handlungen liefen von diesem Moment an wie in Zeitlupe ab.

Ich habe in diesem Augenblick die „Stunde Null“ erlebt, der Moment, der ein ganzes Leben von Grund auf verändert. Niemals hätte ich gedacht, dass mich etwas jemals so aus der Bahn werfen würde. Ich war im totalen Schockzustand.

Für viele Tage hatte ich weder ein Zeitgefühl noch ein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis. Ich hatte Gliedmaßen, die sich wie Blei anfühlten, fror erbärmlich und frage mich heute, wie ich es geschafft habe, in diesen ersten Tagen meinen Alltag mit meinem 3-jährigen Sohn zu meistern.

Bis zu diesem Ereignis konnte ich immer gut die Nerven bewahren, wenn es krisenhafte Situationen gab. Ich hatte immer ein großes Vertrauen ins Leben, hatte ich doch eine von Gewalt geprägte Kindheit überstanden, den Tod meines Vaters gut verarbeitet und auch andere private und berufliche Rückschläge immer wieder gemeistert. Aber das?!

Wie geht man damit um, wenn man regelmäßig von intensiven Emotionen wie Ohnmacht, Trauer, Schuldgefühlen und einer enormen Angst um die psychische und emotionale Gesundheit des eigenen Kind überfallen wird?

Meine Hilflosigkeit und Ohnmacht erlebte ich als überaus beängstigend, empfand eine tiefe Trauer und war maßlos frustriert, weil es nichts gab, was ich tun konnte. Er ist tot. Unwiederbringlich.

Mit der Zeit erst dämmerte mir die erschütternde Endgültigkeit dieses Umstandes. Damit einher geht auch das Wissen, dass ich vermutlich viele Fragen, die ich immer noch habe, niemals beantwortet bekommen werde.

Was mich neben dem Schmerz um den Verlust meines Mannes am meisten in die Krise stürzte, war der Gedanke, versagt zu haben. Ich, die seit Jahren mit Gewaltfreier Kommunikation arbeitet, mich in Empathie übe und eigentlich keinen Tag ungenutzt lasse, um an meiner Entwicklung zu arbeiten. Ich, die als Expertin für die Gestaltung von Familienbeziehungen gehandelt werde, ja, genau ich hatte weder geahnt noch verhindern können, dass so etwas passiert.

Ich erlebte somit auch eine große Sinnkrise, die mich alles, wofür ich bisher gebrannt habe, in Frage stellen ließ. Was nutzen die besten Kenntnisse in Gewaltfreier Kommunikation, wenn man sowas nicht verhindern kann? Was sollten dann die ganzen Bemühungen, sich empathisch auf die Mitmenschen einzustellen, wenn man die Menschen, die man liebt weder erreicht noch irgendwie abholen kann?

Wie bin ich also dahin gekommen, heute diese Geschichte nieder schreiben zu können und sagen zu können, dass ich mein Leben so langsam wieder in den Griff bekomme?

Da ist zunächst der Umstand, dass ich enorm viel Unterstützung erfahren habe und immer noch erfahre. Ich habe ein paar sehr liebe Menschen an meiner Seite, die sich sehr intensiv um mich und meinen Sohn kümmern. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Umstand, dass ich durch diese erste Trauerphase nicht allein gehen musste und alles an Unterstützung bekam, was ich mir nur wünschen konnte. Allein hätte ich das niemals geschafft!

Ich begann auch recht zeitnah, die Ereignisse für mich zu sortieren und mich aktiv mit einer Therapeutin auszutauschen. Dank dieser professionellen Unterstützung bekam ich ein vages Bild der Situation und gewann darüber ein bisschen Hoffnung zurück. Es half mir sehr, dass sie mir regelrecht den Kopf gewaschen hat und mir meine von Schuldgefühlen beladene Perspektive wieder gerade rückte. Das war absolut notwendig, weil ich es allein nicht so schnell geschafft hätte, mich aus dem Karussell aus destruktiven Gedanken und Gefühlen heraus zu holen. Ich wusste zum Glück, dass es wichtig ist, diesen Absprung zu schaffen und zu vermeiden, mit meinen Gedanken allein zu sein und sie stattdessen zu teilen und darüber mehr und mehr die Ereignisse zu verarbeiten.

Was mir zusätzlich sehr half, war mein Achtsamkeitstraining. Es gelang mir durch die tägliche Übung in der Stille zunehmend besser, die komplexe Gefühlsmischung, die ich seither jeden Tag erlebe, auszuhalten und irgendwie meinen Alltag zu meistern. Das hätte ich nicht gepackt, wenn ich nicht in der Lage wäre, zwischen meinen Gedanken und Gefühlen zu differenzieren und den Bedürfnissen auf die beides hindeutet.

Auch wenn das grotesk klingt: Ich bin in dieser ersten Zeit, mit mir selbst enorm in Kontakt gekommen, weil ich einfach keinen Widerstand bzw. keine Kraft für Widerstand hatte. Ich musste jeden Gedanken denken – konnte ihn aber wieder loslassen. Ich musste jedes Gefühl fühlen und konnte auch dies immer wieder loslassen. Ich erlebe seither eine unglaubliche Bandbreite an Gefühlen, die ich vorher nicht wahrnehmen konnte. Als hätte dieses krasse Ereignis, das Tor zu meiner Gefühlswelt weit aufgestoßen.

Nachdem ich die wichtigsten Dinge um den Nachlass geregelt hatte, nahm ich meinen Sohn und fuhr mit ihm in den Urlaub, um mich ausschließlich um ihn zu kümmern und ihm seine Verlustangst etwas zu nehmen, indem ich die Bindung zwischen uns stärkte. Ich wollte ihm die Sicherheit geben, dass ich da bin und immer da sein werde, so lange er mich braucht.

Nach Wochen des Schmerzes und der Anstrengung erlebte ich diese Zeit als heilsam, weil sie mir sehr dabei half, wieder den Blick auf das Schöne im Leben zu richten. Ich genoss die Sonne, die Ausflüge mit dem Boot und meinen Sohn wieder erblühen zu sehen. Oft dachte ich: „Oh Gott, das Leben ist so schön und mein Mann hat es einfach weggeworfen. Er wird nicht mehr miterleben, wie unser Sohn heranwächst und sich am Leben erfreut.“

Ich hatte in diesem Urlaub auch zwei Begegnungen mit Menschen, die mir extrem Mut machten. Ich begegnete einem jungen Deutschen. Er fragte mich in einem Gespräch, wo denn der Vater des Kindes sei und als ich ihm antwortete, dass er tot sei, ging er sofort mit uns in Resonanz. Er wurde traurig und erzählte mir, dass er seit seinem elften Lebensjahr Vollwaise ist und hat dann ein Stück seiner weiteren Geschichte mit mir geteilt. Das hat mir insofern Mut gemacht, als dass ich sehen konnte, dass er trotz der widrigen Umstände ein sympathischer und lebensfroher junger Mann geworden ist. Diese Begegnung nahm mir etwas die Angst, dass mein Sohn an dem Umstand, ohne Vater aufzuwachsen, Schaden nehmen würde.

Die zweite Begegnung fand mit einer starken Frau statt, die mir ebenfalls durch ihre eigene Geschichte vor Augen führte, dass es noch dicker kommen und dass man dennoch das Beste daraus machen kann. Sie zu erleben, wohl wissend, dass sie einen noch härteren Schicksalsschlag erlitten hatte, war eine Offenbarung für mich. Ich beobachtete, wie sie die kleinsten Dinge als Geschenk würdigte. Sie erfreute sich an der Sonne, dem guten Essen und dem Luxus, einfach mitten im Dezember nichts tun zu müssen. Im direkten Vergleich sah ich andere mürrische Hotelgäste, die an jeder Kleinigkeit etwas auszusetzen hatten. Ich empfand dabei eine tiefe Bewunderung für diese Frau, die sicher einigen Grund gehabt hätte, verdrießlich zu sein. Sie gab mir ein Bespiel an Lebensfreude und Hingabe an das Leben, das seines Gleichen sucht.

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte diese bisher extremste Lebenskrise bereits komplett bewältigt. Noch immer erlebe ich fast täglich eine enorme Bandbreite an intensiven Emotionen. Diese schwanken von tiefer Traurigkeit und Schmerz über Ohnmacht bis hin zu neuem Mut, neuer Hoffnung und Dankbarkeit.

Und ich empfinde auch eine große Portion Demut. Ich empfinde Demut, weil ich sehr schmerzlich gelernt habe, wie wenig meiner Kontrolle unterliegt. Faktisch lehrte mich dieses Ereignis, dass ich nichts unter Kontrolle habe. Die beste Technik und auch eine gefestigte Haltung sind keine Garanten dafür, dass alles glatt läuft.

Tja, und da stehe ich nun, demütig, quasi nackt mit einem Rucksack voll unbeantworteter Fragen, aber auch Erkenntnissen und jede Menge Gefühlen und Bedürfnissen, die immer noch sortiert werden wollen.

Aktuell steigt in mir zunehmend die Ahnung auf, dass diese Krise eine große Chance für mich birgt. Zum ersten Mal in meinem Leben ist das Bewusstsein, dass das Leben so arg begrenzt ist, auf brutale Art bis in jede meiner Körperzellen gedrungen. Wir lesen, reden und hören viel darüber, etwas aus unserem Leben zu machen, den Tag zu nutzen, präsent zu sein usw. Ich habe das zweifelsohne auch getan, habe immer gespürt, dass da was dran ist, aber wirklich verstanden habe ich das erst jetzt.

In diesen Tagen gelingt es mir, dass ich tatsächlich viel intensiver lebe. Ich schaue jeden Tag meinen Sohn an und bin aus tiefstem Herzen dankbar, dass es ihn gibt. Ich nehme jedes Lächeln, jedes freundliche Wort als Geschenk wahr und bin in meinen Begegnungen mit Menschen wesentlich wacher, höre intensiver zu und kann mich viel mehr an dem erfreuen, was gerade ist.

Aus dieser Erfahrung heraus, habe ich auch den Entschluss gefasst, meine Arbeit mit der Gewaltfreien Kommunikation fortzuführen. Sie liefert einfach die Chance, auch ohne solche vom Leben verteilte Keulen, in dieses Bewusstsein hinein zu wachsen.

Meine Geschichte mit euch zu teilen, ist in dieser Zeit ein großer Schritt für mich. Ich möchte damit fortfahren, diesen Blog zu schreiben, da ich daran glaube, dass in dieser Geschichte und in den dazu noch folgenden Reflexionen eine Botschaft für jeden von uns steckt. Was der oder die Einzelne daraus mitnimmt, ist sicher unterschiedlich. Meine Intention ist, dass ich, indem ich weiter daran arbeite, diese Krise zu meistern und dies u.a. hier transparent mache, damit ein wenig Hoffnung säe. Ich möchte dich einladen, intensiv zu leben, deinem Nächsten wachsam zu begegnen und dich an dem zu erfreuen, was da alles in deinem Leben ist.

Alles Liebe,
Mareike

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