Über die Kunst des Selbstmitgefühls und welcher Segen für Dein Kind darin liegt

Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich einen Artikel geschrieben habe. Die Impulswoche „Aus Wut wird Mut“ zum Umgang mit Wut bei kleinen Kindern hat mich ziemlich in Anspruch genommen, sodass ich erst jetzt wieder zum Schreiben komme.

Das Thema „Wutbewältigung“ beschäftigt mich auch zur Jahreswende noch intensiv und veranlasst mich gewissermaßen auch zum heutigen Beitrag. Nicht wenige TeilnehmerInnen haben mir rückgemeldet, dass der 5. Impuls, in dem ich dazu anregte, sich in Selbstmitgefühl zu üben, für sie die schwierigste Aufgabe der Impulswoche war. Das hat mich so nachdenklich gestimmt, dass ich den heutigen Artikel diesem Thema widme.

Ich persönlich finde es essenziell wichtig, sich in Selbstmitgefühl zu üben. Selbstmitgefühl ist der Schlüssel, um eine gewaltfreie Haltung sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln. Meiner Erfahrung nach beginnt bei vielen die Auseinandersetzung mit der Gewaltfreien Kommunikation als ein eher „technischer“ Prozess. Da neigt man dazu, sich den Kopf über Formulierungen zu zerbrechen und verstrickt sich in den „Live-Situationen“ so sehr, dass es eigentlich nur schief gehen kann.

Die Folge sind dann häufig Zurechtweisungen oder Kritik der eigenen Person, wenn die eigenen Verhaltensweisen doch wieder in eine unerwünschte Richtung gingen oder der ehrliche Ansatz, sich mit jemanden im Sinne der GFK auseinander zu setzen, in Streit ausartete.

Eine gewaltfreie Haltung zu entwickeln, bedurfte für mich u.a. der aktiven Auseinandersetzung mit den eigenen, in der Kindheit erlernten Glaubenssätzen. Sie resultierten in den Verhaltensmustern, die mich gewaltvoll handeln ließen und die mich daran hinderten, das zu werden, was ich sein wollte: eine liebevolle und verantwortungsvolle Mutter.

Ich weiß um die Neigung vieler Eltern, sich selbst zu zerfleischen, wenn das Kind einen Wutanfall bekommt und sie selbst im Angesicht dessen wütend werden. Ich habe erlebt, wie ich trotz aller guten Vorsätze, es „wirklich besser machen zu wollen“, dennoch wütend reagierte – und vermutlich in bestimmten Situationen immer noch reagiere.

Die Handlungen, die mit der eigenen Wut einhergehen, z.B. selbst zu schreien oder sein Kind grob anzupacken oder Schlimmeres, werden von den meisten Eltern sofort bereut, sobald sich ihre Wut gelegt hat.

Das ist der Moment, in dem der Prozess der Selbstzerfleischung einsetzt. Dann beginnen innere Monologe, wie z.B.:

„Du bist die schlechteste Mutter/der schlechteste Vater der Welt.“
„Du packst es einfach nicht, dein Kind gut zu behandeln.“
„Du bist unfähig, selbst bei solchen Lappalien ruhig zu bleiben.“

Erkennst du dich darin wieder?

Dann hast du vermutlich auch schon die Erfahrung gemacht, dass diese Selbstkritik zu nichts führt, es in der nächstbesten Situation wieder so weit kommt und du dich dann wieder elend fühlst. Das kann in manchen Fällen in einer Abwärtsspirale hin zur Depression führen.

Wenn du dir wünschst, aus deinem Wutmuster auszubrechen, ist es von zentraler Bedeutung, dass du lernst, dir selbst mitfühlend zu begegnen. Es ist wichtig, dass du damit aufhörst, dich selbst zu zerfleischen, wenn du dich deinem Kind oder einem anderen Menschen gegenüber „schlecht“ benommen hast.

Unser Verhalten wird sich im Angesicht dieser Selbstkritik niemals positiv verändern, weil wir uns unter diesen Umständen nicht öffnen können, um die Bedürfnisse hinter der eigenen Wut zu identifizieren. Die Angst, wieder zu versagen, lähmt uns so sehr, dass wir nicht in der Lage sind, hinter die Fassade zu gucken, weil da sicherlich das nächste Potenzial für gnadenlose Selbstkritik lauert.

Du boykottierst dich damit selbst!

Vielleicht ist an dieser Stelle ein kleiner Exkurs ganz sinnvoll, in dem ich erläutere, dass diese Tendenz, sich selbst stark zu kritisieren, tatsächlich ein weit verbreitetes Muster ist und mit Blick auf unser gesellschaftliches Gefüge sogar einen „Sinn“ hat.

Selbstkritik ist ein Aspekt unseres Sozialverhaltens. Damit sichern wir uns die Akzeptanz innerhalb einer größeren sozialen Gruppe. Wenn wir uns selbst kritisieren, signalisieren wir, dass wir unseren Platz in der Gruppe akzeptieren (auch wenn es ein unterer Rang ist) und sichern uns unseren festen Platz in der Gemeinschaft. Unsere Eltern spielen bei der Entwicklung der eigenen abwertenden Glaubenssätze eine wichtige Rolle. Die Familie ist die soziale Gruppe, die als Kind unser Überleben sichert. Wir sind darauf angewiesen und vertrauen darauf, dass unsere Eltern uns beschützen und uns helfen, mit den Herausforderungen des Lebens fertig zu werden. Aber leider erleben viele Kinder, dass sie von ihren Eltern permanent kritisiert werden.

Dies hat zwei Auswirkungen: Zum einen lernt das Kind, dass Kritik ein notwendiges Motivationsinstrument ist und entwickeln einen Hang zur Selbstkritik. Zum anderen verursacht diese von den Eltern geäußerte Kritik Schmerz und diesen mildert ein Kind häufig ab, indem es die Kritik vorweg nimmt:

„Ja, ich weiß, ich bin zu blöd dafür.“
„Was habe ich denn jetzt schon wieder angestellt?“
„Ich weiß, ich esse wie ein Schwein.“

Das Kind nimmt sozusagen den Schmerz vorweg, der mit der Kritik einhergeht. Es tut weniger weh, wenn wir die Worte, die wir erwarten selbst schon geäußert haben. Dieses Verhalten kann man bei Kindern gut beobachten, die häufig getadelt oder kritisiert werden. Aus diesen Kindern werden in vielen Fällen harte Kritiker der eigenen Person mit weiterführenden Folgen wie Antriebslosigkeit und Depressionen.

Wenn wir den Blick auf die Erziehung richten, die die meisten von uns genossen haben, ist es wenig verwunderlich, dass nicht wenige Erwachsene diese Tendenz zur harten Selbstkritik an den Tag legen. Nur leider führt dieses Verhalten zu nichts außer vielleicht zu einer ausgeprägten Depression. Ein gesunder Ausweg aus diesem Dilemma ist die Entwicklung von Selbstmitgefühl.

Kommen wir wieder zum Thema Wut im Angesicht der Wut des eigenen Kindes:, Das Selbstmitgefühl ist meines Erachtens nach eine wirksame Alternative dazu, dein „Fehlverhalten“ als Hinweis darauf zu sehen, dass deine Bedürfnisse im Angesicht der Wut deines Kindes wirklich stark hungern. Das Leben in dir fordert dich auf, gut für dich zu sorgen!

In solchen Momenten ist es sinnvoll, dich dir selbst freundlich zuzuwenden. Du kannst z.B. die Anstrengung, die mit der Wut deines Kindes einhergeht, anerkennen, anstatt dich selbst zu schelten, weil es dir nicht gelingt, ruhig zu bleiben.

Du kannst dich auch fragen, was du in der Situation brauchst, wenn du selbst in der Wut bist? Vielleicht hilft als erstes Abstand und Unterstützung? Sehnst du dich in solchen Momenten nach Leichtigkeit? Stehst du unter Zeitdruck, weil du gern pünktlich bei einem Termin sein möchtest?

Was auch immer dein dringendes Bedürfnis in der Situation ist: Du identifizierst es schneller, wenn du dir selbst Mitgefühl gibst.

„Ja, es ist anstrengend, wenn mein 3-jähriger voll ausflippt und mit Sachen um sich wirft. Ich hatte dazu noch einen anstrengenden Tag heute im Büro. Ich brauche Ruhe und Leichtigkeit.“

Manchmal, wenn die Bedürfnisse, die uns triggern, sehr alt sind, ist Selbstmitgefühl ebenfalls ein guter Weg, sein inneres Kind in den Arm zu nehmen (siehe dazu beispielsweise diesen Artikel). Damit gibst du dir selbst die Kraft, die du brauchst, um aus den eigenen Gewaltmustern auszusteigen.

Dies ist ein wirklich heilsamer Weg. Ich habe selbst inzwischen viele Stunden mein inneres Kind gehalten, ihm Mitgefühl geschenkt, ihm zugehört, alte Bedürfnisse angesehen und sie mir zugestanden. So, als wäre ich mir selbst eine mitfühlende und nachsichtige Freundin bzw. ein mitfühlendes und nachsichtiges Elternteil.

Es ist also in der Tat möglich, sich selbst so zu begegnen, als wäre man selbst seine beste Freundin/ sein bester Freund und sich aus diesem Blickwinkel freundlich und mitfühlend zu behandeln. Es ist eine förderliche Haltung, weil das eigene Mitgefühl uns unabhängig von der Zuwendung durch unsere Umgebung macht. Somit wird Selbstmitgefühl zu einer unerschöpfliche Quelle für Kraft und Energie.

Wie fühlt sich dieser Gedanke für dich an?

Wenn du dir in den Situationen, in denen du einen „Aussetzer“ hast, selbst mitfühlend begegnen kannst, kannst du auch leichter dazu übergehen, dein letztes (Fehl-)Verhalten gemeinsam mit deinem Kind zu betrauern. Damit schaffst du den Raum, deine eigenen Bedürfnisse gleichrangig mit denen deines Kindes zu sehen, dich auf beides einzustellen und einzulassen.

Je häufiger du dich auf diesen Prozess einlassen kannst, desto genährter wird deine Seele. Alte Wunden können heilen und du bekommst aus dir selbst heraus die Stabilität, die du brauchst, um auch deinem Kind und all Deinen Mitmenschen gegenüber immer häufiger mitfühlend und empathisch zu sein!

Wie immer bin ich gespannt, wie es dir mit diesem Artikel erging und freue mich wie über Kommentare und Mails: mareike@liebevollefamilie.de.

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

4 thoughts on “Über die Kunst des Selbstmitgefühls und welcher Segen für Dein Kind darin liegt

  1. Ich habe diese Momente der Selbstzerfleischung, von denen Du, liebe Mareike sprichst, schon so oft erlebt. Vor allem, als mein (mittlerweile) großer Sohn noch im Kleinkind-Alter war, hatten wir einige Erlebnisse, wo ich ihn grob angefahren habe und danach vor Scham und Schuld fast im Boden versunken bin. Nicht nur er, sonder auch ich musste dann tatsächlich weinen (ich allerdings heimlich), weil mein Verhalten auch Erinnerungen an Erlebnisse wach gerufen hat, die ich als Kind selbst erleben musste. Da gesellte sich der Schmerz aus der Vergangenheit fröhlich zu den Selbst-Vorwürfen aus der Gegenwart.
    Ich bin daher froh, dass ich, auch durch Deine Artikel, erkannt habe, dass ich damit nicht allein bin und dass ich Werkzeuge erhalten habe, die es mir erlauben, dieses Verhalten heute besser einordnen und bewerten zu können. Werkzeuge, die mir Ruhe, Kraft und Gelassenheit geben können, wenn ich in seelische Not gerate.
    Diese Fürsorge für sich selbst ist so wichtig.

    Eins dieser Werkzeuge möchte ich hier noch mal kurz beschreiben. Wenn die Wut zu brodeln beginnt, weil mein Kind mir das Leben gerade alles andere als leicht und glücklich macht, hilft es mir, für einen Augenblick vorzustellen, wie ich aus mir heraus trete und der eine Steffen dem anderen Steffen die Hände auf Schulter und Rücken legt und mit ihm atmet. Und dabei Gedanken denkt, wie „Ich bin bei Dir und ich halte Dich“.
    Das dauert tatsächlich nur einen Augenblick. Ein oder zwei tiefe Atemzüge. Doch ich konnte (hin und wieder) beobachten, dass sich meine Körper dadurch entkrampft, wieder aus der Wut heraus kommt und ich wieder in der Lage bin, klare Gedanken zu fassen.
    Das ist meine kleine Erste Hilfe. Vielleicht haben andere ja ebensolche kleinen Helfer. 😉

    1. Lieber Steffen,
      vielen Dank für deine Offenheit und ja, wir sitzen da wohl alle im selben Boot mit unseren inneren Kritikern. Die Atembetrachtung in Momenten der aufsteigenden Wut hat mir auch schon viel geholfen. Aber ich habe das nicht geschrieben, deshalb danke auch dafür, dass du es hier vorschlägst. Ich finde das Bild, sich selbst eine beruhigende oder haltende Hand aufzulegen sehr ansprechend. Danke dafür!
      Alles Liebe
      Mareike

    1. Liebe Monika,

      ich freue mich, wenn dich mein Artikel erreicht hat. Es ist ein so wichtiges Thema und es liegt so viel Heilung darin!
      Alles Liebe dir!
      Mareike

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