Warum ich Heiligabend als Kind hasste und das heute zum Glück anders ist

In diesen Tagen reflektiere ich viel darüber, wie ich das Zusammenleben mit meinem Sohn noch friedvoller gestalten kann. Im letzten Artikel habe ich ja von meinen Herausforderungen berichtet…

Und da ich mich auf diese Reise begeben habe, kommen manchmal auch unangenehme Dinge zu Tage. So ereilte mich kürzlich ein Gefühl der Schwermut, eine innere Beklemmung. Ich verstand zunächst nicht, wo das herkommt. Dann erinnerte ich mich neulich im Halbschlaf an eine Szene aus meiner Kindheit, die sich an Weihnachten abspielte.

Diese Erinnerung war sehr schmerzhaft und mir wurde bewusst, dass ich immer noch traurig bin, weil es im Grunde immer das Gleiche war an Weihnachten. Seit ich denken konnte, war Weihnachten, speziell der Heilige Abend, in meiner Kindheit geprägt von Stress, Streit und einer Menge Wut und Traurigkeit.

Das lief in meiner Wahrnehmung ungefähr so ab:

Mein Vater schmückte am Vormittag den Weihnachtsbaum und meine Mutter werkelte in der Zwischenzeit in der Küche. Sie bereitete Essen vor. Wir vier Kinder, von zu viel Zucker und Vorfreude total aufgeputscht, tobten durch das Haus.

Irgendwann, ich glaube so nach dem Mittagessen, begann mein Vater meist zu brüllen, weil irgendwer zu laut war oder er einen handfesten Streit mit meiner Mutter hatte.

Ich erinnere mich an Wortgefechte zwischen den beiden, die sich ungefähr so anhörten:

Mutter: „Warum macht hier eigentlich jeder, was er will?!“

Vater: „Ja, dann mach das halt allein, wenn ich es nicht gut genug kann!“

Mutter: „Das ist mir alles zu doof. Ich gehe!“

Und dann knallte eine Tür. Meine Mutter zog sich daraufhin in das elterliche Schlafzimmer zurück und blieb dort für mehrere Stunden. Mein Vater hat dann meist noch mit uns geschimpft und/oder gedroht, dass das Weihnachtsfest ausfällt, weil wir irgendwas getan hatten, was ihm nicht gefiel. Die Stimmung war zu diesem Zeitpunkt am Boden. Ich fühlte mich mies, so richtig traurig, und meinen Geschwistern ging es ähnlich.

Gegen 16 Uhr brach mein Vater dann mit uns Kindern in die Kirche auf. Er ging mit uns allein, weil meine Mutter bis dato immer noch nicht aus dem Schlafzimmer wieder aufgetaucht war.

Von der Kirche zurück zu Hause war die Stimmung beim Abendessen immer noch im Keller. Ich habe damals nicht verstanden, was genau zwischen den beiden los war. Ich verstand nur, dass meine Eltern sehr schlecht gelaunt waren. Es war ein bedrückendes Schweigen mit Rauchwolken unter der Zimmerdecke. Mir war damals schon klar, dass es besser für mich war, wenn ich mich ruhig verhielt. Ich war dann immer betrübt, irritiert und traurig.

Da war keine Leichtigkeit, keine Freude und erst zur Bescherung wurde es besser. Meist haben meine Eltern sich dann im Laufe des Abends wieder vertragen. Das ändert jedoch nichts an dem bitteren Beigeschmack, den diese Heiligabende in meiner Kindheit für mich hatten.

Und das war in meiner Erinnerung tatsächlich in jedem Jahr so, bis ich ungefähr 14 Jahre alt wurde und meine Eltern sich trennten.

Als Teenager und junge Frau habe ich wegen dieser Erlebnisse Weihnachten regelrecht gehasst.

Auch nachdem ich die Gestaltung dieses Festes zu 100% selbst in der Hand hatte, dauerte es für mich einige Zeit, bis ich Weihnachten, besonders Heiligabend, genießen konnte. Viele Jahre saß mir der Horror vor dem hausgemachten Stress und den damit einhergehenden Konflikten und Wutausbrüchen meiner Eltern im Nacken. Manchmal wollte ich einfach nur weg.

Vor einigen Jahren gab es von dem bekannten Film Shrek eine Weihnachtsepisode in der alles drunter und drüber ging. Shrek sagte darin mit einem Lachen:

„Weihnachten ist nicht Weihnachten, wenn nicht mindestens einer heult.“

Alle, die mit mir vor dem Fernseher saßen, lachten. Ich hingegen fand das überhaupt nicht lustig. Denn das erinnerte mich stark an die unangenehmen Gefühle, die ich jedes Jahr erlebt habe. Für ein Kind ist es NICHT lustig, wenn es an Weihnachten traurig ist oder sogar Angst hat, weil ihm damit gedroht wurde, dass es keine Geschenke bekommt! Das brennt sich tief ins Gedächtnis ein.

Heute, nachdem ich mich ausgiebig mit Gewaltfreier Kommunikation beschäftigt habe, weiß ich, dass meine Eltern einfach nicht in der Lage waren, ihre Bedürfnisse nach Unterstützung, Wohlwollen, Wertschätzung, Anerkennung usw. zu erkennen und auszudrücken. Ihre inneren Nöte prallten unter dem Stress der Vorbereitungen aufeinander. Anstatt zu schauen, was sie beide am dringendsten brauchten, ergossen sie ihre Vorwürfe übereinander und mitunter auch über uns Kinder, wenn wir gerade zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Sie waren beladen mit Urteilen und Bewertungen über den anderen und ließen so den unangenehmen Gefühlen im Angesicht der Überforderung freien Lauf.

In mir ist immer noch ein tiefes Bedauern, dass es so gelaufen ist. Aber das kann ich nicht mehr ändern. Das einzige, worüber ich Macht habe, ist die Gegenwart.

Da nichts so schlecht ist, dass es nicht auch etwas Gutes hat, erinnert mich die kleine Mareike mit ihrem Schmerz in mir, die so gerne ein liebevolleres Umfeld an Weihnachten erlebt hätte, daran, dass ich dies meinem Sohn heute geben kann. Ja, das liegt zu 100% in meiner Verantwortung.

Es hilft jedenfalls enorm, dass ich in der Lage bin, hinter meinen unangenehmen Gefühlen, Bedürfnisse zu identifizieren. Denn diese Anfangs beschriebene Beklemmung zeigt mir mein Bedürfnis nach Leichtigkeit und Freude. Auch meine Bedürfnissen nach Ruhe und Erholung meldeten sich darüber stark nach einer stressigen Phase des Umzugs und Ankommens.

Ich nehme diese Gefühle also ernst, denn ich kenne meine Neigung, mich zu übernehmen. Ich achte in diesem Jahr seither sehr bewusst darauf, immer wieder inne zu halten, lasse notfalls Dinge weg, anstatt mich zu übernehmen. So habe ich zum Beispiel die Weihnachtsdeko auf einem Minimum gehalten, anstatt mich mit der Jagd nach dem „richtigen“ Weihnachtsgesteck zu stressen. Stattdessen habe ich zu Hause in Ruhe mit meinem Kind Sterne gebastelt. Wir dekorierten damit die Wand am Essplatz und unseren Tisch ziert EINE Kerze, in einem selbst gebastelten Weihnachtsgesteck aus Dingen, die noch so lose in der Deko Kiste rum lagen (ich habe zum Glück auch die Heißklebepistole gefunden ;-)).

Und ich genieße es sehr, dass ich mich gut um meinen Energiehaushalt kümmere. Ich spüre jeden Tag, dass es mir dadurch sehr viel besser gelingt, auch meine Lieben mit ihren Bedürfnissen zu sehen. Ich bin innerlich wieder etwas gelassener und dadurch einfach offener und leichter.

Natürlich ist es nicht einfach nur deshalb leichter, weil ich ein paar Dinge reduziert habe. Nein, ich übe mich seit nunmehr sechs Jahren im Umgang mit meinen intensiven Gefühlen, besonders mit meiner Wut. Dafür bin ich einen Weg gekommen, der viel mit innerer Reflexionsarbeit und auch dem ablegen alter Gedankenmuster zu tun hatte.

Wieder einmal verneige ich mich in tiefer Dankbarkeit vor dieser inneren Arbeit. Diese erleichterte mir diesen oben beschriebenen Prozess ungemein und deshalb ging er recht „schnell“.

Heute weiß ich, dass ich mich entscheiden kann, wie ich unangenehme Gefühle, wie ich Ärger und Wut und auch Traurigkeit ausdrücke. Ich weiß, dass ich mich entscheiden kann, was ich darüber denke, was ich erlebe und dass die anderen NICHTS mit meinen Gefühlen in den jeweiligen Situationen, sondern einzig meine Urteile, Interpretationen und natürlich meine hungernden Bedürfnisse zu tun haben!

Ich habe immer eine Wahl, wie ich (re)agiere und deshalb kann ich das Weihnachtsfest inzwischen genießen. Jeder Moment / jede Situation ist neu und ich habe die Gestaltungsmacht, wenn es darum geht, meinen Lieben mitzuteilen, was ich brauche.

Und ich liebe den Zauber, den Weihnachten für mein Kind noch hat. Das heilt auch das innere Kind in mir ein Stück weit. Ja, ich liebe jeden Tag, wenn er voller Vorfreude zu seinem Adventskalender rennt und ein „Türchen“ öffnet (bei uns sind es selbst gebastelte Tüten mit Kleinigkeiten darin).

Diese Entwicklung hat viel damit zu tun, dass ich mich aktiv mit meiner Wut beschäftigt habe. Ich wollte einfach nicht so sein, wie meine Eltern – schon gar nicht in der Weihnachtszeit!

Falls du neugierig bist, auf den Weg, den ich gegangen bin und wissen willst, wie man Wut vollständig ausdrücken kann, ohne dabei jemanden anzuschreien, dann schau mal in meinen neuen Online-Kurs zum Umgang mit Wut rein. Es lohnt sich vor Weihnachten besonders, denn ich widme den Kurs einem an Krebs erkranktem Mädchen aus meinem Umfeld.

Wie immer freue ich mich über deine Perspektive zum Artikel. Schreib gern einen Kommentar oder eine Mail: liebevollefamilie@gmail.com

Ich wünsche dir von Herzen ein liebevolle und friedvolle Weihnachstzeit! Genießt die Zeit miteinander und lass dich nicht von unangenehmen Gefühlen (die mit Sicherheit mit unerfüllten Bedürfnissen zu tun haben) hinreißen, deinen Kindern und deinen Lieben das Fest zu verhageln!

Alles Liebe

Deine Mareike

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

2 thoughts on “Warum ich Heiligabend als Kind hasste und das heute zum Glück anders ist

  1. Liebe Mareike,

    Danke, dass du das mit uns teilst!
    Ich kann das sehr gut nachempfinden, auch wenns bei mir der Geburtstag ist, den ich früher hasste.
    Ich wünsche dir und uns allen die Besinnung auf unsere Bedürfnisse. Das wäre echtes Weihnachten. :)
    Lieben Gruß
    Elke

    1. Liebe Elke,
      oh ja, das Thema Geburtstag ist bei mir auch so ähnlich besetzt gewesen. Ich wünsche dir ebenfalls eine frohe und besinnliche Zeit und dass du deinen Bedürfnissen darüber immer wieder auf die Spur kommst.
      Alles Liebe dir!
      Mareike

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