„Aber du machst doch Gewaltfreie Kommunikation, du darfst doch gar nicht wütend sein…“

Diesen Satz hörte ich neulich von einer Freundin und auch wenn sie es mit einem Augenzwinkern sagte, hat mich dieser Satz sehr nachdenklich gemacht. So sehr, dass ich mich heute dieser Emotion einmal intensiv widmen will, weil ich eine besondere Beziehung zu meiner Wut habe.

Die Wut ist gewissermaßen „meine Lehrmeisterin“, weil ich, bevor ich die Gewaltfreie Kommunikation kennen lernte, ein Wutmensch war. Meine Tendenz, zu explodieren und auf die Palme zu springen brachten mich häufiger in brenzlige Situationen und ich sagte immer wieder Dinge (besonders zu meinen Lieben), die ich hinterher sehr bedauerte. Ich war brutal direkt und bissig, so dass es allen anderen weh tat, auch mir selbst.

Als ich begann, mich mit der Gewaltfreien Kommunikation zu beschäftigen, dachte ich zunächst „Oh je, das ist aber gar nicht gut, dass du so oft wütend bist.“ Ich war zu diesem Zeitpunkt einem weit verbreiteten Missverständnis aufgesessen: Ich dachte negative Gefühle haben in der Gewaltfreien Kommunikation nichts zu suchen. Bei mir lösten die Worte „gewaltfrei“ oder „einfühlsam“ mit Blick auf diese Fehlannahme regelrecht Unbehagen aus. Ich dachte, dass es darum geht seinen Ärger und seine Wut zu unterdrücken und sich zu „beruhigen“ (Interessanter Weise bringt der Satz „Beruhige dich!“ mich heute noch auf die Palme).

Das ist aber zum Glück nicht die Idee hinter dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation! Hier haben alle Gefühle und Emotionen eine Raum und werden angeschaut.

Gefühle und Sekundärgefühle – was ist denn das?

Ein wahrer Augenöffner war für mich die Unterscheidung von Gefühlen und Sekundärgefühlen. Aber dazu muss ich noch etwas weiter ausholen: Unsere Gefühle sind die „Signallampen“ unserer Bedürfnisse. Grob kann man sagen, dass positive oder angenehme Gefühle zeigen uns dass alles „im grünen Bereich“ ist. Negative oder unangenehme Gefühle weisen uns darauf hin, dass wir etwas brauchen, damit es uns besser geht.

Wut zählt zu den Sekundärgefühlen, weil sie sozusagen andere Gefühle überlagert:

Wut stellt sich ein, wenn wir unerfüllte Bedürfnisse haben und wenn wir andere dafür verantwortlich machen. Wenn wir z.B. davon ausgehen, dass jemand anderes uns unsere Gefühle macht: „Du bist schuld, dass ich mich schlecht fühle.“

Marshall B. Rosenberg hat es folgendermaßen ausgedrückt:

„Wut ist das Resultat von lebensfeindlichem Denken, das abgeschnitten von unseren Bedürfnissen erfolgt. Sie ist ein Indikator dafür, dass wir uns mit unserem Bewusstsein in unserem Kopf befinden und dazu übergegangen sind, andere zu verurteilen oder zu analysieren, was mit ihnen nicht stimmt. Wenn wir wütend sind, haben wir unserer Bedürfnisse aus den Augen verloren, dann ist es Zeit, dass wir uns darauf besinnen, welche Bedürfnisse nicht erfüllt worden sind.“ 

Was meine Wut mir sagen will

Als ich noch keinen guten Kontakt zu meinen Gefühlen hatte, war die Wut oft das einzige, was ich überhaupt an Gefühlen wahrnehmen konnte, weil sie so stark war. 

Mit Beginn meiner GFK Reise lernte ich, dass ich schnell dazu übergehe, meine eigentlichen Gefühle (Angst, Ohnmacht, Schmerz, Frustration, Hilflosigkeit, etc.) mit Wut zu überlagern. Sie ist der Schutzmechanismus, den ich an den Tag lege, um diese anderen schmerzhaften Gefühle nicht spüren zu müssen. 

Aus einer von Verurteilungen und Schuldzuweisungen verblendeten Haltung komme ich natürlich immer wieder in die Wut. Das passiert mir heute auch noch, weil das einfach ein über 30 Jahre geschultes Denk-Muster ist. Aber die gute Nachricht ist, dass es mir in 45% der Fälle nicht mehr passiert und dass ich in den restlichen 55% der Fälle schnell merke, dass ich wieder einmal in diese Fall getappt bin.

Mit der Wut als Weckruf arbeiten!

Wenn ich Wut fühle, weiß ich, dass ich gerade sehr weit weg bin von meinen Bedürfnissen. Meine Wut zeigt mir, dass etwas in mir hungert. Und anstatt sie zu unterdrücken, nehme ich sie zum Anlass, tief durchzuatmen und mich auf meine Bedürfnisse zu konzentrieren. Es ist mir dank ein wenig Achtsamkeit heute tatsächlich möglich, dass ich meine Wut in den meisten Fällen willkommen heiße.

Ich nehme sie an, ohne mich ihr hinzugeben (also ohne irgendjemanden anzuschreien oder etwas kaputt zu machen). Dadurch komme ich in Kontakt mit meinen primären Gefühlen. Ich spüre einfach hinein in die Intensität der Wut und dann gelange ich auch zu der inneren Not, die sie zum Ausdruck bringt:

Angst, Ohnmacht, Sorgen, Hilflosigkeit…

All diese Gefühle liegen darunter und sie schreien mir meine unerfüllten Bedürfnisse entgegen: Klarheit, Zuversicht, Verbindung, Trauer, Nähe, Liebe, Wohlwollen – die Liste ist endlos lang, je nach Situation. 

Und dann… 

… entspannt sich etwas in mir. Ich kann dann viel klarer sagen, was ich brauche. Ich komme weg von Beschuldigungen oder Herabwürdigungen und bringe ein Botschaft rüber, die den anderen einlädt, an der Erfüllung meiner Bedürfnisse mitzuwirken.

Durch diesen konstruktiven Umgang mit meiner Wut, habe ich mich mit ihr sogar angefreundet. Ich kann dieser starken Emotion etwas Gutes abgewinnen, weil ich mich wütend sehr gut spüren kann bzw. das Leben, dass in mir pulsiert. Ich verstehe diese Emotion heute als Kraft, die auch eine lebensrettende Funktion hat:

Aus evolutionärer Perspektive gesehen, wäre die Menschheit ohne starke Emotionen wie Wut und Angst wohl ausgestorben. Die durch diese Emotionen frei gesetzten Kräft lassen einen über sich selbst hinaus wachsen. Man hat plötzlich den Mut, sich gegen den „Tiger“ zu wehren. Blöd nur, dass es heute so wenig Tiger und offene Kämpfe gibt und Wut und Angst in Kommunikationsprozessen wenig hilfreich sind.

Wie auch immer du von deinem Temperament her geartet bist, ich lade dich ein, dich darin zu schulen, deine Gefühle wahr- und anzunehmen. Sie sind der Weg zu deinen Bedürfnissen. Wenn wir sie klar artikulieren können, dann erhöht sich die Chance, dass sie auch erfüllt werden enorm.

Auf bald! 

Wie immer freue ich mich, wenn du dich mitteilst, wie es dir mit diesem Artikel geht. Hinterlasse gern einen Kommentar.

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