Wenn ES doch passiert – Warum die guten Vorsätze im gewaltfreien Umgang miteinander manchmal versagen

Es ist Sonntag und bisher ist der Tag wunderbar gelaufen: Zoobesuch mit vielen Tieren und hinreißenden Staun- und Begeisterungsmomenten meines Sohnes: „Oh Mama, guck mal da, die Elefanten!“ Ein leckeres Mittagessen gab es noch obendrauf.

Dann ist es Zeit, nach Hause zu fahren, und plötzlich passiert ES. Mein Sohn bringt eine gefühlte Ewigkeit an der Statue eines Elefanten zu, lässt sich auch mit allen GFK-gemäßen Bitten nicht zum Gehen bewegen und meine Laune sinkt deutlich.

Ich spüre Ungeduld in mir aufwallen, weil wir am Nachmittag noch eine Verabredung haben. Als die Zeit wirklich knapp wird, trage ich ihn gegen seinen Willen zum Auto. Dabei haut er mir die Brille vom Kopf und wirft meine Mütze weg. Bis zu diesem Moment habe ich meine Wut noch im Griff.

Im Auto dann die Eskalation: Er will sich nicht in den Kindersitz setzen, weint, schreit und haut um sich, und ich werde richtige wütend. Stopfe ihn gegen seinen Willen in seinen Sitz und werfe den Motor an. Im Losfahren sage ich noch: „Ich fahre nie wieder mit dir in den Zoo!“ Schon während ich das sage, weiß ich, dass das nicht wahr ist, und bereue meine Worte.

Während der Fahrt schläft mein Sohn völlig erschöpft ein und mir ist hundeelend zumute. Da, ES ist mal wieder passiert! Meine Wut hat die Oberhand gewonnen und ich habe meinem Sohn Gewalt angetan.

Wie kann es sein, dass dieses ES nach fast 5 Jahren GFK-Training, beinahe täglicher Arbeit mit dem Thema und einer gewaltfreien Grundhaltung immer noch hin und wieder die Kontrolle übernimmt?

Zugegeben, solche Entgleisung meinerseits sind selten geworden, aber sie kommen eben hin und wieder vor. Ich nehme diesen Beitrag heute zum Anlass, diesem „Warum ES passiert“ auf den Grund zu gehen, und habe einige plausible Antworten gefunden.

Die erste wichtige Erkenntnis aus meiner Recherche ist, dass ich in solchen Momenten unwillkürlich handle. Ich möchte gern genau erklären, was dabei passiert und komme dafür nicht umhin, ein bisschen über den Aufbau und Funktionsweise unseres Gehirns zu erzählen:

Im Mittelhirn, der Teilbereich, der auch limbisches System genannt wird, entsteht ES. Das ist der Bereich unseres unwillkürlichen Reagierens. Von dort aus passiert ES, dass ich meinen Sohn nicht willentlich anschreie, ihn ruppig behandle oder ihm mit Strafen drohe.

Das limbischen System ist von enormer Bedeutung, um für unser Überleben zu sorgen. Es handelt sich hierbei sozusagen um ein „Frühwarnsystem“, in dem alle bisherigen Situationen, die wir als Gefahr erkannt haben, abgespeichert sind. Jede neu erlebte Situation wird in einer Art Sicherheitscheck mit den hier gespeicherten Informationen abgeglichen und entsprechend als harmlos oder gefährlich eingestuft.

Wird eine Gefahr erkannt, werden Nervenimpulse ins Gehirn geschickt, die dann wiederum abgespeicherte Handlungsmuster aktivieren. Wenn dieses System Alarm schlägt, werden Stresshormone, wie z.B. Adrenalin, ausgeschüttet. Der ganze Körper bereitet sich auf einen bevorstehenden Kampf oder eine angeratene Flucht vor: Der Blutdruck steigt, der Darm entleert sich, Muskeln werden aktiviert.

Das geht so schnell, dass das bewusste Gehirn erst hinterher bemerkt, welche Gefahr in der Situation drohte. Dieser „Programmablauf“ hat durchaus seinen Sinn, denn bei einer echten Gefahr sind wirklich blitzschnelle Reaktionen gefragt, wofür das Großhirn einfach zu träge ist. Das springt erst ein, wenn die Gefahr vorüber ist, und ermöglicht uns dann gelassen zu überlegen, was als nächstes zu tun ist.

Der Mandelkern im limbischen System bewertet alle Informationen am Großhirn vorbei und kategorisiert diese im Hinblick auf Gefahren und Bedrohungen. Hier ein Beispiel dazu:

Wenn ein Kind rennt und hinfällt, macht es die Erfahrung, dass es, wenn es zu schnell rennt, hinfallen kann. Ein experimentierfreudiges Kind wird mit den Geschwindigkeiten spielen und sehen, wie schnell sein Maximum ist, bevor es fällt. Ein vorsichtiges Kind wird nach dieser Erfahrung (je nach Schmerzintensität) seine Geschwindigkeit eher nach unten regulieren und/oder häufiger auf die Warnung der Eltern hören.

Auch soziale Schmerzerfahrungen, wie z.B. Liebesentzug, werden im Mandelkern gespeichert.

Dieser Teil des Gehirns speichert alle Informationen auch im Zusammenhang mit den dabei empfundenen Emotionen ab. Diese sind an all unsere Erlebnisse geknüpft und das ist auch der Grund, weshalb wir in der Gewaltfreien Kommunikation davon ausgehen können, dass unsere Gefühle ein Hinweis darauf geben, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Der Speichervorgang im Mandelkern unseres Gehirns erfolgt als Kategorisierung unserer Erlebnisse mit Blick auf den Zustand unserer Bedürfnisse (gutes Gefühl = Bedürfnis erfüllt, schlechtes Gefühle = Bedürfnis nicht erfüllt).

So erklärt sich z.B. auch, wie es sein kann, dass unsere Gemütszustände oft auch mit der Begegnung von verschiedenen Personen schwanken, je nachdem nämlich, welche früheren Erfahrungen wir mit diesen Personen gemacht haben.

Soweit die Theorie. Aber was genau hat das jetzt mit meinem Wutausbruch letzten Sonntag zu tun?

Nun, im Mandelkern werden auch Details gespeichert, die mit Situationen zusammenhängen, an die wir uns nicht bewusst erinnern können. Wenn ich z.B. einen schrecklichen Sturm erlebt habe, dem ich nur knapp entkommen bin, dann werde ich vielleicht immer, wenn der Wind heftiger weht und ich das Rauschen von Blättern höre, Angst bekommen, vielleicht sogar eine Panikattacke.

Auch können Details wie Haarfarbe, Größe eines Menschen usw. uns in Schrecken versetzen, wenn wir mit Menschen, die dieselben Merkmale haben, schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich kenne z.B. eine Frau, die überzeugt ist, dass alle dunkelhaarigen Männer schlecht sind: Sie ist in einer Beziehung mit einem dunkelhaarigen Mann gewesen und von diesem verprügelt worden.

Rauschende Blätter und eine dunkle Haarfarbe können also Auslöser (Trigger) für Gefühle wie Angst oder Panik sein. Die Gefahr der längst vergangenen Situation wird erneut gespürt und vom Betroffenen so wahrgenommen, als ob es jetzt passiert. Obwohl der Betroffene jetzt in Sicherheit ist, wird er von den Gefühlen überrollt und die damaligen Abwehrmechanismen sind bereits aktiviert.

Somit ist der Wutausbruch meines Sohnes der Auslöser für meine Wut gewesen, allerdings nicht die Ursache. Da ist jetzt die spannende Frage, mit welchem früheren Erlebnis ich das in Verbindung bringe?

Ich habe diese ganze Woche damit zugebracht, auf der Situation gedanklich viel „herumgekaut“ und auch immer wieder hineingespürt. Die Wut meines Kindes habe ich dabei immer wieder auf mich wirken lassen. Mir ist in diesem Prozess deutlich in Erinnerung gekommen, wie wütend meine Eltern häufig waren. Ich hatte ein lebhaftes Bild meines wutschnaubenden Vaters vor mir, der dabei gewalttätig wurde. Ich erinnerte mich zudem an viele Streitigkeiten auch unter uns Geschwistern, die ich emotional eigentlich nur überlebt habe, weil ich mich gewehrt habe, indem ich selbst wütend wurde.

Die Wut meines Kindes macht mich also wütend, weil es ein unbewusst erlernter Schutzmechanismus ist!

Mit dieser Erkenntnis habe ich andere Gefühle durchlebt: Scham und Reue waren sehr deutlich spürbar. Ich wollte wieder gut machen, was ich vergangenen Sonntag getan habe oder wenigstens eine Gelegenheit herbeiführen, in der ich souveräner damit umgehe.

Wie es der Zufall oder der Lehrmeister „Leben“ so will, hatte ich gestern eine ähnliche Situation, in der ich noch einmal den Umgang mit dieser Wut üben durfte. Das Setting war dem vom Sonntag verblüffend ähnlich:

Gestern hatten wir um 16.15 Uhr einen Familien-Friseurtermin. Ich weiß, dass mein Sohn sich nachmittags im Spiel mit seinen Freunden in der Kita wirklich nur sehr widerwillig losreißen kann. Also dachte ich, dass ich mich am besten schon 15.15 Uhr in der Kita blicken lasse, dann haben wir 45 Minuten, um Abschied zu nehmen und uns auf den Weg zu machen. Mein Sohn war, wie erwartet mit seiner kleinen Truppe von Freunden auf dem Laufrad unterwegs. Sie spielten quietschvergnügt „Polizeieinsatz“. „Na klasse“, dachte ich, „das wird heute eine extra große Herausforderung!“

Aber da wir noch Zeit hatten, blieb ich erstmal gelassen und habe ihm seine Extrarunden zugestanden, ihm gesagt, dass wir bald einen Friseurtermin haben, er aber noch ein bisschen fahren darf. Was er freudestrahlend auch tat. Dann habe ich überlegt, wie ich es anstellen kann, ihn loszueisen.

Ich dachte mir, es sei klug, seine Freunde mit einzubeziehen, also sagte ich zu seiner dicksten Freundin: „Du, der Richard hat dann gleich mit mir einen Termin beim Friseur. Ich sehe aber, dass ihr noch gerne spielen wollt.“

Die Antwort des kleinen Mädchens hat mich echt verblüfft: „Ach, das ist kein Problem, es sind ja noch andere Freunde da zum Spielen.“ Sie bot mir sogar an, meinen Sohn zu mir zu bringen.

Mein Sohn sah das aber anders. Er wollte nicht mitkommen. Da ich aber absolut keine Lust zum Streiten hatte, wartete ich noch ein bisschen ab, bis die Zeit wirklich heranrückte, in der wir gehen mussten. In der Zwischenzeit konfrontierte ich meinen Sohn immer wieder freundlich damit, dass wir bald „zum Friseur“ los wollen. Das habe ich extra betont, um ihn neugierig zu machen. Seine kleine Gang hatte sich zwischenzeitlich glücklicherweise auch irgendwie weiter verteilt, sodass ich dann mit ihm allein war und ihm dabei zusah, wie er mit seinem Laufrad eine kleine Schräge herunter fuhr und dabei offensichtlich sehr viel Spaß hatte.

„Mist“, dachte ich, „die Tatsache, dass seine Freunde jetzt woanders spielen hebt seine Lust mitzukommen auch nicht besonders.“ Also habe ich ihn in ein Gespräch verwickelt, ihn gefragt, ob ihm das Laufradfahren Spaß macht und er hat mir freudig seine „coolen“ Stunts mit dem Rädchen gezeigt.

15.55 Uhr, es wird wirklich langsam Zeit, aufzubrechen. Ich spüre die Unruhe in mir aufsteigen und konzentriere mich bewusst auf meinen Atem. Plötzlich fällt mein Sohn mit dem Laufrad um und ich nutze die Gelegenheit, hebe ihn auf und trage ihn Richtung Ausgang. Da, er haut mich wieder und die Brille fällt wieder runter (Ich muss meinem Optiker für die Empfehlung dieses Modells danken: Es ist wiederholt alles heil geblieben).

Ich bleibe dank der vorherigen Konzentration auf meine Atmung gelassen, sage zu dem ganzen Vorgang nichts, bleibe ruhig, hebe die Brille auf, gehe weiter. Plötzlich erlebe ich einen Stimmungsschwenk bei meinem Sohn. Eben noch total wütend, sagt er plötzlich fröhlich zu mir: „Gehen wir jetzt zum Friseur?“

Ich bin erleichtert, dass ab diesem Moment alles flutscht. Es gibt weder ein Theater beim ins Auto setzen noch irgendein anderes Zeichen von schlechter Laune, weder bei mir noch bei ihm.

Natürlich fragte ich mich während der Autofahrt, was diesmal anders lief. Ob ich die Ohrfeige auf sich beruhen lassen oder nochmal thematisieren soll? Ich entschied mich dagegen, weil ich es „verkraftet“ habe undmit ihm mitfühlen konnte, dass er deshalb so wütend war, weil er gerne noch spielen wollte. Ich war diejenige, die mit einem Termin daher kam und ihn fremd bestimmen wollte, wo er doch schon den ganzen Tag in der Kita fremdbestimmt wird.

Heißt das jetzt, ich lasse es ihm immer durchgehen, wenn er mich haut, beißt, kratzt, etc.? Sicherlich nicht! Was ich mir vornehme, ist es nach neuen Möglichkeiten zu suchen, meinem Missfallen über seine Gewalt Ausdruck zu geben.

Was genau ist in diesem Moment eigentlich genau passiert?

Ich glaube, der Stimmungsschwenk hin zur plötzlichen guten Laune kam daher, dass ich keinen Krieg angezettelt habe. Dass ich den Ausdruck seiner schlechten Laune über die Fremdbestimmung gelassen (aus)gehalten habe. Für ihn war das somit erledigt - das Gefühl hat sich entladen, durch die Abwesenheit der „Gegenwehr“ meinerseits hat sich kein neuer Druck aufgebaut und somit herrschte Frieden.

Welch wunderbare Erkenntnisse. Neben dem, dass ich mal wieder so einiges über mich und mein Kind und unsere Beziehung gelernt habe, empfand ich die gestrige Szene als Ausgleich zum Geschehen vom Sonntag. Mein innerer Frieden ist seither weitestgehend wieder hergestellt und ich werde aufmerksam beobachten, wie ich mit der Wut meines Sohnes in Zukunft umgehe. Die Erfahrung, dass Gelassenheit und Atembeobachtungen der entspanntere Weg sind, hat mein Mittelhirn hoffentlich auch irgendwie abgespeichert...

Wie geht es dir mit diesem Artikel? Hinterlasse gern einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de.

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About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

9 thoughts on “Wenn ES doch passiert – Warum die guten Vorsätze im gewaltfreien Umgang miteinander manchmal versagen

  1. Danke das macht mkr Mut und beschämt mich gleichzeitig zutiefst. Eben weil ich diese Situationen kenne und nur mit „ich muss gelassener werden -ich will nicht so reagieren“ bearbeite. So einen klaren Weg hab ich bisher noch nicht gesehen. Wenn ich jetzt nochmao neu mich tiefgreifender mit der Thematik beschäftigen will, hast du nen Literatur Tipp für mich?

    1. Liebe Anika,
      die Tatsache, dass du solche Artikel liest, wie den obigen, kann man wohl so deuten, dass du eben doch mehr tust, als nur mit „ich muss gelassener werden- -ich will nicht so reagieren“ heran zu gehen. Die Arbeit an sich und den alten u.a. durch die eigene Erziehung antrainierten Gewaltmustern ist ein langer Prozess. Jede Mutter und jeder Vater, der mehr tut, als seine „Entgleisungen“ einfach hinzunehmen ist auf einem guten Weg. Auch du tust in jedem Moment das Beste, was du gerade tun kannst! Ich weiß, dass es unheimlich schmerzhaft ist, wenn ES doch passiert, aber ich kann dir versichern, dass die aktive Auseinandersetzung damit wirklich Wunder hilft. Das Buch, was mir da ungemein geholfen hat, war von Britta Hahn: Mama, was schreist du so laut?
      Vielleicht hilft es dir ja auch…
      Alles Liebe
      Mareike

  2. Hallo Mareike,
    vielen Dank für die ausführliche Schilderung! Es tut gut, dass es Dir auch so ergeht und ES passieren kann. Ich war teilweise verzweifelt, weil ich meinen Sohn angeschrien habe und echte Verzweiflung auch in seinen Augen gesehen habe. Wenn er wütend war, war ich auch wütend und konnte ihn nicht mehr an mich ranlassen. Letzte Woche wollte ich ihn aus der Kita abholen und er schickte mich weg, er wolle noch länger bleiben (vorher hatte er immer schon gewartet und kam freudestrahlend auf mich zugelaufen). Ich konnte ihm noch nicht einmal ein Zugeständnis mit noch etwas spielen machen, da es sofort Wutgebrüll gab. So habe ihn zum Auto gezogen. Da er aber gar nicht mehr in seinem Gebrüll ansprechbar war, habe ich versucht, ruhig zu bleiben, und ihm zu Hause zu zeigen, dass ich das verstehen kann, die Kita aber bald schließt und er morgen länger bleiben kann. Das kam vermutlich nicht bei ihm an. Aber meine Einstellung, dass ich ihn auch mit Wutgebrüll mag und bei ihm bleibe, auch wenn er sich selbst gerade nicht mag, kam an. Er ließ sich von mir trösten und ich habe ernsthaft den Eindruck, dass sich unsere Beziehung vertieft hat. Im Nachhinein war das für mich ein Erlebnis, was mir zutiefst gezeigt hat, was er dann braucht. Ich kann in solchen Momenten nicht analysieren, was der Auslöser für die Wut war (vielleicht hat er sich gefreut, dass er Mama zum ersten Mal nicht vermisst hat), aber ich kann ihn beobachten und fühlen, was er braucht. Vorher bin ich immer in die Luft gegangen, hatte schreckliche Reue- und Schuldgefühle und wir waren beide erschöpft.
    So weit wie Du, dass ich die Ursache für meine Wut in solchen Situationen kenne, bin ich noch nicht, aber vielleicht kommt das noch.
    Ich bin übrigens auf Deinen Blog gestoßen, weil mein Mann oft extrem entwürdigend mit unserem 3 jährigen spricht („was Du willst, interessiert hier keinen“ und ähnliches) und ich ihm das nicht sagen kann. Ich finde es das Schlimmste, was man Kindern antun kann, weil sie es auf ihre Person beziehen, aber ich dringe mit meiner Bitte nicht zu ihm durch. Vielleicht hast Du ja auch noch Erfahrungen damit, was man macht, wenn der Partner „anders“ ist und von Achtsamkeit und so nicht viel hält.
    Lieben Gruß, Kerstin

    1. Liebe Kerstin,

      danke für deine Offenheit und das Teilen deiner eigenen Erfahrungen! Ich freue mich wirklich, dass ich dem ein oder der anderen mit diesem Artikel vermitteln kann, dass es wirklich menschlich ist, wenn ES passiert. Das bedarf für mich auch eines fortwährenden Reflexionsprozesses. Was deinen Partner betrifft, kann ich dir nur so viel sagen: Es hilft vermutlich nicht viel, ihn aktiv mit deinen Vorstellungen zu konfrontieren. Er wird seine guten Gründe haben, so mit deinem Sohn umzugehen und ich vermute, seine Ansichten zum Thema „Umgang miteinander“ kommen aus seiner eigenen Kindheit (den Spruch, den du als Beispiel benutzt hast, kenne ich selbst gut aus dem Mund meines Vaters). Du kannst eine Verhaltensänderung nicht erzwingen, sondern lediglich vorleben, was du für richtig hältst. Wenn du dann, wenn er sich doch interessiert offen bist und ihn auch sehen kannst mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen, dann können kleine Schritte erfolgen. Bei meinem Mann war es ähnlich, erst langsam kam etwas in Gang, nachdem er gewissen „Effekte“ gesehen hat.

      Ich wünsche dir viel Kraft für deinen weiteren Prozess und ja, wisse unbedingt, dass es dir nicht allein so geht mit diesem ES…
      Alles Liebe
      Mareike

      1. Liebe Mareike,
        Danke für den Hinweis, dass ich vermutlich nur durch Vorleben etwas erreiche! Ich muss mir das immer wieder sagen, wenn ich versucht bin, meinem Mann zu erzählen, wie man mit diesem und jenem umgehen könnte. Ich möchte ihm auch nicht in den Rücken fallen, wenn er mit unserem Sohn schimpft, aber wenn es wirklich Gebrüll gibt, kann ich kaum anders. Es ist wirklich schwer, aber ich sehe wenigstens klarer und weiß meine Richtung. Vielleicht färbt es ja etwas ab. Danke für die Kraft-Wünsche und die Offenheit, dass es bei Euch auch nicht von Anfang an von beiden so gelebt wurde.
        Eine gute Zeit mit viel Freude,
        Kerstin

        1. Liebe Kerstin,
          Vielleicht hilft es euch, wenn du deinem Mann zunächst Einfühlung gibst: „Bist du verärgert/wütend, weil …“. Nach meiner Erfahrung ist jeder Mensch empfänglich für Anregungen zum eigenen Verhalten, wenn das eigene System gesättigt ist mit Einfühlung, wenn man sozusagen ganz gesehen wurde. Das stärkt zudem auch die Beziehung zwischen euch beiden.
          Alles Liebe
          Mareike

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