Mit dem Herzen hören und sehen lernen

In der letzten Woche habe ich viel Energie getankt. Ich besuchte einmal mehr ein Seminar zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation (GFK)“, diesmal mit dem Fokus auf Kinder. Da sich der Titel mit meinem eigenen Herzensthema befasst, konnte ich nicht widerstehen und habe drei tolle Tage mit Gleichgesinnten verbracht.

Mir ist in diesen intensiven Tagen wieder einmal bewusst geworden, dass die Gewaltfreie Kommunikation wirklich mein Weg ist :-). Weil sie eine Sprache ist, die aus dem Herzen kommt. Die Umsetzung der GFK orientiert sich zwar an einem 4-Schritte Modell, aber sie hängt stark von meiner inneren Haltung ab. Die Methode ist dabei nur das Hilfskonstrukt.

Ich möchte heute einen Aspekt der GFK aufgreifen, der mich während des Seminars sehr berührt hat. Diesen sehe ich als einen „Schlüssel“ an, mit dem man auch ohne weitere GFK Kenntnisse schon sooooo viel Entspannung in jede Art Beziehung bringen kann. Und nun Trommelwirbel, jetzt kommt es:

Das Mantra der guten Gründe

Hierbei geht es darum, dass ich in jeder Situation, ob ich sie mag oder nicht, die Haltung einnehme, dass jeder Mensch für sein Verhalten einen wirklich guten Grund hat. Ja, auch dann, wenn er etwas (aus meiner Perspektive) wirklich Schlimmes tut.

Für manch einen unter euch mag das jetzt befremdlich klingen. Und zugegeben, es ist super schwer hinter einem Schlag ins Gesicht den GUTEN GRUND zu sehen. Wenn wir uns jedoch in dieser Haltung schulen, dann können wir maßgeblich zum Frieden in unserer Familie und in unserem gesamten Umfeld beitragen.

Wie soll das gehen?

Nun, es erfordert ein bisschen Achtsamkeit, diese Haltung zu bewahren, wenn jemand etwas tut, was uns wirklich auf die Palme bringt. Dafür arbeite ich gerne wieder mit einem lebensnahen Beispiel aus meinem Alltag:

Beobachtung: Mein Sohn rupft in unserem Garten derzeit gern die Blütenköpfe meiner Pfingstrosen und Kamille ab. Beide Pflanzen mag ich wirklich gern und ich habe ihm auch schon häufiger gesagt, dass ich nicht will, dass er die Blüten abrupft. Und trotzdem tut er es im Moment beinah jedes Mal, wenn wir im Garten sind. Ja und da wallen schon starke Impulse in mir auf, ihn z.B. anzumotzen oder am Arm wegzuzerren. Ich jedenfalls wirklich genervt und traurig, weil ich die Schönheit der Blumen gern erleben möchte.

Doch dann erinnerte ich mich an das, was ich im Seminar nochmal deutlich mit den anderen TeilnehmerInnen besprochen hatte. Ich nahm mir Zeit, um genau nach dem Guten Grund des Verhaltens meines Kindes zu suchen. Dabei beobachtete ich, dass er gar nicht einfach so die Blüten abrupft. Nein, er sucht sich eine Blüte aus und guckt sie sich erstmal intensiv an. Dann erst rupft er sie ab und nimmt sie langsam auseinander (einzelne Schichten der Blütenblätter und dann die Mitte). Er riecht sogar an allen Teilen, die er zerlegt. Ich habe da also eigentlich einen kleinen Forscher, den es zu interessieren scheint, wie diese Blüten aufgebaut sind, wie sie riechen usw. Ich vermute auch, dass die sehr intensive Farbe der Pfingstrose (ich habe so eine knallpinke im Garten stehen) ihn besonders anzieht.

Ich glaube, die Situation wäre auch schon eskaliert, also ich wäre schon richtig ausgeflippt, wenn ich mich nicht am Guten Grund hinter diesem Verhalten orientiert hätte.

Auf Schatzsuche mit dem „Mantra der guten Gründe“

Das Interessante an dieser Beobachtung ist, dass ich Gefahr gelaufen bin, wegen dieses Verhaltens wirklich einen Krieg anzuzetteln. Es hat mir überhaupt nicht gefallen, dass er die Blüten abrupft. Ich war in einem inneren Monolog verstrickt, der sich mit meinen Grenzen befasst hat. Ich habe vor mich hin gebrummelt, dass man so ein Verhalten ja auch mit GFK im Hinterkopf nicht dulden muss, dass ein Kind Achtung vor der Natur haben sollte, etc. Ich habe ihm genau genommen unterbewusst „Zerstörungswut“ unterstellt. Erst, als ich mir wirklich die Mühe gemacht habe, seinen guten Grund zu sehen, merkte ich, dass ich total auf dem Holzweg war.

Und noch etwas ist mir inzwischen klar geworden (und das konnte ich auch erst sehen, als ich mein „Mantra des guten Grundes“ angewandt habe): Wenn ich ihn davon abgehalten oder gar dafür bestraft hätte, hätte ich vielleicht einen wichtigen Teil seines „Forschergeistes“ zerstört! Die Information, die bei ihm im Fall einer Bestrafung angekommen wäre, wäre nämlich folgende gewesen: „Ich werde bestraft, wenn ich etwas genau untersuche. Dann lass ich das mal besser.“

Da, bitte jetzt haben wir gleich noch die Antwort darauf, warum sich heutzutage so wenig Kinder für Naturwissenschaften interessieren – Wir hindern sie am Blüten abrupfen!!! (hahaha)

Aber bleiben wir mal bei der Sache. Ich fasse nochmal zusammen: Mein Sohn hat sich ein Bedürfnis erfüllt, er wollte etwas lernen. „Wie sieht so eine Blüte im Detail aus und wie riecht sie?“ Leider hat mir die von ihm gewählte Strategie, die er dafür angewandt hat (Blüte abreißen und zerlegen) nicht gefallen.

Mit etwas weniger Bewusstsein für die Ideen der Gewaltfreien Kommunikation und Achtsamkeit im Hinterkopf hätte ich wohl tiefgreifend seine natürlichen Neigung zum Lernen beeinträchtigt. (Oh Gott, an welchen Stellen mach ich das noch???) Und nur, weil ich in dieser Situation bereit war, seine guten Gründe zu sehen, ist weder ein Krieg ausgebrochen noch habe ich das Wachstum meines Sohnes behindert.

Mit Blick auf diese Erkenntnisse, finde ich es immer noch schade, wenn die ein oder andere Blüte draufgeht. Aber ich bin bereit, sie der Forschung zu opfern (hahahaha). Tja und mit den neuen Erkenntnissen im Hinterkopf habe ich gerade nicht das Bedürfnis, an seiner Strategie etwas zu ändern. Wenn es mich allerdings stark anpiepen würde, dann würde ich wirklich schauen, ob wir nicht noch anderen Strategien anwenden können, um sein Bedürfnis nach Lernen zu befriedigen.

Ich könnte ihm z.B. ausgewählte Blüten anbieten (oder die, die ohnehin schon am abblühen sind). Oder ich könnte nochmal versuchen ihm klar zu machen, dass mir die Schönheit in unserem Garten wichtig ist. Wenn ich mich also an den guten Gründen (oder auch Bedürfnissen) meines Sohnes orientiere, dann kann ich echt kreativ werden und neue Strategien finden, mit denen wir beide glücklich sind.

Wow, was man aus – oberflächlich betrachtet – so simplen Alltagssituationen alles über sich und sein Kind lernen kann. Das ermutigt mich total, weiter mit dem „Mantra der guten Gründe“ herum zu experimentieren und mal zu schauen, in welchen Alltagssituationen ich es noch schaffe, Entspannung rein zu bringen…

Auch heute lade ich dich wieder ein, mir deinen Gedanken und Gefühle zum Artikel mitzuteilen. Hinterlasse gern einen Kommentar oder schreib mir: liebevollefamilie@gmail.com

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