Die Beziehungsgestaltung zu meinem Kind ist meine Verantwortung!

Die Beziehungsgestaltung zu meinem Kind ist meine Verantwortung!

Für die Gestaltung der Beziehung zu meinem Kind bin ich als Erwachsene(r) allein verantwortlich! Zumindest dann, wenn ich wirklich eine Beziehung will und nicht darauf aus bin, mein Kind zu erziehen und es dadurch dazu zu bringen, zu „funktionieren“.

Puhh, harter Tobak!?

Nachdem ich eine Zeit lang nicht dazu gekommen bin, mich meinem Blog zu widmen, komme ich heute gleich mit einem solchen Paukenschlag?

Ja, denn diese These oder innere Haltung ist es, die mich aktuell sehr umtreibt.

Sowohl in meinem privaten als auch in meinem beruflichen Umfeld bin ich gerade (wieder einmal) stark herausgefordert, meine persönliche, auf Gewaltfreiheit und Frieden beruhende Haltung (ich arbeite daran) zu überprüfen und meine Haltung und Werte zu vermitteln.

Ich richte mich seit sieben Jahren immer wieder an Marshall B. Rosenberg aus. Was mich besonders berührt ist seine Argumentation, dass das Leugnen der persönlichen Verantwortung für das eigene Handeln, aber besonders der eigenen Gefühle eine der Hauptursachen für emotionale und körperliche Gewalt in unseren Beziehungen ist.

Es gibt ein sehr berührendes Youtube Video, in dem er den Zusammenhang zwischen der Leugnung von Verantwortung und dem Anwenden von Gewalt beschreibt. Darin beschreibt er die fatalen Folgen für unser Miteinander, wenn wir behaupten, dass wir ja auf eine bestimmte Weise handeln mussten oder dass wir gezwungen seien, auf eine bestimmte Art zu handeln oder dass wir denken, wir müssten auf eine bestimmte Art handeln. (Den Link zu diesem kurzen Video findest du am Ende dieses Artikels.)

Leider bekomme ich genau diese Argumentation, die die eigene Verantwortung in Sachen Beziehungsgestaltung leugnet im Kontext von Familie und Beziehung zum Kind recht häufig zu hören. Aktuell so sehr, dass ich richtiggehend genervt bin. Ich bin deshalb genervt, weil ich einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Haltung und dem Scheitern darin sehe, wirklich gewaltfreie und bedürfnisorientierte Beziehungen zu unseren Kindern zu leben.

Ich höre sehr häufig Sätze, wie:

„Ich muss ja arbeiten, deshalb muss mein Kind auch in die Kita/Schule usw.! Da muss es durch!“
„Mein Kind hat sich so und so verhalten, da musste ich etwas tun/ Grenzen aufzeigen.“
„Mein Kind hat mich provoziert! Da konnte ich ja nur wütend werden!“
„Mein Kind macht das ganz bewusst und provoziert eine solche Reaktion! (Das sehe ich daran, dass es lacht, während es xy tut!)“
„Der testet ja nur, wie weit er gehen darf. Da muss ich schon Einhalt geben! (Sonst wird er ja ein kleiner Tyrann.)“
„Ich muss ja auch bestimmte Dinge tun im Leben, dass sollte mein Kind ebenfalls lernen, dass nicht immer Wahlfreiheit ist!“

JA, genau diese Haltung ist es, die uns und unseren Kindern (aber auch allen anderen um uns herum) Gewalt antut. Wir sind so schnell dabei, solche Sätze zu sagen und erwarten Gehorsam von unseren Kindern. 

Damit opfern wir aber die Beziehung zu unseren Kindern. 

Ich bin mir bewusst, dass solche Gedanken für viele Menschen gewichtige Argumente beinhalten, sprich: In ihrer Wahrnehmung und ihrem Denken wirklich wahr sind.

Wenn wir nicht gelernt haben, diese Gedanken zu hinterfragen, glauben wir diese Dinge häufig wirklich. Viele dieser Gedanken haben ihren Ursprung bereits in unserer eigenen frühen Sozialisation oder Erziehung.

Ich schließe mich dabei nicht aus. Auch ich beobachte solche Gedanken in mir immer wieder! Trotz jahrelanger Reflexion, trotz Meditation, trotz Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation usw.!

Paradoxerweise sind diese Gedanken häufig getrieben von unseren Sorgen um unsere Kinder, zum Beispiel, wenn es um die große Frage geht, wie unsere Kinder sich später in der Gesellschaft zurechtfinden sollen.

Aus irgendeinem Grund hält sich die Angst davor, dass unsere Kinder „lebensuntauglich“ werden, wenn wir nicht erziehen – oder ihnen zumindest beibringen, dass wir bestimmte Dinge tun MÜSSEN, hartnäckig!

Aber ist das wirklich wahr und vor allem notwendig?

In mir wächst ein zunehmendes Bewusstsein dafür, dass die innere Haltung des Müssens ein direkter Weg hin zu einem gewaltvollen Verhalten gegenüber meinem Kind ist.

Warum?

Dann kann ich die Verantwortung an die Umstände abgeben. Es ist schwieriger und unbequem, mein Handeln meinem Kind gegenüber zu hinterfragen. Entscheide ich mich nun GEGEN die Konventionen und FÜR mein Kind, setze ich mich unangenehmer Kritik von außen aus. Wenn ich mein Kind ernst nehme und mich an seinen Bedürfnissen orientiere, dann kann es – nach landläufiger Meinung – ja nur ein Tyrann werden. Es ist durchaus herausfordernd, das auszuhalten. Es lohnt sich aber!

Gebe ich der  Beziehung zu meinem Kind dem Vorrang und begegne ich ihm auf Augenhöhe, bemühe ich mich, im Kontakt mit ihm zu sein. Sehe ich ihn wirklich, kann ich einen Umgang finden, der uns beiden gut tut.

Dazu ist es notwendig, die Muss-Haltung in mir zu entschärfen. Ein für mich stimmiger Weg dahin ist, Gedanken, die „muss“ oder „sollte“ in sich tragen, in das zu übersetzen, was mir wichtig ist. Denn diese Gedanken sind getrieben von unseren Bedürfnissen.

Was also ist es, dass ich brauche, wenn ich denke: „Der Kleine muss doch jetzt endlich schlafen. Sonst kommt er morgen früh nie aus dem Bett?“

Der Zugang zu meinen Bedürfnissen führt über die Wahrnehmung meiner Gefühle!

Damit meine ich das Spüren meines Körpers mit seinem aktuellen Befinden. Wenn ich also diesen Gedanken denke, nehme ich wahr, wie ich mich anspanne vor allem im Schulter- und Nackenbereich, wie innerer Druck in mir entsteht und wie ich den Atem anhalte. Ich empfinde zudem Frustration und Hilflosigkeit.

Diese Gefühle entstehen auch deshalb in mir, weil ich etwas außerhalb meiner eigenen Prägung umsetzen möchte, denn ich musste als Kind schlafen gehen, wenn meine Eltern es so wollten und es gab für mich keine Möglichkeit, mit ihnen zu verhandeln.

Dass ich diese Anspannung, den Frust und die Hilflosigkeit wahrnehme, ist der erste Schritt, um Verantwortung zu übernehmen.

Dieses Bewusstsein ermöglicht mir, im zweiten Schritt wahrzunehmen, welche Bedürfnisse sich durch diese Gefühle in mir zu Wort melden:

Ich merke, ich habe das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung, denn ich selbst bin vom Tag ziemlich erschöpft. Außerdem geht es mir mit Blick auf den nächsten Tag um Leichtigkeit und Vertrauen. Ja, ich möchte, dass wir alle gut aus dem Bett kommen und der Tag nicht mit Hektik und Frust beginnt.

Das sind sie also: meine Gedanken, meine Gefühle und meine Bedürfnisse.

Ich möchte gerne darauf hinweisen, dass die Wahrnehmung von Gefühlen sowie die Fähigkeit, sie zu benennen und sie mit Bedürfnissen zu verknüpfen, für mich in den letzten Jahren ein echter Lernprozess war (und ich vermute, dass dies auch weiterhin, vielleicht sogar lebenslanges Lernen bedeutet). Denn auch wenn das einfach klingt, war es für mich lange Zeit nicht einfach, Gefühle wahrzunehmen oder zu fühlen.

Nun kommt das Thema Verantwortung zum Tragen:

Dass diese ganzen Gefühle und Bedürfnisse in mir lebendig sind, ist für sich genommen total okay. Das darf alles da sein und seinen Raum in mir haben. Ja, es gehört zu einer verantwortungsvollen Beziehungsgestaltung dazu, dass ich mich vollkommen wahrnehme mit meinem Empfinden und meinen Bedürfnissen Raum und Platz gebe, damit sie sich zeigen dürfen.

Ich persönlich glaube, echte Verantwortung beginnt dort, wo es mir gelingt, diese Wahrnehmung ganz losgelöst von den Bedürfnissen meines Sohnes zu betrachten. Und mich dann, nachdem ich all dies in mir wahrgenommen habe, mit dem Befinden und den Bedürfnissen meines Sohnes zu verbinden, der vermutlich noch spielen möchte, noch Lust hat, Dinge zu erkunden und seine Kreativität auszuleben.

Indem ich meine innere Welt anerkenne, fällt es mir wesentlich leichter unsere beiden Welten anzuerkennen und jede für sich so sein zu lassen. Damit öffne ich einen Raum für unsere Begegnung. In diesem Raum kann die Einladung stattfinden, zu meinen Bedürfnissen beizutragen und die meines Kindes ebenfalls zu verhandeln.

Und ich bin immer wieder erstaunt, was aus dieser Haltung heraus alles möglich ist. Im Beispiel des zu Bett Gehens fanden wir beinahe jeden Abend neue Wege. Häufig tut es das Vorlesen, dann schläft er gleich ein. Manchmal kommt es aber vor, dass er noch einmal aufsteht nach dem Vorlesen und ich sehen kann, dass er wirklich noch nicht müde ist. Dann gebe ich manchmal an meinen Partner ab und gehe selbst schlafen. Auch das ist inzwischen okay für mich, denn ich kann vertrauen, dass mein Kind ins Bett geht (inzwischen von ganz allein), wenn er müde ist.

Und wir haben alle gewonnen, vor allem an gegenseitigem Respekt und an Vertrauen, dass wir einander sehen.

Also noch einmal zusammenfassend: Verantwortung übernimmst du dann, wenn du dich hinterfragst, wenn du in der „Muss-Haltung“ steckst.

Was fühlst du in der Situation? Was brauchst du? Was würde dir jetzt helfen?

Eine neue Haltung einzunehmen, aus der heraus ich Verantwortung übernehme, ist ein Weg und ein Prozess!

Ich kann mich und andere nur immer wieder dazu ermutigen, den Blick dabei auf die eigenen Bedürfnisse zu richten, denn diese innere Arbeit ist eine persönliche Befreiung.

Stell dir vor, du tust nichts mehr, weil du denkst, du musst es tun, sondern weil dir klar ist, welche Bedürfnisse du damit befriedigst. Stell dir vor, du hast IMMER eine Wahl!

 

 

Schau dir dazu auch Marshall B. Rosenberg an:

 

Ich möchte dieses Thema gern vertiefen und brauche Deine Mithilfe! Schreib mir gern als Mail oder einen Kommentar dazu, was du glaubst, dass du im Alltag mit Kind wirklich „musst“. Ich kann dieses Thema dann in einer Artikelreihe besprechen und mit dir/euch in den Dialog treten, ob wir wirklich all dies müssen und wie eine verantwortungsvolle Beziehungsgestaltung aussehen kann.

 

Alles Liebe,

Mareike

Die Reflexion um mehr Verantwortung in der Beziehungsgestaltung zu meinem Kind zu übernehmen entspricht ist ein Aspekt des 4-Schritte-Modells der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Wenn du mehr darüber lernen willst, schau hierzu gern in mein Seminar „Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern“ rein. 

Warum ich Heiligabend als Kind hasste und das heute zum Glück anders ist

Warum ich Heiligabend als Kind hasste und das heute zum Glück anders ist

In diesen Tagen reflektiere ich viel darüber, wie ich das Zusammenleben mit meinem Sohn noch friedvoller gestalten kann. Im letzten Artikel habe ich ja von meinen Herausforderungen berichtet…

Und da ich mich auf diese Reise begeben habe, kommen manchmal auch unangenehme Dinge zu Tage. So ereilte mich kürzlich ein Gefühl der Schwermut, eine innere Beklemmung. Ich verstand zunächst nicht, wo das herkommt. Dann erinnerte ich mich neulich im Halbschlaf an eine Szene aus meiner Kindheit, die sich an Weihnachten abspielte.

Diese Erinnerung war sehr schmerzhaft und mir wurde bewusst, dass ich immer noch traurig bin, weil es im Grunde immer das Gleiche war an Weihnachten. Seit ich denken konnte, war Weihnachten, speziell der Heilige Abend, in meiner Kindheit geprägt von Stress, Streit und einer Menge Wut und Traurigkeit.

Das lief in meiner Wahrnehmung ungefähr so ab:

Mein Vater schmückte am Vormittag den Weihnachtsbaum und meine Mutter werkelte in der Zwischenzeit in der Küche. Sie bereitete Essen vor. Wir vier Kinder, von zu viel Zucker und Vorfreude total aufgeputscht, tobten durch das Haus.

Irgendwann, ich glaube so nach dem Mittagessen, begann mein Vater meist zu brüllen, weil irgendwer zu laut war oder er einen handfesten Streit mit meiner Mutter hatte. (mehr …)

„Mama, warum schreist du mich an?“ – Über eine kurze Explosion und warum ich diese Situation feiere

„Mama, warum schreist du mich an?“ – Über eine kurze Explosion und warum ich diese Situation feiere

Heute Morgen ist es seit langem mal wieder passiert. Ich habe meinen Sohn angebrüllt!

Meine Arbeitstage sind derzeit mit Terminen und To-dos bis unter die Decke gefüllt! Ich könnte von morgens bis abends arbeiten. Ich habe auch Lust darauf, nur eben weniger Energie und Ressourcen, als mir lieb ist.

Mein Kind beherrscht es mit Perfektion, seine Finger auf meine wunden Stellen zu legen. So drückt er genau die Knöpfe, die mich immer wieder zur Selbstreflektion einladen. So auch heute Morgen:

Normalerweise ist es, einmal in den Straßensachen, kein Problem, morgens aus dem Haus zu kommen. Heute war jedoch alles anders. (mehr …)

Wie ich mit meiner Wut Frieden schloss

Wie ich mit meiner Wut Frieden schloss

Nächste Woche ist es soweit: Der erste Todestag meines Mannes steht an. Mit gemischten Gefühlen schaue ich auf das vor mir liegende Ereignis und mir schlottern ein bisschen die Knie. Ich bin enorm unsicher, wie ich diesen Tag begehen will. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, ob und wie ich seiner gedenken will.

Nun, nach fast einem Jahr bin ich in meiner Trauerarbeit durch ziemlich viele emotionale Phasen gegangen. Ich habe tiefe Traurigkeit erlebt. Immer wieder erfassten mich Angst und auch Zweifel, dass ich dieses Erlebnis jemals verarbeite und meinen Weg gehen kann.

Und ich hatte viel Wut. (mehr …)

10 Wutfallen im Familienalltag und wie du sie entschärfen kannst – Teil 2

10 Wutfallen im Familienalltag und wie du sie entschärfen kannst – Teil 2

Nachdem ich vergangene Woche über die ersten fünf der angekündigten zehn Wutfallen geschrieben habe, möchte ich mich heute mit dem zweiten Teil auseinander setzen.
Vielleicht ist dir bereits aufgefallen, dass Wut viel mit deinen Gedanken und deiner Perspektive auf eine bestimmte Situation zu tun hat. Das ist tatsächlich auch einer der beiden Hauptaspekte, die sie ausmachen. Letzte Woche schrieb ich über den Zusammenhang von Wut und hungernden Bedürfnissen. Heute vertiefe ich den Zusammenhang mit unseren Gedanken noch weiter. (mehr …)

„Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie deine Bedürfnisse!“ – Mein Schlüssel zu einem liebevolleren Familienleben

„Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie deine Bedürfnisse!“ – Mein Schlüssel zu einem liebevolleren Familienleben

Ich bin alleinerziehende, selbstständig berufstätige Mutter. Ich möchte für meinen Sohn das Beste. Dazu gehört für mich vor allem, dass er in Geborgenheit und Liebe aufwächst, frei von Angst und in dem Bewusstsein, dass er so, wie er ist, genau richtig ist und einfach so sein darf. Dies wirklich zu leben, erfordert von mir, dass ich den Fokus auf unsere Bedürfnisse setze. Dass ich aufmerksam bin, worum es ihm geht, wenn er Dinge tut, die mir nicht gefallen, und worum es mir geht, wenn ich von ihm Dinge verlange, die ihm nicht gefallen. (mehr …)