„Mama, warum schreist du mich an?“ – Über eine kurze Explosion und warum ich diese Situation feiere

Heute Morgen ist es seit langem mal wieder passiert. Ich habe meinen Sohn angebrüllt!

Meine Arbeitstage sind derzeit mit Terminen und To-dos bis unter die Decke gefüllt! Ich könnte von morgens bis abends arbeiten. Ich habe auch Lust darauf, nur eben weniger Energie und Ressourcen, als mir lieb ist.

Mein Kind beherrscht es mit Perfektion, seine Finger auf meine wunden Stellen zu legen. So drückt er genau die Knöpfe, die mich immer wieder zur Selbstreflektion einladen. So auch heute Morgen:

Normalerweise ist es, einmal in den Straßensachen, kein Problem, morgens aus dem Haus zu kommen. Heute war jedoch alles anders.

Nach einem in meiner Wahrnehmung ewigen Hin und Her, auf welchem Weg wir heute in die Kita gehen oder fahren, entschied sich mein Kind für das Laufrad. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon einen erhöhten Puls, weil mich ein zeitnaher Termin und die To-dos drückten. Aber ich bin ja geübt im Umgang mit solchen Situationen und atmete tief durch, weil das zunächst immer hilft.

Laufrad und Helm standen bereit. Gut, dann kann es ja los gehen. Ich entspannte mich wieder. Vor der Tür angekommen, nach gerade 10 Metern Weg, maulte mein Sohn, dass die Schuhe zu locker seien und er Angst habe, sie zu verlieren. Ich atmete daraufhin wieder tief durch und fragte ihn, ob ich ihm die Halbschuhe holen soll. Er nickte. Okay, gesagt getan, ich joggte in die zweite Etage und holte die Schuhe.

Die Halbschuhe waren angezogen, die Sandalen in die Tasche gepackt, los! Nach ca. 200 Metern blieb er wieder stehen. „Mama, mir tut mein Aua weh.“ Ich war überrascht. Welches Aua? Er zeigt mir einen Fleck am Fußgelenk, auf den vermutlich die Schuhe rieben. Ich spürte, wie mein Adrenalinspiegel stieg, weil ich wirklich viel zu tun habe und ich an diesem Morgen auch einen Termin hatte.

Ich atmete weiter und musste mich schon sehr auf die Atmung konzentrieren, um nicht zu explodieren, weil der Druck in mir stieg. Trotzdem gelang es mir an diesem Punkt, noch ruhig zu fragen, ob wir doch lieber mit dem Auto fahren wollen. Er verneinte dies und fuhr ein Stück weiter. Ich trabte hinterher. Plötzlich hielt er an, drehte sein Laufrad um und fuhr ohne etwas zu sagen, in die andere Richtung zurück. Ich konnte nicht mehr anders und brüllte hinter ihm her: „Hey, was wird denn das jetzt!? Kannst du mir bitte sagen, wenn du es dir anders überlegst und nicht einfach davon fahren!!!“

Er blieb stehen, sagte, er wolle doch Auto fahren und fuhr zum Auto, das zum Glück vor der Tür stand. Ich war stinksauer! Bekam mich aber wieder ein, packte Laufrad und Helm in den Kofferraum, setzte das Kind in seinen Sitz und fuhr los.

Auf der Fahrt spürte ich, wie es in mir grummelte, wie ich Gedankenschleifen nachvollzog über die vergeudete Zeit, dass ich das nächste Mal doch gleich das Auto nehme. Und so weiter…

Neben mir saß mein Sohn und war sehr still und schaute mich an. Plötzlich fragte er, „Mama, warum hast du mich so angeschrien?“

Ich erklärte ihm, dass ich das tat, weil ich mich in dem Moment, als er ohne etwas zu sagen, an mir vorbei zurück fuhr, sehr hilflos gefühlt habe. Dass ich den ganzen Morgen schon so viel Zeitdruck in mir gespürt habe und es in diesem Moment aus mir herausgeplatzt ist.

Ich erklärte ihm auch, dass es nicht okay von mir war, ihn anzubrüllen, und dass ich das bedaure. Ich sagte, dass ich ihn lieb habe und dass ich so nicht mit ihm reden will. Ich fragte ihn, wie es ihm gerade geht, ob er erschrocken war, als ich gebrüllt habe. Er bejahte das und sagte:

„Das machst du ja sonst auch nicht. Ich habe dich lieb.“ Und mir kullerten die Tränen.

Mein Sohn konnte mich in diesem Moment mehr lieben, als ich mich selbst. In diesem Moment waren viele Gefühle in mir lebendig. Ich war traurig, dass mir das nach langer Zeit mal wieder passiert ist und dass ich mit meinen Energiereserven so wenig hausgehaltet hatte.

Da war aber auch ein kleiner Funken Hoffnung, denn ich konnte die Situation zumindest eine Weile gut händeln, und bin nicht sofort explodiert! Die Mareike von vor sieben Jahren hätte sicher bereits in der Wohnung den ersten Brüller losgelassen.

Da war auch Freude, weil ich so schnell wieder eine Verbindung zu meinem Sohn hergestellt hatte. Und dann war plötzlich eine Zärtlichkeit mir selbst gegenüber. Ich verzieh mir selbst, so wie mein Sohn es unterwegs im Auto tat.

Zwar habe ich mein altes Wutmuster immer noch in mir, kann mich damit aber zunehmend annehmen. In der Situation war weder Scham, dass ich nicht perfekt bin, noch irgendwelche selbstverurteilenden Gedanken, weil es trotz viel Übung mal wieder passiert ist.

Ich feiere heute, dass es so gelaufen ist, weil ich weiß, ich bin dennoch weit gekommen mit meiner Entwicklung. Mir ist bewusst, dass ich viele kleine Schritte unternommen habe und dass diese in Summe dazu geführt haben, dass es besser gelaufen ist, als es vor Jahren, bevor ich diese Reise antrat, gelaufen wäre.

Denn in einer Situation, in der ich unter diesem starken Druck stand, wäre es früher ziemlich schnell dazu gekommen, dass ich eine Schimpf- und Vorwurfstirade über meinen Sohn ergossen hätte. Danach hätte ich mich elend gefühlt, mich selbst gehasst und hätte jede Menge Verzweiflung gespürt.

Heute ist es deutlich anders gelaufen. Ja, ich hatte einen kurzen Moment, in dem es aus mir herausgebrochen ist. Aber er war zum einen eher kurz und zudem frei von Vorwürfen und Abwertungen meinem Sohn gegenüber. Ich konnte schnell eine Verbindung zu meinen primären Gefühlen unter der Wut und meinen Bedürfnissen herstellen. Ich war auch schnell wieder im Kontakt zu meinem Sohn.

Mir wurde heute deutlich bewusst, dass die alten unbewussten Reaktionsmuster weniger Kraft und Kontrolle über meine Handlungen haben als zu Beginn meiner Reise. Und ich freue mich über diesen Entwicklungsschritt.

Wie ich bereits letzte Woche geschildert habe, kommt im Moment die liebevolle Selbstannahme meiner Wut immer mehr zum Tragen. Für mich ist der wesentliche Unterschied, dass ich sie nicht mehr wegdrücke und mich vor allem nicht mehr abwerte, wenn solche Situationen geschehen. Dadurch gebe ich ihr Raum, um sie ganz zu spüren. Auf dem Weg zu meinem Termin nahm ich deutlich wahr, dass dieser innere Druck gerade mal wieder hausgemacht ist. Dass damit verschiedene Gedanken einher gehen, mit denen ich es mir selbst gerade schwer mache. Ich konnte diesen Bullshit dann auch sehr gut entkräften und fühle derzeit wieder mehr Leichtigkeit in mir. Das gelang mir nur, weil ich durch die Annahme meiner Wut keine Scham mehr empfand, die früher sofort einen „Wegdrückimpuls“ in mir ausgelöst hätte.

Ich bin mir sicher, dass es unter der Wut noch mehr zu entdecken gibt. Das kann ich aber nur, wenn ich mir gestatte, sie zu spüren. Und so erlebe und beobachte ich diesen Prozess weiter.

Alles Liebe

Mareike

P.S. Ich mag an dieser Stelle nochmal auf meine Impulswoche zum Thema „Umgang mit Wut“ hinweisen. Ich gebe ich 5 Tage am Stück gratis Impulse und Übungen in dein Postfach, die dir helfen, deine Wut besser zu verstehen und zu händeln. Hier kannst du dich dafür anmelden…

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

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