Wie ich mit meiner Wut Frieden schloss

Nächste Woche ist es soweit: Der erste Todestag meines Mannes steht an. Mit gemischten Gefühlen schaue ich auf das vor mir liegende Ereignis und mir schlottern ein bisschen die Knie. Ich bin enorm unsicher, wie ich diesen Tag begehen will. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, ob und wie ich seiner gedenken will.

Nun, nach fast einem Jahr bin ich in meiner Trauerarbeit durch ziemlich viele emotionale Phasen gegangen. Ich habe tiefe Traurigkeit erlebt. Immer wieder erfassten mich Angst und auch Zweifel, dass ich dieses Erlebnis jemals verarbeite und meinen Weg gehen kann.

Und ich hatte viel Wut.

Das erste Mal, dass ich so richtig wütend über den Suizid meines Mannes war, geschah im Januar. Ich hatte damals den Eindruck, dass der Papier- und Bürokratiekram um die Nachlassregelung einfach nicht abnehmen wollte. Ich hatte mich durch die ersten Monate Trauerarbeit gekämpft, ich war quasi mit Überleben beschäftigt und hatte überwiegend einfach funktioniert. Aber ich arbeitete auch bewusst mit meiner Trauer, wobei ich wirklich viel Schmerz und Traurigkeit spürte, aber bis dato seltsamerweise keine Wut wahrnahm.

Die Wut kam erst Monate später und dafür dann mit ungeahnter Heftigkeit. Ja, ich war Anfang des Jahres stinkwütend. Ich erlebte mich in die Ecke gedrängt von dem Umstand, jetzt allein für mein Kind verantwortlich zu sein. Ich nahm es meinem Mann unglaublich übel, dass er seine persönliche Krise nicht konstruktiv angegangen war, weder therapeutische Hilfe noch andere Unterstützung angenommen hatte.

Und auch heute noch bin ich über diesen Punkt hin und wieder ziemlich wütend.

Meine Wut bzw. die Tatsache, dass ich wütend bin, ist immer noch sehr präsent. Und gerade durch diesen Trauerprozess habe ich eine wichtige Sache endlich begriffen:

Meine Wut ist ein Bestandteil meines Wesens und immer da, wenn mich das Leben am meisten herausfordert!

Ich dachte immer, dass ich sie eines Tages hinter mir lassen würde. Einfach nicht mehr wütend sein würde, wenn ich mich genug gesehen hätte, mit meinen alten hungernden Bedürfnissen aus der Kindheit. Aber ich beginne zu ahnen, dass das nicht so sein wird.

Inzwischen glaube ich, dass es meine Aufgabe ist, meine Wut zu integrieren und sie als Teil meines Wesens vollständig anzunehmen. Ich sollte sie nicht mehr als „Feind“ sehen, sondern ihr als Gefühl einfach ihre Daseinsberechtigung zugestehen.

Ich habe aufgehört, dagegen anzukämpfen, wenn ich wütend bin. Zudem habe ich aufgehört, mich für meine Wut zu schämen. Meine Wut ist mir inzwischen sogar irgendwie lieb geworden. Oder anders gesagt: Ich kann mich liebevoll annehmen mit meiner Wut.

Seitdem ich nicht mehr im Kampf gegen meine Wut bin, kann ich über meine Wut auch sehr schnell Frieden empfinden. Das klingt vielleicht grotesk. Aber indem ich sie annehme, mir sage: „Es ist okay, dass ich wütend bin!“ lässt sie augenblicklich nach.

Dieser Schritt hat mir viel innere Freiheit gebracht.

Der Moment, als ich aufhörte, meine Wut „weg machen zu wollen“, und sie einfach so zuließ, war enorm befreiend!

Und mit diesem Schritt, kann ich das Wesen meiner Wut richtig gut wahrnehmen. Inzwischen mag ich ihre Power sogar sehr.

Wenn ich wütend bin, bin ich lebendig und habe Kraft. Gerade zu Beginn meiner Trauerzeit hat diese mir enorm gefehlt. Ich hatte Gliedmaßen aus Blei. Alles war beschwerlich, jede Bewegung, jede Entscheidung, ja beinahe jeder Gedanke.

Erst mit der Wut kam auch meine Kraft und der Wille zurück, diese Situation zu meistern. In meiner Wut begehrte etwas in mir auf. Ich dachte: „Nein, ich weigere mich, mein Leben lang unter diesem Ereignis zu leiden und ein Opfer zu sein!“

Von diesem Tag an wurde ich wieder aktiv. Seither kann ich wieder Entscheidungen fällen, die mein weiteres Leben und das meines Sohnes betreffen.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Frieden mit meiner Wut schließen konnte und sie sogar als Unterstützung erlebe.

Ich habe inzwischen auch ein Bild zu meiner Wut. Meine Wut ist ein Raubtier. In meinem Fall ist es eine weiße Wölfin. Dieses Bild kam mir in einem Vertiefungsseminar zur Gewaltfreien Kommunikation, als ich einen aktuellen Konflikt bearbeitete, und ist seither in meinem Kopf.

Meine Wölfin (meine Wut) stellt mir nicht nur ihre Kraft zur Verfügung, sie schützt darüber hinaus auch meine Grenzen. Sie regt sich immer dann, wenn ich selbst wieder einmal verausgabt habe, nicht gut auf mich geachtet habe und mir zu viel aufgehalst habe. Sie schützt mich auch davor, anderen zu viel Raum in meiner Welt zu geben. Sie ist also eine gute Wächterin. Und ich kann sie nicht überhören. Sie ist so unmittelbar präsent mit ihrer Kraft. Das hilft mir enorm im Alltag zu schauen, was ich mir zumuten kann.

Das bedeutet jetzt nicht, dass ich in alte Muster verfalle und wahllos meine Umgebung meiner Wut aussetze.

Das Neue ist für mich, dass ich meine Wut nun wertschätze. Das wiederum stützt auch enorm mein Selbstwertgefühl, weil ich diesen Teil von mir endlich liebevoll annehmen kann. Die Wut zu nutzen, um endlich aktiv zu werden und mich aus der passiven Opferrolle zu befreien, ist ein konstruktiver Umgang mit ihrer Kraft. So übergieße ich nicht meine engste Umgebung mit ihr, sondern finde durch sie zu mir und zu neuen, lohnenswerten, liebevollen Zielen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar!

Ich möchte diese neue Perspektive auf den vollständigen Ausdruck von Wut gerne mit dir teilen. Deshalb habe ich beschlossen, eine neue Impulswoche zum Thema „Umgang mit Wut“ durchzuführen. Vom 17. bis 21. September begleite ich dich 5 Tage lang intensiv mit einem Impuls pro Tag, der dir hilft, mit deinen herausfordernden emotionalen Zuständen besser in Frieden zu kommen. Das ganze ist kostenlos und du kannst dich hier anmelden.

Ich freue mich sehr, wenn wir dir diese Perspektive ein bisschen weiter hilft und freue mich, dich ein Stück zu begleiten.

Alles Liebe

Mareike

About Mareike

Mein Herzensthema sind gewaltfreie Beziehungen zu Kindern leben. Motiviert durch meine eigenen Kindheitserfahrungen möchte ich dazu beitragen, dass Kinder heute fernab von Strafen, Drohungen, Manipulationen und physischer Gewalt aufwachsen können. Vor 5 Jahren absolvierte ich eine Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation und übe mich mit meiner kleinen Familie seither im gewaltfreien Miteinander. Ich kann sagen, dass es funktioniert und ich mein Familienleben als wunderbar und entspannt und freudvoll empfinde. Aus tiefer Überzeugung möchte ich mit anderen Eltern teilen, dass unser Zusammenleben so ungemein verschönert werden kann, wenn wir ablassen von alten Denkmustern hinsichtlich der Erziehung. Am besten lassen wir ganz die Finger davon und konzentrieren uns auf unsere Bedürfnisse. Das ist der Schlüssel zu mehr Frieden...

4 thoughts on “Wie ich mit meiner Wut Frieden schloss

  1. Danke für diesen Artikel!
    Auch wenn ich deine Gefühle nicht nachempfinden kann (weil ich diese Erfahrung nicht habe), ist es sehr großzügig von dir die zu teilen. Wut ist ein starkes Gegühl und es zu bändigen und zu akzeptieren fällt schwer, denn irgendwie hat es was mit Scham zu tun wütend zu sein. Zumindest fällt es mir gerade ein. Man ist oft so erzogen, die Wut zu (ver)meiden und kann daher selten damit umgehen.

    Viel Erfolg bei deinem Impulswoche-Vorhaben!
    Anastasia

    1. Liebe Anastasia,
      ich bin ganz bei dir, dass Wut leider häufig dazu führt, dass man sich für dieses Gefühl schämt. Ich kenne Beschämungen und Abwertungen, weil ich als Kind wütend war nur zu gut. Ich möchte gern erreichen, dass dieses Gefühl mehr akzeptiert, angenommen und integriert wird in unserem Denken. Vielleicht hilft die Impulswoche ein bisschen dabei, neues Bewusstsein dafür zu schaffen. Ich freue mich in jedem Fall, dass wir darüber in Kontakt gekommen sind!
      Alles Liebe dir!
      Mareike

  2. Liebe Mareike,
    ich kann viel zu Deinem Artikel sagen. Danke dafür, dass ich ihn lesen darf.
    „Meine Wut ist ein Bestandteil meines Wesens und immer da, wenn mich das Leben am meisten herausfordert!“
    Zu Deinem Kernsatz gehe ich eindeutig in Widerspruch.
    Wut ist in meinem Verständnis nicht mehr als ein Sekundärgefühl. Wenn ich wütend werde, frage ich mich, welches Primärgefühl sich dahinter verbirgt.
    Meist sind es meine Erwartungen, die mir nicht erfüllt werden… warum sollte sich auch mein Gegenüber mir unterordnen?
    Das niemand meinen Raum ungebeten betritt, ist meine Verantwortung. Wenn mir das nicht gelingt, bin eigentlich ich selbst der Adressat meiner Wut.
    Dir wünsche ich einen gelingenden Todestag – so wie es Dir gut tut, für Dich stimmig ist.
    Ich habe gerade gestern mit neuen Freunden auf den ersten Jahrestag meiner Trennung von einer großen Liebe mit Champagner angestoßen.
    Durch die Begegnung mit dieser Frau ist es mir möglich geworden, durch Türen zu gehen, die mir zuvor verschlossen waren.
    Unser Weg war zu Ende – das Potential, das wir hatten, war nicht lebbar – die Unlebbarkeit wäre nicht nötig gewesen. Das macht mich in Momenten durchaus wütend.
    Frieden mit Wutgefühlen ist gut – ohnedem ist es, so glaube ich, kaum möglich, die wahren Gefühle hinter der Wut zu erfassen. Gefühle, deren Autor ich bin. Niemand sonst.
    Herzliche Grüße

    1. Lieber Jens,

      ich danke dir für deinen deutlichen Hinweis darauf, dass Wut ein Sekundärgefühl ist. Ich bin mir dessen bewusst. Auch wenn ich das nicht deutlich geschrieben habe. Ich nehme die Wut in mir häufig als erstes Gefühl wahr, wenn es herausfordernd wird. Sie ist sicher ein Hinweis auf alle möglichen Gefühle darunter: Angst, Ohnmacht, Verzweiflung usw. Aber sie ist eben sehr präsent in meinem Leben. Ich habe inzwischen gelernt, die Gedanken und Gefühle darunter zu beleuchten und wahr zu nehmen, dennoch ist der Impuls immer noch der, dass ich wütend bin. Und worauf ich wirklich hinaus will, ist dass meine Wut einfach da ist und sich dieses wohl auch nicht mehr ändern wird. Das ist entgegen zu meiner bisherigen Annahme, dass ich sie irgendwann „weg bekomme“ eine neue Erkenntnis und damit bin ich im Frieden und kann noch besser hinschauen, was alles drunter liegt.
      Alles Liebe dir
      Mareike

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