„Ich will diese Wut in den Griff bekommen. Ich bedaure die Ausraster gegenüber meinen Kindern hinterher jedes Mal so sehr.“

So oder so ähnlich beginnen zahlreiche Gespräche, die ich im Rahmen meiner Arbeit als Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation mit Menschen führe.

Was mich dabei immer wieder berührt und in diesen Tagen stark umtreibt, ist weniger die Tatsache, dass ich solche Gespräche führe, sondern die Verzweiflung, die ich darin lese. Viele Eltern sind inzwischen durch die aktuelle Flut an Informationen über Ergebnisse der Hirn- und Bindungsforschung und auch Blogs über „Unerzogen“ und bedürfnisorientiertes Familienleben stark sensibilisiert. Ich begrüße das natürlich sehr. Allerdings spüre ich auch, wie das den inneren Druck für viele Eltern erhöht, die sich ohnehin schon in einem ständigen Teufelskreis aus Verunsicherungen und Selbstzweifeln bezüglich des Umgangs mit ihren Kindern bewegen.

Mein heutiger Artikel richtet sich also an alle Eltern, die immer noch der Meinung sind, dass unkontrollierbare Emotionen wie Ärger und Wut nur ihr eigenes Problem sind und die sich für ihre emotionalen Ausbrüche regelmäßig selbst innerlich kasteien.

Wenn du dich jetzt angesprochen fühlst: Hör bitte damit auf, dich selbst zu bestrafen, abzuwerten oder nieder zu machen, wenn dir mal wieder der Kragen geplatzt ist! Das wird an dem Umstand, dass es dir passiert, nichts ändern. Zusätzlich läufst du Gefahr, in eine ordentliche Depression abzurutschen.

Sicher ist ein solcher Ausbruch – besonders gegenüber dem eigenen Kind – kein Anlass zur Freude. Er ist vielmehr ein Anlass, sich zu überlegen, was deine Wut dir eigentlich sagen will. In einem früheren Artikel habe ich schon einmal darüber geschrieben, wie ich selbst mit der Wut als Wecker arbeite, und möchte dich ermutigen, dasselbe zu tun.

Was kannst du also aus deiner Wut lernen?

1.Wut ist ein deutliches Signal unseres Körpers, dass wir eine innere Not in uns tragen.

In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass jedes unangenehme Gefühl ein Hinweis auf ein unerfülltes Bedürfnis ist. Je stärker das unangenehme Gefühl, desto stärker hungert etwas in uns. Das bedeutet also, dass du immer dann, wenn du Wut in dir spürst, davon ausgehen kannst, dass du gerade dringend etwas brauchst. Im Alltag mit Kindern sind das häufig Bedürfnisse wie:

Ruhe: Nach einem anstrengenden Tag wünsche ich mir einfach nur Ruhe, anstatt mein Gehör von Geschrei und Getobe strapazieren zu lassen.

Leichtigkeit: Ich will einfach nur drei Dinge zum Abendessen einkaufen und ohne Widerstand seitens meines Kindes zügig den Einkauf erledigen.

Klarheit: Ich verstehe in manchen Situationen einfach nicht, wieso sich mein Kind gerade auf jene Weise verhält.

Tja, und in unserer Konditionierung darauf, Gefühle nicht wahrzunehmen, nehmen wir die leisen Signale bzw. Gefühle wie z.B. Erschöpfung, Irritation oder Anspannung, gar nicht wahr und reagieren entsprechend nicht auf sie. Unser System legt im Angesicht unserer Ignoranz noch einmal nach, damit wir es kapieren und dann wallt Wut in uns auf. Dann platzen wir in den belanglosesten Situationen:

Wir sind zum Beispiel eine Weile ruhig geblieben, obwohl der Knirps schon die dritte Tafel Schokolade in den Einkaufskorb gelegt hat, und wir alles beharrlich wieder ausgeräumt haben. Bei der vierten Tafel, die in den Korb wandern soll, ist das Maß erreicht. Wir platzen, beginnen zu schimpfen und zu schreien. Hinterher fragen wir uns, warum das so gelaufen ist. Es ging doch nur um eine blöde Tafel Schokolade…

Das bedeutet also, dass wir, solange wir nicht gelernt haben, die leiseren Gefühle wahr und ernst zu nehmen, immer wieder einmal ausflippen werden.

2.Wut ist ein Sekundärgefühl und geht mit abwertenden Gedanken einher.

Vielleicht fragst du dich jetzt: Was ist denn ein Sekundärgefühl? Antwort: Ein Sekundärgefühl ist ein Gefühl, das erst an zweiter Stelle auftaucht. Darunter liegt ein primäres Gefühl, das von ihm überlagert wird. Unter der Wut sind häufig Gefühle wie Scham, Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit verborgen.

Wieso werden wir dann überhaupt wütend, anstatt die anderen Gefühle wahrzunehmen?

Das ist eine berechtigte Frage!

Wenn man sich selbst genau beobachtet, welche Gedanken man in einem wütenden Zustand hegt, dann hat das sehr häufig mit Schuldzuweisungen („Wenn du du nur tun würdest, was ich sage, …“) oder Abwertungen („Was bist du doch für ein böser kleiner Tyrann.“) zu tun. Manchmal ist es auch ein Glaubenssatz darüber, was sein darf und was nicht oder wie etwas laufen sollte („Mit dem Essen spielt man nicht.“).

Dazu zitieren ich gern Marshall B. Rosenberg, der Wut wie folgt beschrieben hat:

„Wut ist das Resultat von lebensfeindlichem Denken, das abgeschnitten von unseren Bedürfnissen erfolgt. Sie ist ein Indikator dafür, dass wir uns mit unserem Bewusstsein in unserem Kopf befinden und dazu übergegangen sind, andere zu verurteilen oder zu analysieren, was mit ihnen nicht stimmt. Wenn wir wütend sind, haben wir unserer Bedürfnisse aus den Augen verloren, dann ist es Zeit, dass wir uns darauf besinnen, welche Bedürfnisse nicht erfüllt worden sind.“

Wenn ich nochmal das Beispiel mit der Schokolade im Supermarkt heranziehen darf, sind in solchen Situationen meist folgende oder ähnliche Gedanken im Spiel:

„Oh man, jetzt habe ich es schon dreimal gesagt, dass wir heute keine Schokolade kaufen. Der Kleine hört einfach nicht auf mich.“ (Bewertung)

„Immer so ein Theater beim Einkaufen! Wenn er so weiter macht, kommen wir viel zu spät nach Hause.“ (Verallgemeinerung und Schuldzuweisung)

„Jetzt testet er wieder aus, wie weit er gehen kann.“ (Interpretation)

Wenn es uns gelingt, diese Gedanken zu entlarven und uns ehrlich zu hinterfragen, ob das denn „wahr“ ist, was wir da gerade denken, dann merken wir häufig sehr schnell, das wir uns irren und verhindern damit, dass sich die Wut ihren Weg bahnt.

3.Deine Wut kann ein Weckruf sein, der dich dir selbst näher bringt.

Du weißt nun, dass deine Wut dir signalisiert, dass ein oder mehrere Bedürfnisse in dir hungern. Anstatt die Wut zu unterdrücken (was dir vermutlich ohnehin nur schwer bis gar nicht gelingt), kannst du sie zum Anlass nehmen, tief durchzuatmen und dich auf diese Bedürfnisse zu konzentrieren.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es tatsächlich möglich ist, die eigene Wut anzunehmen und zu halten. Sie wahrzunehmen, ohne sich ihr hinzugeben, und in diesem Lichte alles, was mit der Wut einhergeht, genau zu betrachten: die unerfüllten Bedürfnisse genauso wie die Beurteilungen und andere Gedanken, die die Wut befeuern.

Es bedarf eigentlich nur der Haltung, dass man die eigene Wut anerkennt und sie willkommen heißt als Warnsignal oder Weckruf. Dadurch kommt man leichter in Kontakt mit den primären Gefühlen.

Bei mir sieht das z.B. so aus:

Wenn ich wütend bin, spüre ich genau hinein in die Intensität der Wut. Dabei konzentriere ich mich auf meinen Atem. Wenn möglich, schließe ich die Augen und spüre das Pulsieren sowie die Kraft, die von der Wut ausgeht. Das ist der erste Schritt, mich wieder zu fangen, weil ich im Gespür für diese Kraft weiß, dass ich diese nicht an meinem Kind entladen will.

Von dem achtsamen Betrachten der Wut ausgehend, gelange ich auch zu der inneren Not, die sie zum Ausdruck bringt: Angst, Ohnmacht, Sorgen, Hilflosigkeit…

All diese Gefühle liegen darunter und sie schreien mir meine unerfüllten Bedürfnisse entgegen: Klarheit, Zuversicht, Verbindung, Trauer, Nähe, Liebe, Wohlwollen – die Liste ist, je nach Situation, endlos lang.

In der Wahrnehmung dieser Bedürfnisse entspannt sich etwas in mir. Ich kann klar sagen, was ich brauche. Damit verraucht die Wut in wenigen Sekunden, und ich kann mich darauf konzentrieren, meine Bedürfnisse und die meines Kindes anzuerkennen.

Ja, und dann ist die Schokolade wirklich wieder nur eine Lappalie, und ich lege sie entspannt auch zum vierten Mal zurück ins Regal (oder kaufe sie, weil ich meine Sorge um die Gesundheit meines Kindes als übertrieben erachte, jetzt, wo ich sie klar formulieren konnte).

Ich bin mir vollkommen bewusst, dass das, was ich hier beschreibe, viel leichter gesagt ist, als getan. Die Hürde vom theoretischen Wissen um die Gegebenheiten der Wut hin zur Umsetzung der beschriebenen Handhabung ist für viele Menschen wirklich groß. Ich betone daher, dass es ein Prozess ist, der immer und immer wieder auch bewusst angegangen werden muss, um Gelassenheit und den souveränen Umgang mit Wut zu trainieren.

Daher lade ich dich ein, dich deiner Wut zu stellen. Vom 13. bis 17.02.2017 veranstalte ich wieder eine Impulswoche, in der du dich diesmal auf den Umgang mit DEINER Wut fokussieren kannst. im Rahmen dieser Impulswoche bekommst du täglich Impulse und Übungen von mir, die dich auf deiner Reise ein Stück voran bringen können. Die Teilnahme ist natürlich kostenlos!

Update: Die Impulswoche ist leider vorüber. Die nächste Impulswoche gibt es voraussichtlich im April.

Außerdem freue ich mich wie immer, wenn du mir mitteilst, wie es dir mit diesem Beitrag ergangen ist. Hinterlasse dafür gern einen Kommentar oder schreib mir eine Mail: mareike@liebevollefamilie.de.